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Harald Koisser macht Mut

06.11.2012

Wir sollten alles, was wir auf ein Podest gestellt haben, von dort auch irgendwann einmal wieder herunterholen. Vielleicht genau jetzt! Aufruf zum intimen Ikonoklasmus.

Im Zuge der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts kam es zum Ikonoklasmus, dem Bildersturm. Kirchliche Kunst wurde verwüstet, zerstört, übermalt. Reformatorische Theologen riefen auf, jene Ikonen, die 1000 Jahre lang verehrt worden waren und angebetet werden mussten, zu stürzen. Natürlich nicht, ohne letztlich eigene neue Ikonen zu installieren.

 

„Wir Menschen schaffen Götter, und dann kämpfen wir gegen sie", hat Hermann Hesse bemerkt. Welche Götter haben wir heutigen Menschen geschaffen? Kommt nur der Stärkere durch? Ist es so, dass Geld arbeitet? Ist es in Ordnung, dass wir uns die Erde untertan machen? Muss die Schule den Kindern Kampf und Konkurrenz beibringen, weil das die beste Vorbereitung auf die „Realität" ist? Die Mutter eines Schulkollegen meiner Tochter hat mir erst kürzlich gesagt, unsere Kinder müssen viel lernen, weil sie es noch härter haben werden als wir. Ja, wenn das die Welt ist, die wir haben wollen! Drill, Leistung, Wachstum, Fortschritt, Geld – sind das vielleicht jene Ikonen, die heute im Herrgottswinkel einer sakrosankten Ökonomie stehen und immer noch angebetet werden?

 

Wie wär’s mit einem kleinen Bildersturm im Kopf, mit so einem ganz privaten, intimen Ikonoklasmus? Einfach einmal testweise ein paar Glaubenssätze infrage stellen und ein paar Ikonen stürzen. Diese kleine, etwas gruselige Geistesakrobatik kann ganz interessant sein. Woran glauben Sie, geschätzte Leserin, verehrter Leser, denn unbedingt? Ganz, ganz ehrlich?! Denken Sie bitte an das, was für Sie wirklich ganz unumstößlich ist. – Und dann stoßen Sie es einmal um! Heimlich. Stups! „Man muss zum eigenen Vater endlich ,Du Arschloch‘ sagen, wenn er wirklich eines ist", hat Ludwig Hirsch einmal geschrieben.

Die Reaktion der katholischen Kirche auf den Bildersturm war übrigens das Barock, eine verkitschte, klerikale Propagandakunst. Das wäre natürlich auch eine Möglichkeit. Weitermachen wie bisher mit süßlichem Zuckerguss obendrauf, damit’s hübsch aussieht, wenn es wehtut.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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