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Gemeinsam spielen

08.09.2015

Als Kinder konnten wir noch völlig ­unbefangen gemeinsam spielen. Zeit, sich daran zu erinnern. Der Mensch ist ein soziales Wesen, auch in der Ökonomie.

Wissen Sie noch, wie das war als Kind? Die Dramen der Konfrontation, das verschwörerische Miteinander, das leidvolle Verlieren, das mächtige Gewinnen, das Nehmen und Hergeben? Die Ermahnungen der Eltern, doch bitte miteinander zu spielen und nicht gegeneinander. Die Anfeuerungsrufe derselben Eltern bei Wettkämpfen. Das Leuchten in ihren Augen, wenn „man es den anderen gezeigt“ hat. „Schau mal, was ich kann“, und man spürt Neid, weil sich das andere Mädchen in derselben Leistungsgruppe aus dem Stand nach hinten verbiegen und in die Brücke gehen kann. Dann macht die beste Freundin dasselbe gymnastische Kunststück, und das Herz fließt über vor Liebe und Bewunderung, und man herzt die Freundin. Die ersten Erfahrungen von Sieg und Niederlage, Miteinander und Gegeneinander.

Das Spiel unter seinesgleichen fand unter scharfen Bedingungen statt. Es gab keine Probe. Alles beginnt mit dem Schwierigsten, und die Eltern waren nur am Rande dabei. Man muss sich behaupten und das scharfe Spiel von Mein und Dein und Unseres durchschauen. Kinder können ohne Murren Hierarchien akzeptieren und sich ebenso selbstverständlich widersetzen. Alles ist in seinem Recht: Das Ich und das Wir und beides brauchen wir so sehr. Man lernte zu kämpfen und sich zu umarmen.

Jetzt sind wir erwachsen. Wir sind Teilnehmer eines ökonomischen Konzerts, und was spielen wir? Abgrenzung, Copyright, Patente, Wettbewerbsklagen, USP, Eroberung von Märkten und Absicherung von Marktanteilen, aus dem Markt drängen, feindliche Übernahme, Ausbeuten von Ressourcen, Mitarbeitern und sich selbst.

Und wo ist das andere, das Miteinander? Wenn heute von der Wir-Ökonomie die Rede ist oder die Gemeinwohlökonomie zunehmend Beachtung findet und Menschen ihr Know-how verschenken, dann nicht deshalb, weil ein esoterischer Wahn über der Welt liegt, sondern vielmehr deswegen, weil wir bisher in einem Wahn waren. In einem ökonomischen Blutrausch, der nur die Konkurrenz kannte und das Leben zu einem Schlachtfeld gemacht hat. Es braucht endlich auch das Mitei­nander. Kooperation ist die vergessene Hälfte, ohne die das Spiel des Lebens nicht funktioniert.

Friedrich Nietzsche sprach von den drei Verwandlungen, deren letzte die zum Kinde ist: „Unschuld ist das Kind, ein Neubeginnen.“ Erinnern wir uns doch an die Ausgewogenheit von Konkurrenz und Miteinander aus unserer Kindheit. Ernst Gugler, Inhaber von gugler brand digital print in Melk, hat im Jahr 2011 ein revolutionäres Druckverfahren eingeführt – ganz ohne Chemie. Jedes Druckwerk, das solcherart hergestellt wird, kann bedenkenlos kompostiert werden. Er erzählte mir, dass er sofort bereit wäre, sein Know-how dazu unentgeltlich weiterzugeben, ja, er hausierte geradezu damit und wollte, dass andere das auch machten. „Es braucht einen Markt dafür“, meinte er. Wenn nur er da wäre, wäre es schwierig, wahrgenommen zu werden und das durchzusetzen. Der Mensch ist ein soziales Wesen, nicht nur in seiner Freizeit, auch in der Ökonomie.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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