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Harald Koisser macht Mut

08.10.2014

Wie würden wir uns fühlen, stünden in unseren Körpern Leber und Milz in Konkurrenz ­zueinander? Der Mythos vom Konkurrenzkampf darf sich verabschieden. ­Kooperative Wirtschaftsmodelle sind gefragt.

Homo hominem lupus est. Der Stärkere gewinnt, Fressen und gefressen werden, die Natur ist grausam. Die Welt ist eben so! Der Mensch sowieso! Und weil so viele das so beharrlich glauben, schauen so auch unsere Karrierepläne und Marketingstrategien aus. Man boxt sich gegenseitig in die Rippen und von der Karriereleiter, mobbt und unterdrückt einander freundlich lächelnd, schafft das Leben kaum und verachtet noch schnell den Nachbarn, der früher als man selbst zusammenbricht. Und so ist auch die Sprache der Ökonomie. Es geht darum, Marktanteile zu erobern und Konkurrenten aus dem Markt zu drängen. Auch wenn wir unsere Brutalität kaum mehr aushalten.

Der Mensch hat kulturelle Wunder vollbracht, ist bekanntlich zur Liebe fähig, verfügt über Humor und ist ein zutiefst soziales Wesen. Wie kommen wir also auf die Idee, Wettbewerb und Konkurrenz als Nonplusultra des ökonomischen Miteinander zu feiern?
Als Begründung dient uns ein missverstandener Darwinismus, demzufolge das Recht des Stärkeren eine unumstößliche Naturkonstante ist. Das Recht des Stärkeren gibt es aber gar nicht. Es existiert nur in unseren Köpfen. Natürlich gibt es den Konkurrenzkampf in der Natur. Die Tiere streiten um Futterplätze, Wasserlöcher und Nistplätze. Und die männlichen Spermien liefern sich angeblich einen Wettkampf um das fruchtbare Ei, bei dem nur einer gewinnt. Aber ist das alles? Wenn wir nur das sehen, sind wir auf einem Auge blind. Stellen Sie sich vor, in Ihrem Körper würden die Milz und die Leber, das Herz und die Lunge in Konkurrenz zueinander stehen. Welch ein Desaster wäre Ihr Leben. Und vor allem sehr kurz. Wäre Konkurrenz das alleinige Naturgesetz, wäre die Erde wüst und leer.

Es gibt, der Konkurrenz zur Seite gestellt, ein anderes, antagonistisches Naturgesetz, das unglaublich wirksam ist, und das heißt: Kooperation. Die Vielfalt an Kooperationen im Tierreich und in der Flora ist beeindruckend. Forschungen zeigen längst, dass die Spermien des Mannes sich keineswegs das sprichwörtliche Wettrennen liefern. Eine Vielzahl von Spermien umgibt das Ei, und alle gemeinsam beginnen mit ihren Geißeln, seine Außenschicht aufzulösen – eine Aufgabe, die für eine einzige Spermienzelle unmöglich wäre. Es gewinnt weder das schnellste noch das stärkste Spermium, sondern jenes, das gerade dort ist, wo sich die Eizelle zuerst auflöst. Befruchtung ist somit ein Akt von Kooperation und Teamwork.
Wir sollten uns endlich von unseren martialischen Mythen von Sieg und Niederlage verabschieden, denn nur die Kombination aus Konkurrenz und ganz viel Kooperation schaukelt die Entwicklung voran. Wir haben Jahrzehnte eines desaströs einseitigen Wirtschaftsverständnisses hinter uns, das auf Kampf und Verdrängung und Ressourcenvernichtung aufbaut. Wir sind dringend eingeladen, die andere Seite unserer Natur zu beachten und eine Ökonomie des Miteinander zu entwickeln. Share Economy, Geschenkökonomie oder bargeldlose Geschäfte dürfen Raum gewinnen und Werte wie Vertrauen und Handschlagqualität wieder Einzug in den normalen Geschäftsalltag halten. Denn wir halten mit unserer jeweiligen Einzigartigkeit die Wirtschaft am Laufen wie die Milz und die Leber unseren Körper.

 

Der Autor: Harald Koisser schreibt philosophische Bücher und ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“.
www.wirks.at, www.koisser.at

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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