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Goldgrün

10.03.2021

Um den Klimawandel aufzuhalten, werden gigantische Summen benötigt. Um sie zu mobilisieren, will die Politik immer mehr Investorengelder in nachhaltige Kanäle umleiten. Eine Idee, die scheinbar fast nur Gewinner kennt.

Wenn es darum geht, mehr aus seinem Geld zu machen, gilt Nachhaltigkeit längst nicht mehr als Geheimtipp oder Kostenfaktor. Im Gegenteil. Immer mehr Anleger betrachten grüne Investments als wesentlichen Bestandteil ihres Portfolios. Verheißen Anlageprodukte nach sogenannten ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) doch Stabilität, Wertzuwachs und auch noch ein gutes Gewissen. Wenig verwunderlich, dass die steigende Nachfrage auch bei den Anbietern auf positive Resonanz trifft. Gut so, denn ohne den Einsatz enormer Mittel wird es nicht klappen, den Klimawandel zu stoppen. Die Weichen scheinen gestellt zu sein. Alleine zwischen 2017 und 2019 haben sich in der DACH-Region institutionelle ESG-Investments von 176 Mrd. Euro auf 576 Mrd. Euro verdreifacht, während private Anlagen im gleichen Zeitraum sogar von 58 Mrd. Euro auf 252 Mrd. Euro um das Vierfache zulegten. Und die Entwicklung scheint gerade erst begonnen zu haben.

LENKUNGSEFFEKTE AUS BRÜSSEL

Wie eine Studie von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, zeigt, wird sich der ESG-Anteil an den gesamten verwalteten Kundengeldern auch zukünftig positiv entwickeln. Dazu zeichnet die Studie drei Szenarien auf: Sofern die EU-Regulierung traditionelle Investmentstrategien weiterhin ermöglicht und reguläre Fonds die dominierende Assetklasse bleiben, werden ESG-Angebote linear mit dem Gesamtvolumen wachsen und 2024 einen Anteil von 15 bis 20 % in der DACH-Region ausmachen. Bieten die gesetzlichen Vorgaben dagegen klare Anreize für Investoren, in ESG-konforme Fonds zu investieren, würde der ESGU-Anteil am Gesamtvolumen kontinuierlich wachsen und 2024 bis zu 30 % erreichen. Bei sehr starken regulatorischen Anreizen könnte der ESG-Anteil bis 2024 sogar auf 55 % steigen und so mit einem Volumen von 3,8 Bio. Euro zur dominierenden Assetklasse werden. Welche Vorgaben vonseiten der Politik noch kommen werden, lässt sich natürlich nicht hundertprozentig vorhersagen. Doch die Bekämpfung des Klimawandels wird in den kommenden Jahren mit Sicherheit eine ihrer größten Prioritäten bleiben. Der Druck wird demnach eher stetig zunehmen.

VERORDNETER CHANGE

Auch Wolfgang Fickus, Mitglied des Investmentkomitees und Produktspezialist bei der Fondsgesellschaft Comgest ist davon überzeugt, dass das Regelwerk der Europäischen Union eine wesentliche Rolle bei der Transformation der Finanzbranche in Richtung Nachhaltigkeit spielen wird. Umfasst der European Green Deal doch eine ganze Reihe von Maßnahmen im Bereich der Finanzmarktregulierung. In ihrem Zentrum steht die sogenannte Taxonomie-Verordnung. Mit dieser „grünen Liste“ für nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten wurde ein Klassifizierungssystem geschaffen, das Anleger verwenden können, wenn sie in Projekte und Wirtschaftstätigkeiten mit positiven Klimaund Umweltauswirkungen investieren wollen. Sinn der Übung: Die Verordnung soll dazu beitragen, dass die EU bis 2050 klimaneutral wird. „Institutionelle Investoren müssen gewehrleisten können, dass sie sustainable investiert sind“, erklärt Fickus. Auch bei den großen privaten Banken, die Vermögen verwalten, werden die Richtlinien immer strikter. „Jedes Bankhaus, das etwas auf sich hält, hat heute nachhaltige Produkte. Der Trend ist da, und der Zug nimmt Fahrt auf“, bringt es der Finanzexperte auf den Punkt.

ANLEGER FORDERN NACHHALTIGE INVESTITIONSSTRATEGIEN

In dasselbe Horn stößt auch Utz Helmuth, Studienautor und Director bei Strategy&: „Asset Manager müssen sich entscheiden, ob sie ESG-Vorgaben als reines Pflichtthema betrachten oder sich stattdessen über ein spezifisches Angebot vom Wettbewerb differenzieren wollen.“ Wer deutlich über die regulatorischen Minimalanforderungen hinausgehen möchte, sollte ESG auch jenseits des Produktportfolios im eigenen Unternehmensleitbild verankern und Marktentwicklungen proaktiv vorantreiben und nicht nur auf weitere regulatorische Anreize für Investoren hoffen. Auch in Österreich zwingen laut Helmuth immer anspruchsvollere Anleger Vermögensverwalter dazu, jetzt eine umfassende Strategie aufzusetzen, um der zunehmenden Komplexität im ESG-Dschungel mit durchdachten Angeboten zu begegnen.

ÜBERPROPORTIONALES WACHSTUM

Mit wachsendem Bewusstsein und steigendem Druck rechnet man auch bei der Raiffeisen KAG. „Von Jahr zu Jahr entscheiden sich immer mehr Anlegerinnen und Anleger, ihr Geld verantwortungsvoll anzulegen, was dazu führt, dass das Volumen bei nachhaltigen Geldanlagen auch überproportional wächst“, sagt Rainer Schnabl, CEO der Raiffeisen KAG. Wie rasch die Entwicklung voranschreitet, hat sich sein Institut gerade erst gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut Spectra in einer Umfrage angesehen. Die im Januar 2021 durchgeführte Umfrage hat gezeigt, dass das Thema nachhaltige Veranlagung zwar noch viel Luft nach oben hat, die Bekanntheit aber gleichzeitig stark gestiegen ist. 44 % der Befragten sind bereits mit dem Thema vertraut – noch vor einem Jahr lag dieser Wert bei 31 %. Fragt man nach dem persönlichen Anlageverhalten, stellt sich heraus, dass 13 % bereits nachhaltig investieren und 22 Prozent der Österreicher künftig nachhaltiger anlegen möchten.

ALLES AUF SCHIENE?

Der Planet braucht ein nachhaltigeres Finanzsystem, die Politik schreibt es vor, und die Anleger fragen entsprechende Produkte nach: Die Ausgangslage könnte wahrlich schlechter sein. Doch wie so oft, wenn es um hehre Ziele und um Geld geht, mischt sich auch berechtigte Skepsis in das schöne Bild. Wie sollen Anleger unterscheiden, wo echtes Engagement drinsteckt und wo nur das Mäntelchen ein wenig begrünt wurde? Um Greenwashing zu vermeiden, müsse man als Investor so eine Art Geruchstest machen, meint Wolfgang Fickus. Dabei helfen einem kritische Fragen weiter. Wie sieht bei dem Anbieter der Plan zur Einhaltung und Verbesserung von ESG-Kriterien aus? Welche Strategie verfolgt er? Wie langfristig ist der Anlagehorizont? Wie unternehmerisch ist die Art des Investierens? Welche Labels weist ein Produkt auf? Wer sich die Mühe macht und sich darüber hinaus den Prospekt genauer ansieht und die Homepage gründlich studiert, kann durchaus einen treffenden Eindruck gewinnen, wie weit es mit der Nachhaltigkeit her ist. „Nachhaltigkeit ist eine komplexe Eigenschaft, die für Anleger nur schwer überprüfbar ist“, meint auch Reinhard Friesenbichler, Spezialist für nachhaltiges Investment. Deshalb haben sich diverse Labels etabliert. In Österreich dominiert zum Beispiel das staatliche „Umweltzeichen für Nachhaltige Finanzprodukte“, das mittlerweile ein Großteil der nachhaltigen Publikumsfonds trägt. Bleibt eigentlich nur noch die Qual der Wahl und die Hoffnung, dass rasch genug ausreichend Geld in die richtigen Projekte fließt.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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