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Gurke per Mausklick

04.06.2019

Zwei Österreicher erfinden einen virtuellen Acker, der ganz reale Früchte trägt. Die Kunden lernen viel über Landwirtschaft und Lebensmittel, ohne selbst am Feld zu stehen.

Auf Parzelle 1 möchte ich Zucchini und Karotten, dahinter Kartoffel, Kürbis und Bohnen. Alles geht  per Mausklick. Sogar die Düngung. Was darf es denn sein aus dem großen Sortiment an Biodünger? Wo, wann und wie oft soll gedüngt werden? Der User hat volle Verantwortung über seinen virtuellen Acker, den er unter www.myacker.com anlegen kann. Natürlich kann man auch als botanischer Laie mitgarteln, denn das Team am Acker und die Technik versorgen einen stets mit wertvollen Infos und Tipps. Der Witz des Ganzen: Es ist kein Witz. Es ist wohl ein Computerspiel, doch mit realen Ergebnissen und Erkenntnissen. Den Acker gibt es wirklich. Und das Gemüse, das dort geerntet wird, kommt vor die Haustür des virtuellen Gärtners.

„Die Leute haben ihr virtuelles Hochbeet“, sagt Patrick Kleinfercher, „das in echt ausgeführt wird. Die Idee ist perfekt für Leute, die keine Möglichkeit oder keine Erfahrung beim Garteln haben, aber trotzdem eigenes Gemüse haben wollen.“

Mitgarteln kann man bei dem von Christoph Raunig und Patrick Kleinfercher erfundenen Realitygame in ganz Österreich. Der wirkliche Acker liegt in Kärnten, wo die beiden wohnen. 2017 haben sie begonnen, 2018 waren sie in der Fernsehshow „Zwei Minuten, zwei Millionen“ und ab da ging alles ganz schnell. Noch während der Show haben sich unzählige virtuelle Gärtnerinnen und Gärtner gemeldet. Der Acker ist heute 2,5 ha groß, er umfasst 3.400 Parzellen für derzeit 1.300 Kunden. Für Christoph und Patrick ist das ein Vollzeitjob geworden. Die Idee stammt von Christoph, programmiert hat das Patrick. „Ich bin der Onlinetyp“, sagt er und er hat die ganze Steuerung und Datenverwaltung tatsächlich selbst von Grund auf programmiert und die Designs gezeichnet. „Ich konnte das Ausmaß von Anfang an nicht abschätzen. Zum Glück, denn ich hätte es sonst nicht gemacht“, lacht er. Das Datenvolumen ist jetzt schon riesig und es wird noch mehr werden.

Die beiden wollen die Nachfrage aus ganz Österreich bedienen, was wahrscheinlich eine Vervielfachung des jetzigen Volumens und der jetzigen Anbaufläche bedeutet. Zugleich beginnt eine Kooperation mit einer holländischen Firma, wo das österreichische Gartenduo Technologie- und Ideenlieferant ist. „myAcker“ wird dort „Mein kleiner Bauernhof“ heißen. Natürlich funktioniert das mit Äckern vor Ort, denn von Kärnten aus wollen die beiden nicht Gurken nach Holland karren. „Wir hätten uns nie gedacht, dass es nach einem Jahr schon ins Ausland geht, aber das zeugt vom Potenzial der Idee“ sagt Christoph.

Die weltweit einzigartige Idee von myAcker scheint ein tiefes Bedürfnis des modernen Menschen zu befriedigen: ganz genau zu wissen, wo die Lebensmittel herkommen, ohne selbst am Acker stehen zu müssen. „Die Leute verstehen ja nicht mehr, was da auf diversen Gütesiegeln steht und ob sie dem vertrauen dürfen“, sagt Patrick. Dem eigenen Acker aber kann man vertrauen. Zusätzlich lernt man, wie viel Arbeit nötig ist, bis die Lebensmittel reif für die Ernte sind, wann bei uns welches Gemüse Saison hat und wie viele Handgriffe bis zur Ernte nötig sind. Man bestimmt alles, was gemacht wird, selbst bequem per Mausklick. Mausklick ist für junge Leute kein Problem. Einige Schulen nehmen das Angebot gerne an. „Die Kids hängen gerne an ihren Smartphones“, meint Patrick, „gut, sollen sie damit ihren Acker steuern und erleben, dass was Gesundes dabei herauskommt.“ „Genauso legen viele Firmen Gärten für ihre Mitarbeiter/Abteilungen an oder verschenken Gemüsegärten als Geschenke an ihre Kunden. Einmal ein richtig grünes Geschenk mit Lern- und Genusseffekt!“, fügt Christoph hinzu.

Da gibt es auch manchen Aha-Effekt. Sieh an, die Karotten und Gurken sehen nicht alle gleich aus, sind krumm und schief, nicht in Plastik verpackt, schmecken herrlich und sind nicht das ganze Jahr verfügbar. „Aufgrund der steigenden Supermarktdichte in Europa verlieren viele Menschen den Bezug zu den Lebensmitteln und zu deren Produzenten. Wir wollen die moderne Technik dazu nutzen, um spielerisch wieder Wertschätzung für Lebensmittel hervorzurufen,“ erzählt Christoph. Das Gemüse wird frisch geerntet, gereinigt, speziell verpackt und abends direkt von der österreichischen Post am Acker abgeholt, sodass die Pakete schon am nächsten Tag frisch bei den Usern zu Hause sind. 

Steuern, Ernten, Handeln

Sollte man einmal genug von einer Frucht geerntet haben, gibt es die Möglichkeit, sein Gemüse am myAcker-Marktplatz mit anderen Onlinegärtnern zu handeln oder es gemeinnützig zu spenden. „So verhindern wir, dass Gemüse nicht genutzt wird. Das Handeln am Marktplatz macht den Usern sehr viel Spaß“, fügt Christoph hinzu. Langfristig wird es wohl nicht nur bei Gemüse bleiben. Zusammen mit einer Entwicklungsgemeinschaft wird überlegt, wie sich Nutztiere in die Plattform integrieren lassen. Den Anfang machen Bienen, wo sich die User Bienenstöcke in den Garten stellen können, um so eigenen „Onlinehonig“ herzustellen. In einem weiteren Schritt wird getestet, inwiefern sich das System auf Hühner, Ziegen und Kühe ausweiten lässt, sodass nach und nach ein digitaler Zwilling eines realen Bauernhofs entsteht. Eigentlich wollte das myAcker-Duo zuerst nach Deutschland expandieren, „aufgrund der Nähe und der gleichen Sprache“, aber die Holländer waren schneller. Das besondere Interesse an dem System liegt in einer dramatischen Situation der dortigen Landwirtschaft, die nicht so klein strukturiert ist wie in Österreich. „In einem Ort mit 2.000 Einwohnern haben wir einen Hendlbauern mit 3,5 Millionen Hendln pro Jahr gesehen“, staunt Christoph, „und zwei Dörfer weiter ist noch so einer. So etwas gibt es bei uns nicht.“ Die Massentierzucht ist dort auf die Spitze getrieben und das Problem vieler Produzenten ist die Abhängigkeit vom Handel und dessen Preisdiktatur. Einen Ausweg sehen viele Bauern in alternativen Vertriebsformen, weshalb die Idee der beiden jungen Österreicher auf offene Ohren trifft. „Dieses neuartige System verändert die Art, wie Lebensmittel eingekauft werden. Eine neue Transparenz in der Produktion und im Handel entsteht“, erklärt Christoph, der sich um Vertrieb und die Finanzen kümmert, „wenn Natur, Konsumenten und Produzenten wieder ein wenig näher zusammenrücken, dann haben wir unser Ziel erreicht.“

„Obwohl auf den ersten Blick alles sehr einfach und bodenständig wirkt, sind wir ein sehr technologisches Unternehmen. So werden beispielsweise alle Daten, die dem User helfen, den Garten aus der Ferne zu steuern, zentral gemessen und mittels eines selbst entwickelten Algorithmus spezifisch berechnet. Und wir haben selbst konstruierte Maschinen am Acker. Dennoch gibt es eine gescheite Portion Handarbeit von unserem Team am Acker, wir wollen ja nicht alles zu Tode automatisieren, sondern gesunde Arbeitsplätze in der Natur schaffen. Garteln soll menschlich bleiben“, sagt Patrick.

Autor/in:
Harald Koisser
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