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Geld ohne Leistung?

17.05.2017

Bedingungsloses Grundeinkommen: Was passiert eigentlich, wenn es Geld fürs Nicht-Arbeiten gibt? Ein spannendes ­Gedankenexperiment.

Es wird wieder heftig diskutiert. Über eine bedingungslose finanzielle Zuwendung für jedermann, jung oder alt, gesund oder krank, arbeitswillig oder nicht. Hoch genug, um die Maslowschen Grundbedürfnisse zu decken: Miete, Essen, medizinische Basisversorgung. Dafür sollen die unglaublich komplizierten staatlichen Transferleistungen wegfallen. Also Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kindergeld, Pensionen, Ausbildungsbeihilfe. Jeder bekommt das Gleiche. Wie viel das sein soll, darüber scheiden sich die Geister. Je nach sozialer Gesinnung reichen die Vorschläge von knausrigen 750 Euro bis zu opulenten 1500 Euro, brutto für netto. Davon können viele Vollzeit-Werktätige heute nur träumen. 

Wem das zu wenig ist, der kann ja dazuverdienen. Soll er auch, denn zur Finanzierung des Systems gibt es nur zwei große Ideen. Die eine ist Steuern auf den zusätzlichen Verdienst, die klassische Einkommenssteuer also. Die andere ist Steuern auf den Konsum, die bekannte Mehrwertsteuer. Die wird kräftig erhöht, in manchen Modellen für lokal produzierte Waren nicht ganz so hoch wie für importierte. Bei denen könnten bis zu 100 Prozent aufgeschlagen werden. Von irgendwo muss das Geld ja herkommen. 

Machen wir ein Gedankenspiel. Nehmen wir, nur so zum Spaß, einmal an, das bedingungslose Grundeinkommen rechnet sich. Wie wirkt sich das aus? Welche Reaktionen löst es aus? Wenn das Geld nun für ein einfaches, aber bequemes Leben reicht – warum sollte jemand, der vorher auch nicht mehr heimgetragen hat, jetzt noch arbeiten?

Tägliches Igelbürsten Bevor wir darüber nachdenken, müssen wir etwas klarstellen. Das, was wir gemeinhin Erwerbsarbeit nennen, ist nicht unsere einzige Arbeit. Gemeint ist hier nicht der steuerbefreite Pfusch, sondern das Lernen mit den Kindern, das Reparieren des Wasserhahns, das On­line-Buchen einer Reise, das Ausfüllen der Steuererklärung. Auch das ist Arbeit. Es gibt nur keinen materiellen Lohn dafür, nur emotionalen, von der Liebe der Kids bis zur Befriedigung, es „geschafft“ zu haben. 

„Schattenarbeit“ nennt der deutsche Autor Christoph Bartmann diese unentgeltlichen häuslich-familiären Tätigkeiten. Unsere deutschen Nachbarn sagen dazu auch „das tägliche Igelbürsten“: Kaum gebürstet, stellen sich die Stacheln wieder auf. Ist eine Tätigkeit erledigt, steht auch schon die nächste an. Wirklich ausspannen können wir nie.

Und dann gibt es noch die Kategorie der Drecksarbeit. Das Putzen, das Einkaufen, die Botenfahrten. Die machen wir gar nicht gern. Lieber verbringen wir unsere Zeit mit gesellschaftlich hoch angesehener Erwerbsarbeit, die uns Geld und Status obendrein bringt. Von diesem Geld bezahlen wir die modernen Dienstboten: die Putzfrau, den Zusteller unserer Online-Einkäufe, den Pizzafahrer. Sie alle leben oft in äußerst prekären Verhältnissen, sind minimal entlohnt und schon gar nicht sozial abgesichert. Aber das interessiert uns nicht, solange der Service günstig ist. 

Doch halt, sind nicht genau diese modernen Dienstboten die großen Gewinner des bedingungslosen Grundeinkommens? Wenn sie für das Nicht-Arbeiten genau so viel bekommen wie für ihre harte, schmutzige und manchmal sogar gefährliche Knochenarbeit – warum sollten sie dann noch arbeiten?

Zurück an den Herd Wenn sie aber daheimbleiben, wer putzt dann, liefert den Online-Einkauf, fährt die Pizza aus? Das müssen die bisherigen Auftraggeber jetzt wieder selbst machen. Was sie in ein Riesendilemma bringt: Sie kommen mit ihrer Erwerbsarbeit plus dem täglichem Igelbürsten plus der Drecksarbeit einfach nicht mehr nach. Es war ja schon bisher schwer. 

Spinnen wir den Faden weiter. Jetzt gibt es drei Möglichkeiten. Erstens: Die Frauen bleiben wieder zu Hause und schupfen hauptberuflich den Haushalt. Nein! Zweitens: Die Drecksarbeit wird deutlich besser bezahlt, was einer sozialen Revolution gleichkommt, wenn die Putzfrau gleich viel verdient wie der Filialleiter. Drittens: Die Drecksarbeit wird von elektronischen Helferlein übernommen, so man sich die leisten kann. Zwar kommen Saugroboter derzeit noch nicht richtig in die Ecken, und Pizzazustellung per Drohne fällt unter Science Fiction. Aber aus Bedarf entsteht bekanntlich Innovation. 

Die Variante, die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens für realistisch halten, ist, dass die derzeitigen Gering- oder Gar-nicht-Verdiener nun endlich die Zeit haben, sich weiterzubilden oder sich sozial zu engagieren. Ein schöner Gedanke, der für ein paar Idealisten sogar zutreffen mag. Für die große Masse ist es zu bezweifeln. Viel eher ist zu erwarten, dass sie dem Arbeitsmarkt komplett verloren geht und zum zügig anschwellenden unproduktiven Bodensatz der Gesellschaft wird.

Bleibt noch die Schattenarbeit. Die Shared Economy macht es denkbar, dass sich hier rasch private Spezialisierungen he­rauskristallisieren. Der eine lernt gern mit den Kids, der andere repariert gern Wasserhähne, der Dritte findet die günstigsten Online-Reisen, der Vierte macht perfekte Steuererklärungen. Bald werden sie ihre Dienste gegen Geld anbieten, mit und ohne Gewerbeschein. Dann entsteht entweder neue Erwerbsarbeit, die zur Freude des Systems hoch besteuert wird. Oder es blüht der Pfusch. Willkommen im status quo.
 

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