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Harte Zeiten, neue Chancen

10.03.2021

Wie verändert die Corona-Krise Unternehmen? Die Initiative #lernenausderkrise geht dieser Frage seit Anfang der Pandemie nach und hat jetzt die wichtigsten Learnings auch in einem Buch zusammengefasst. Wir haben den Fachexperten für Finanzen, Jürgen Kaiser, Managing Partner von dieSaremas, nach seinem Fazit nach einem Jahr Ausnahmezustand gefragt.

Welche Defizite hat die Krise aufgedeckt, die bei vielen KMU davor verborgen geblieben sind?

Die mangelnde Zukunftsfähigkeit so mancher Geschäftsmodelle sowie die geringe Veränderungsbereitschaft nehme ich eindeutig als Defizite wahr. Weiters liegt der Fokus oft zu sehr bei den Finanzen. Obwohl selbst als CFO tätig, sehe ich die Finanzen oft nur als das Symptom, aber selten als Ursache für eine unternehmerische Schieflage. Das Business-Umfeld tickt noch sehr analog. Solange der Mitbewerb auch nicht massiv in Innovation investiert, lebt es sich mit dem alten Geschäftsmodell recht gut. Das war allerdings vor der Krise. Mittlerweile ist hier aber eine Dynamik entstanden, die es schlicht überlebensnotwendig macht, seine Strategien und sein Geschäftsmodell grundlegend zu hinterfragen.

Wie gut ist die aktuelle Phase geeignet, um tiefgreifende Änderungen im Unternehmen vorzunehmen?

Aus vielerlei Hinsicht ist die Situation perfekt dafür. Der Widerstand bei Stakeholdern für nötige Veränderungen scheint aktuell geringer, daher eignet sich diese Krise für innovative Veränderungen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass in vielen Branchen die Änderungen sogar tiefgreifend sein müssen, da es sonst schwierig werden wird, von Banken bzw. Investoren die notwendigen finanziellen Mittel für einen erfolgreichen Fortbestand zu erhalten. Abgesehen davon wird es mittelfristig einen enorm steigenden Liquiditätsbedarf geben und Banken und Investoren werden nach sehr strengen Kriterien selektieren. Die Triage bei den Banken, sozusagen. Das zwingt Unternehmen zur Innovation und zum Überdenken der Geschäftsmodelle. Jene, die früh genug beginnen, werden rechtzeitig die nötige Liquidität erhalten und am Ende als Gewinner aussteigen. Gerade im digitalen Zeitalter erleben wir permanent geradezu eine Monopolisierung aufgrund der raschen Skalierung. „The winner takes it all“ führt dazu, dass Zeit und der sogenannte „First Mover Advantage“ einen wesentlichen Erfolgsfaktor darstellen.

Welche Learnings gibt es, die sich als besonders wirkungsmächtig erwiesen haben?

Das Thema Effizienz ist wieder stärker in den Fokus gerückt. Die Notwendigkeit, gewisse Prozesse oder Gewohnheiten aufgrund der Covid-Krise anders anzugehen, haben auch einen neuen Blickwinkel gebracht. Vieles davon wird auch Post-Corona erhalten bleiben. Einerseits sind Ineffizienzen wie beispielsweise lange Flüge für kurze Meetings und andererseits mögliche Effizienzsteigerungen durch beschleunigte Digitalisierung transparent geworden. Gerade der Finanzbereich dürfte besonders davon betroffen sein. Das volatile Umfeld sowie das Erfordernis einer schnell rollierenden Liquiditätsplanung haben deutlich kürzere Planungs- und Reporting-Zyklen zur Folge. Dies wird erst durch ein hohes Ausmaß an Digitalisierung im Finanzbereit möglich. Hier werden wir in naher Zukunft noch einiges an Wandel erleben.

Welche Rolle spielt Kooperation mit anderen Betrieben? Rückt die Wirtschaft stärker zusammen?

Im Zuge der Interviews im Rahmen der Initiative „Lernen aus der Krise“ war eine überraschende Erkenntnis, dass branchenintern innerhalb der Lieferketten die Unternehmen stark zusammengerückt sind. Es wurde versucht zu helfen, wo möglich. Pönalezahlungen bei Verzug wurden plötzlich nicht in Anspruch genommen. Und das, obwohl (oder vielleicht auch gerade weil) jeder die Liquidität und die Lieferfähigkeit als oberste Prioritäten angesetzt hatten. Eine aktive Stakeholder-Kommunikation hat sich also bezahlt gemacht. Die relevantesten Lieferanten mit ausreichend Liquidität versorgt zu wissen, war oft ebenso bedeutend, wie selbst über ausreichend Liquidität zu verfügen. Generell hat das Wissen, um die aktuelle Situation bei Kunden und Lieferanten zugenommen, ebenso wie die Loyalität zu den Stammlieferanten. Salopp könnte man sagen: Treue vor Risikovorsorge.

Wie gut Unternehmen die Krise meistern, hängt sehr häufig von den Mitarbeitern ab. Welche Erkenntnisse gibt es für den Bereich Leadership?

Führungskräfte haben gemerkt, dass sich das Homeoffice nicht negativ, sondern sogar signifikant positiv auf die Produktivität ausgewirkt hat. Mit teils technischen Herausforderungen, aber dennoch, im Grunde ist die Rückmeldung, dass Mitarbeiter deutlich motivierter sind, was schon eine starke Aussagekraft hat, die zu denken geben sollte. Ich habe in vielen Unternehmen die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeiter wahre Ideen– und Innovationsquellen sein können, wenn sie es dürfen. Leider wird den Mitarbeitern zu wenig Vertrauen geschenkt. Als externer Berater ist es in erster Linie unsere Aufgabe, dieses Wissen in den Führungskräften und Mitarbeitern „freizulegen“ und ein vertrauliches Umfeld für einen Austausch auf Augenhöhe zu schaffen. Kompetentes Leadership lässt das zu. Ich hoffe und bleibe optimistisch, dass die Learnings aus der Krise dazu führen werden, dass Führungskräfte wieder mehr auf ihre Mitarbeiter hören und achten. Die wahren Leader haben das ohnehin schon immer gemacht.

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