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Harald Koisser macht Mut | Folge 23: Führungslos erfolgreich

16.10.2013

Die brasilianische Firma Semco ist der Albtraum jedes Personalchefs. Es gibt keine Hierarchien, keine Personalabteilung, keine Stechuhren – und dies bei 3.000 Mitarbeitern. Das Unternehmen ist führungslos und erfolgreich.

Nein, Semco ist kein Internetspiel, sondern eine richtige Firma in Brasilien, die von Industrieequipment bis zu Postlösungen einiges anbietet. Der Mehrheitseigner Ricardo Semler hat vor rund 25 Jahren die Firma mit 90 Mitarbeitern übernommen und sofort mit einer radikalen Demokratisierung begonnen. „Die Menschen sind viel zu sehr darauf fixiert, wie etwas gemacht wird", sagt Semler und ergänzt: „Du bist fünf Minuten zu spät! Wen interessiert das? Wir brauchen Leute, die ein bestimmtes Ergebnis liefern." Heute ist Semco ein 3.000 Personen starkes und sehr erfolgreiches Unternehmen, zu dem Manager aus aller Welt pilgern wie Kinder nach Disneyland: zitternd vor Aufregung und mit großen, staunenden Augen.

 

Was dort passiert, ist der pure Albtraum für jeden Personalchef: Die 3.000 Mitarbeiter wählen ihre Vorgesetzten, bestimmen ihre eigenen Arbeitszeiten und Gehälter. Es gibt keine Geschäftspläne, keine Personalabteilung, fast keine Hierarchie. Alle Gewinne werden per Abstimmung aufgeteilt, die Gehälter und sämtliche Geschäftsbücher sind für alle einsehbar, die E-Mails dafür strikt privat, und wie viel Geld die Mitarbeiter für Geschäftsreisen oder ihre Computer ausgeben, ist ihnen selbst überlassen. Jeder kann zu jedem Meeting kommen und es wieder verlassen, wenn es ihn langweilt.

 

Die Mitarbeiter haben dort laut einer CNN-Studie mehr Zeit für Freizeit und Familie als in jedem anderen Unternehmen, weil sie ja auch ihre Arbeit selbst einteilen, und erbringen zugleich eine überdurchschnittlich hohe Leistung. Mit Mobbing und Magengeschwüren hat man dort nicht zu tun. Jegliche Form von Kontrolle – Stechuhren, E-Mail-Spionage, Sperren von Websites, Produktivitätsreports etc. – wurden durch umfassendes Vertrauen ersetzt. Das Unternehmen ist gewissermaßen führungslos, und wer in dieser Welt nicht mitkommt, geht ohnehin. Freiwillig, so wie fast alles bei Semco freiwillig passiert.

 

Semler hat sein System sowohl in Fabriken als auch in Büros umgesetzt. „Und das funktioniert wirklich?", wird er immer wieder gefragt. Es funktioniere nur so, meint er und wundert sich, wie man in den üblichen Systemen, basierend auf Repression, Kontrolle sowie Hire and Fire, überhaupt irgendetwas leisten kann.

 

Vielleicht ist ja der Albtraum der einen der Wunschtraum für alle. Personalchefs kann man ja umschulen und in einen demokratischen Arbeitsprozess eingliedern, hofft Semler und propagiert unverdrossen das „Sieben-Tage-Wochenende" für alle.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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