Gründen in der Netzwerk-Wirtschaft: Startrampe Küchentisch | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Gründen in der Netzwerk-Wirtschaft: Startrampe Küchentisch

25.07.2006

Manche haben die besten Ideen im Bad oder am Klo. Elisabeth Thum hatte ihre am Küchentisch, als sie ihren halberwachsenen Kindern beim Essen zusah. Einige Jahre Netzwerken mündeten in ein Patent, einen Deal mit der Drogeriemarktkette Bipa und (demnächst) einen Europa-weiten Vertrieb. Von Maike Seidenberger m.seidenberger@wirtschaftsverlag.at

Foto Richard Tanzer

Elisabeth Thum sitzt am Tisch ihrer weißen Landhausküche, trinkt Kaffee aus einer Tasse mit Karlsbader Zwiebelmuster und erzählt von gemütlichen Familienessen. Ihre eigenen Kinder im späten Teenageralter beim animierten Essen zu beobachten war inspirierend. "Beim Abräumen steh' ich auf und plötzlich fällt mir der Teller ein."
Ein Teller? Teller gibt es wie Sand am Meer. Der, den sich die dreifache Mutter Elisabeth Thum sich vor vier Jahren ausdachte, ist speziell für Kleinkinder gedacht, denen das bunte Design Lust auf Spinat, Karottenbrei und anderes Gesundfutter machen soll. Im Boden des Kunststofftellerchens gibt ein transparentes Fenster den Blick auf eine auf einen Stützfuß aufgelegte Plastikscheibe mit kleinen Bildgeschichten rund ums Essen frei. "Im Bekanntenkreis habe ich oft gesehen, wie Kinder vor den laufenden Fernseher gefüttert wurden - ganz beiläufig und oft widerwillig." Schwer vorstellbar in einer Familienrunde mit Hang zu langen Gesprächen bei Kaffee und Kipfel. "Mir geht es darum, Essen für kleine Kinder zu einem schönen Ritual werden zu lassen."

Politik der Kleinstschritte
Der Teller hat heute einen Namen ("Tumbolino"), die Drogeriemarktkette Bipa hat voriges Jahr 70.000 Stück davon abgesetzt. Die Zeit zwischen Idee ("Meine Kinder haben gesagt: Mama, das musst du dir patentieren lassen!" - Mama ließ patentieren, gleich in Europa und den USA, China ließ sie nach reiflicher Überlegung bleiben) und Geschäft hat Thum mit Netzwerken herumgebracht. Eine Menge davon am eigenen Küchentisch. Viel passierte in Eigenregie, per Handschlag. Eine Wifi-Jungunternehmerförderung war auch dabei - gemeinsam mit einem Designer, der aus der Idee einen serienfertigungstauglichen Prototyp entwickelte. Eine Grafikerin steuerte die Bildmotive bei, mit ernährungswissenschaftlich fundierten Informationen spann die Gastwirtstochter Thum rund um das Produkt eine "Philosophie des Essens". Immer kindgerecht und immens verkaufbar. Aber das war zunächst nicht absehbar.
Von der Patentrecherche ("wir haben festgestellt, es gibt nichts derartiges") bis zur ersten "hausgestrickten" Broschüre ("am Tag, als sie fertig war, habe ich einen Artikel über den Trend zur Fettsucht bei Kindern gelesen") weg ging es über zwei Jahre "so nebenbei - ich habe gar nicht gewusst, worauf ich mich da einlasse". Ihr ausgedehnter Bekanntenkreis half Thum unter anderem ins Büro von Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat. Die sagte Testimonal-Unterstützung zu. Der nächste Weg führte die Erfinderin zum Bipa-Einkaufschef. Das Timing passte, der Auftrag kam. Jetzt war der Prototyp in Serie zu fertigen. Die Kunststofffabrik in niederösterreichischen Hippersdorf, die das übernahm, fand Thum ebenfalls "durch Herumfragen im Freundeskreis".
Finanziert werden musste der Start-up vom Küchentisch schließlich auch noch - wobei der Fixauftrag von Bipa weiter half. "Da ging die Tür bei den Banken schon auf." Fazit der (noch) One-Woman-Show mit Ehemann-Unterstützung: "Das mache ich wieder so - erst den Auftrag, dann den Kredit." Im nächsten Schritt, noch heuer, will Thum ihre Teller auch Kleinkind-Eltern außerhalb Österreichs schmackhaft machen. Verhandlungen mit Handelsketten laufen gerade. Folgeprodukte (Kinderbesteck, Trinkbecher) sind in der Pipeline.
Jetzt übersetzt sich das Netzwerken auch in festere Strukturen: Mit einem Partner will Thum jetzt eine Gesellschaft gründen. "Das kann ich jetzt nicht mehr allein. Man braucht irgend wann Leute, die ihre eigene Erfahrung mitbringen." Hat doch ein etwas formaleres Ambiente auch von der Warte des Küchentischs aus ihre Meriten. "Ein ausgefeilter, guter Vertrag erspart einem viel Kummer."
Kontakt:
Thum-design@gmx.at

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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