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Harald Koisser macht Mut

13.11.2013

Von einem vollkommenen Jahresbericht für einen perfektionsgetriebenen Kunden und davon, wie teuer und heilsam der Prozess letztlich war.

Als ich noch meine Werbeagentur hatte, betreute ich einen Kunden, der Fehler nicht ausstehen konnte, bei sich nicht und nicht bei anderen. Der Jahresbericht, den wir gerade konzipierten, sollte daher „perfekt" werden. Wir machten von jeder Doppelseite Andrucke, retuschierten jedes Bild mehr als einmal und tüftelten an jeder Tortengrafik, bis die Augen brannten.

 

Irgendwann legte ich sicherheitshalber eine Zwischenabrechnung vor. Dann ging es weiter in die Produktion. Wir haben drei Lektoren verschlissen. Bei der Suche nach dem richtigen Papier sahen wir bald den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Jede Entscheidung schien mir beim Kunden zunehmend mit Sodbrennen und Angstzuständen verbunden. Ist es die „richtige" Farbe, das „richtige" Papier, die „richtige" Sprache, die „richtige" Reihenfolge der Texte ...?

 

Fast hätten wir den richtigen Zeitpunkt verpasst, um in Druck zu gehen. Die Lieferung von tausend Jahresberichten kam und – auf zwei Seiten zeigten Fotos nicht ganz den richtigen Ausschnitt. Alles rasch noch einmal drucken. Ich legte sicherheitshalber eine weitere Zwischenabrechnung mit beigefügten Arbeitsprotokollen vor.

 

Kurz vor dem Erschöpfungsdelirium, von dem auch der mittlerweile hypernervöse Kunde nicht verschont geblieben ist, gab es unwiderruflich die allerletzte Übergabe an die Druckerei. „Er ist perfekt, oder?", wimmerte der arme Mann, als die Hefte erneut geliefert wurden. „Und wie", sagte ich und nahm mit einer gewissen Ehrfurcht ein Exemplar aus dem frischen Stapel. Ich schlug es auf und das Allererste, was ich sah, war die Bildunterschrift: „Das Material mit diesen wunderschönen Streifen ...". So hätte es zumindest heißen sollen. Aber es fehlte das „r" beim letzten Hauptwort.

 

Der Kunde sah meinen Blick, riss mir das Heft aus der Hand, und ich glaubte zu erkennen, wie er im Geiste die drei Lektoren folterte. Dann wandte er sich mir zu und – lachte. Er lachte, bis ihm die Tränen he-runterliefen. „Es ist perfekt", kicherte er und ließ uns eine Flasche Sekt bringen, um auf den Jahresbericht und insbesondere auf die Streifen ohne „r" anzustoßen. Wir tranken einen Toast nach dem anderen auf die Fehler und die Lebendigkeit.

 

„Perfektion kostet viel Geld", stellte er dann bei der Endabrechnung fest, „und das meiste Geld zahlt man dafür, herauszufinden, dass es sie nicht gibt."

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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