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Harald Koisser macht Mut

22.07.2013

Wir brauchen das Schöne, weil es uns erhebt und weil wir es gern benutzen. Eine Würdigung meiner Büroklammermaschine und all der anderen schönen Dinge.

Von einem meiner ersten Arbeitgeber habe ich bei Beendigung des Dienstverhältnisses eine Büroklammermaschine als Abfertigung erbeten. Weil sie so schön war! Sie hat zwei zarte Schenkel, die man zusammendrücken muss, damit sie vorne beißt. Der Biss erfolgt, wenn man das Papier in ihr kleines silbernes Maul schiebt, das einem Hecht ähnelt, der ja den Unterkiefer bekanntlich dabei leicht nach vorne schiebt. Beim Zudrücken entsteht ein leicht schmatzendes Geräusch. Die Klammern sind zart und silbrig, hören auf den Namen „Bambi No. 25" und haben nicht das Geringste gemein mit den grausigen verkupferten 24/6-Zinkklammern, mit denen 99 Prozent aller Dokumente der Welt zusammengehalten werden. Besonders schätze ich das Nachfüllen der Klammern, weil sich die Mechanik zum Öffnen der Maschine nicht sofort erschließt und dieses Zeremoniell, am Bürotisch so nebenher vorgetragen, die Bewunderung der umsitzenden Kollegen und Kolleginnen garantiert.

 

Die Büroklammermaschine macht ihren Job und ist darüber hinaus auch noch schön. Was will man mehr? Nun, die Leute wollen weniger! Schönheit ist vielen gutgesinnten Menschen oft ein Gräuel. Das Schöne steht in der Kritik unserer Konsumgüterwelt unter dem Generalverdacht des Tumben und Oberflächlichen. Was schön ist, kann nicht funktionell sein. Daher darf alles, was funktionell ist, nicht schön sein.

 

„Form follows function" war ein Credo des Architekten Louis Sullivan im 19. Jahrhundert. Die Form, also das Äußere, muss dem Funktionellen nachgereiht sein. Das führte schon damals zu Missverständnissen, indem man meinte, das hieße, auf jegliches Ornament zu verzichten. Ist es aber nicht in Wahrheit so, dass das Ornament selbst eine Funktion hat? Hat nicht die Schönheit eine ganz wichtige Aufgabe? Erhebt und erfreut sie uns nicht? Führt sie nicht dazu, dass wir uns belebt und angeregt fühlen und die schönen Dinge lieber benutzen als die
hässlichen?

 

Schönheit ist dem Menschen unerlässlich. Wir wollen in schönen Sesseln sitzen, in schönen Autos fahren, in schönen Wohnungen wohnen und in schönen Büros arbeiten. Je schöner die Dinge, desto mehr ehren und schätzen wir sie. Der gute Geschmack, meinte der Barockdichter Baltasar Gracián, ist Voraussetzung für den guten Menschen. Schönheit ist somit ein Beitrag zur Herzensbildung und zur Nachhaltigkeit. Meine Büroklammermaschine bringt Ordnung in meine Papiere seit 1990. Ich hole sie aus dem Nebenzimmer, selbst wenn eine andere direkt vor mir steht. Ich ehre und pflege sie. Und ich schreibe sogar eine Kolumne über sie.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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