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Gestalter des Wandels

08.06.2018

Unsere Arbeitswelt steht vor einem Umbruch, dessen Folgen niemand genau abschätzen kann. Drei neue Pilotfabriken sind die wichtigste Antwort aus Österreich auf die digitalen Fertigungsprozesse der Zukunft.

Ein Stück Blech, das auf Förderbändern von Roboter zu Roboter fährt. Warenhäuser, die automatisch Nachschub bestellen. Terminkalender, die automatisch den Mail-eingang scannen. Flugzeuge und U-Bahnen auf Autopilot. Ganze Motoren, die von der Schraube bis zur fertigen Verpackung keine einzige menschliche Hand berührt hat: All das gibt es schon, möglich gemacht durch die Digitalisierung. Sie sorgt für einen Wandel unserer Arbeitswelt, den es noch nie gab. Denn jetzt verbindet ein ultraschnelles Internet erstmals Roboter, Werkstoffe und Warenströme miteinander, während im Hintergrund intelligente Systeme enorme Datenmengen verarbeiten. Ein sehr großer Teil der heutigen Arbeitsplätze könnte dadurch überflüssig werden. Die Entwicklung betrifft nicht nur niedrig qualifizierte Personen, sondern auch Angestellte, Manager, hochspezialisierte Techniker. Für den ersten Schock sorgte 2013 eine große Studie der renommierten Universität Oxford, die 702 Berufsfelder untersucht hat. Das Ergebnis: In den nächsten Jahren sind 47 Prozent aller Arbeitsplätze konkret bedroht.

Heute sind wir längst mittendrin. Die digitale Automatisierung hat innerhalb von nur fünf Jahren tatsächlich fünf Prozent der Beschäftigten ersetzt, lautet 2018 der Befund des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Zwar ist in dieser Zeit auch die Gesamtzahl der Beschäftigten um ein Prozent gestiegen, doch die Anforderungen werden sehr viel komplexer. Der Facharbeiter verdrängt den Arbeiter, den wiederum der Ingenieur verdrängt – und morgen könnte auch dieser auf der Straße stehen. Konkrete Zahlen dazu hat vor wenigen Wochen der deutsche IT-Verband Bitkom vorgelegt. Der Verband rechnet damit, dass in den kommenden fünf Jahren jeder zehnte Arbeitsplatz wegdigitalisiert wird. 

KI als nächster großer Treiber

Nach den Algorithmen und der Robotik soll Künstliche Intelligenz für den nächsten großen Schub der Digitalisierung sorgen. Die Fortschritte sind rasant. In Rechnersystemen konstruierte neuronale Netze bilden das menschliche Gehirn nach und ermöglichen damit das sogenannte „Deep Learning“ von Maschinen, die Impulse von außen selbstständig interpretieren. Was unheimlich klingt, kann von einem enormen Vorteil für den Standort Österreich sein, so Hannes Pichler vom Beratungsunternehmen Boston Consulting. Nach einer Umfrage unter rund 100 heimischen Unternehmen rechnet Boston Consulting damit, dass die Wertschöpfung Österreichs in den nächsten zehn Jahren allein über Künstliche Intelligenz um fünf Milliarden Euro oder 1,2 Prozent des BIP steigen wird: Transportwege werden kürzer, Lagerbestände kleiner, der Wartungsbedarf von Maschinen halbiert sich. Es gibt also auch jede Menge positive Impulse. Das Thema sei derzeit allerdings zu sehr von Angst geprägt, so der Tenor der Plattform „Digital Business Trends“ Ende April in Graz. Viktoria Pammer-Schindler von der TU Graz meint dazu: „KI ist ein Werkzeug ohne eigenes Bewusstsein und ohne Ziel, das programmiert und mit Daten gefüttert wird. Und wir sind die Gestalter und Entscheider.“ 

Heimische Hochschulen reagieren

Um tatsächlich Gestalter und Entscheider zu bleiben, bedarf es vor allem eines: einer bestmöglichen Ausbildung. Die ersten Hochschulen in Österreich reagieren bereits. Die FH Kufstein in Tirol hat vier eigene Studiengänge eingerichtet, die sich ausschließlich der Ausbildung von Kernkompetenzen der Digitalisierung widmen: Für internetbasierte Anwendungen, für ERP-Systeme und Prozessmanagement, für die Entwicklung vernetzter Produkte und schließlich für die Verarbeitung riesiger Datenmengen. Die Nachfrage der Wirtschaft sei tatsächlich enorm, so Bioinformatikprofessor Sepp Hochreiter von der Uni Linz gegenüber den „Oberösterreichischen Nachrichten“: „Die Firmen sind bereit, fast jeden Preis zu bezahlen.“ Unternehmen von Voestalpine bis Porsche seien gerade dabei, ihre Budgets für Künstliche Intelligenz um das Zwei- bis Fünffache zu erhöhen. Entsprechend prüft die Uni Linz neue Masterstudiengänge schon ab dem kommenden Herbstsemester.

Pilotfabriken in Wien, Graz und Linz

Besonders relevant sind all diese Entwicklungen für den Produktionsbereich. Wie sie sich nutzen lassen, wird aktuell in sogenannten Pilotfabriken erforscht. Direkt auf dem Gelände der Universität erfolgte vor wenigen Tagen der Baustart für die inzwischen dritte Pilotfabrik in Österreich: die Lit Factory. Hier werden Forscher verschiedener Disziplinen zusammen mit Fachleuten aus der Wirtschaft an digitalen Produktionsprozessen der Zukunft arbeiten. Der Schwerpunkt in Linz liegt in neuen Kunststoffen, im Leichtbau und der Elektromobilität. Die erste Pilotfabrik hierzulande steht in Wien-Aspern und ist bereits seit dem vergangenen Herbst in Betrieb. Hier liegt der Fokus auf der additiven Fertigung mit 3D-Druck und der Serienfertigung von Einzelstücken, der sogenannten „Losgröße 1“. Auch in Graz wird gerade eine Pilotfabrik eingerichtet, die sich der additiven und lasergestützten Fertigung, der kollaborativen Robotik und der Datenanalyse, widmen wird. 

Diese drei Pilotfabriken sind, zusammen mit den neuen Studiengängen, die wohl wichtigste Antwort aus Österreich auf den massiven Wandel im Zuge der Digitalisierung. Hier können Entwickler und Hersteller gemeinsam an neuen Produkten und vor allem an neuen, digitalen Fertigungsweisen arbeiten – und von dem vielfältigen Wissen profitieren, das an einem Ort fokussiert ist. Die Leitung haben die lokalen Universitäten, der größte Teil der Gelder kommt vom Staat, doch auch die Verzahnung mit der Industrie ist eng: Unter vielen anderen sind etwa Firmen wie Siemens, Hoerbiger, Bosch, Opel, Magna Steyr, Engel, Festo oder AVL List an Bord. Allerdings sollen die Pilotfabriken auch dezidiert kleine und mittlere Unternehmen ansprechen, die digitale Produktionsmethoden individuell für ihren Betrieb kennenlernen und testen wollen – und sich keine große eigene Forschungsabteilung leisten können. 

Heutige Ausgangsposition hervorragend

Allen Sorgen zum Trotz: Die Ausgangsposition des Standorts Österreich ist international betrachtet sehr gut. Bei Digitaltechniken in Unternehmen liegt die Republik nach einem im Mai veröffentlichten Ranking der EU auf einem guten zehnten Platz. Auf der Ebene der Industrie 3.0 gehören sehr viele heimische Betriebe zur Weltspitze. Und schließlich, so das Austrian Institute of Technology, bringt die Digitalisierung nachweislich große Teile der Produktion aus Übersee hierher zurück. Doch auch die Forscher des AIT müssen zugeben: „Ob mit Rückverlagerungen auch Arbeitsplätze, die in den letzten Jahren verloren gingen, wieder zurückkommen, ist unsicher.“ Dasselbe gilt für die Digitalisierung insgesamt – wie viel von unserer Arbeitswelt und den heutigen sozialen Strukturen erhalten bleibt, weiß niemand. Das Ziel kann also nur lauten, Gestalter statt Getriebener des Wandels zu sein.  

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