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Geld muss dorthin, wo es gesellschaftlichen Mehrwert schafft

14.11.2016

Gemeinnützige Stiftungen sind in Österreich eine bedrohte Art. Das muss sich ändern, fordert der Netzwerkforscher Harald Katzmair. Als Präsident 
des Verbandes gemeinnütziger Stiftungen kämpft er für einen Kulturwandel.

Harald Katzmair

Sieht: Stiftungen nicht als Umverteilungsmaschine.
Hofft: Dass Stiftungen freie Lernfelder und Innovationen ermöglichen.
Hat: Die Nase voll von stumpfen ideologischen Diskussionen.
Meint: Dass aktuell der Glaube an die Zukunft fehlt.

Sie sind seit eineinhalb Jahren Präsident des Verbandes gemeinnütziger Stiftungen. Was haben Sie erreicht?
Wir haben mittlerweile 100 Mitglieder, wir machen regelmäßige Veranstaltungen, zahlreiche neue Stiftungen sind in Gründung.  Wir haben in den Elitennetzwerken und zentralen Bereichen spannende Diskussionen angestoßen. Wir sind vor allem angetreten, um einen Kulturwandel herbeizuführen, und so etwas dauert einfach. Tatsache ist, dass die Investitionen seit den 80er Jahren massiv zurückgegangen sind. Der Stiftungsbereich könnte hier eine neue Dynamik einbringen. Die Saat ist gesät und wird hoffentlich bald keimen.

Was läuft falsch in unserem Geldsystem?  
Es gibt zwar unglaublich viel Kapital, dass so billig wie noch nie verfügbar ist, es kommt aber nicht in Fluss. Unsere Schwierigkeit ist, dass zu wenige Investitionen in die Realwirtschaft getätigt werden. Der Glaube an die Zukunft fehlt. Umso weniger wir an eine positive Zukunft glauben, umso weniger wird in sie investiert. Es ist wie bei einem Fahrrad, das nur fährt, solange es in Schwung bleibt. Wir schlenkern gerade schon bedenklich hin 
und her.  

Da es ohnedies immer schwerer wird, Renditen einzufahren: Wäre nicht jetzt ein guter Zeitpunkt, um über soziale Renditen nachzudenken?
Richtig! Wann, wenn nicht jetzt. Aber auch wann, wenn nicht jetzt, um in Großprojekte zu investieren, wie in die Dekarbonisierung, in die Infrastruktur, in Marshallplan-artige Fonds für Afrika. Geld, das man für ein Prozent Verzinsung aufnehmen kann, eignet sich dafür. Das ist mittlerweile selbst für private Anleger attraktiv. Man muss ja, ökonomisch betrachtet, immer den Produktionsfaktor verwenden, der am günstigsten ist, und das ist heute Kapital, nicht Arbeit. Wir tun das aber nicht.

Woran liegt das?
An der Krise dahinter. Das ist eine kulturelle und mentale Krise. Hier schließt sich der Kreis zu den gemeinnützigen Stiftungen. Ohne eine Kulturänderung im Kopf und im Herzen bringen wir das Kapital nicht in Bewegung.  

Geld für gesellschaftlichen Mehrwert einzusetzen, ist ja beinahe eine Antithese dazu, wie unser System bislang funktioniert hat. Vielleicht ist das einfach zu viel verlangt.  
Die Grenzen zwischen dem Individuum und der Gesellschaft sind aber fließend. Was nützt eine Rendite, wenn die Welt um einen herum vor die Hunde geht? Darüber hinaus darf eine Gesellschaft nicht nur in den produktiven Teil des Zyklus, sondern muss auch in den regenerativen investieren. Wir sollten jetzt also in Bildung, in Integrationspolitik, in die Frage, wie all jene, die herausfallen, wieder ins System gebracht werden können, investieren. Das ist ein durchaus egoistisches Motiv.

In Österreich wird bereits durch den Staat großzügig Umverteilung betrieben. Fühlen sich da Private überhaupt berufen?
Das Argument kommt immer wieder. Es geht aber nicht um Umverteilung, sondern um Innovation. Es geht um lernen. Darum, mit einem anderen Blick und mit einer anderen Regel Probleme zu lösen. Mit einer Regel, die der Staat nicht anwenden kann, weil er normativ agieren muss. Der Staat darf nicht experimentieren. Der kann kein Innovator sein, der Normen bricht. Das müssen andere tun. Der Stifter kann hingegen Risiken eingehen, kann Muster brechen. Umverteilung ist nicht das Thema.  

Was ist der Antrieb für die Stifter?  
Sie sehen, dass es Probleme in der Welt gibt und dass diese nicht gelöst werden. Sie wollen mit ihrem Vermögen zur Lösung beitragen und sich manchmal auch selbst weiterentwickeln.  
Gibt es bei uns genug potenzielle Stifter?  
Es gibt sicher genug Kapital in Österreich. Die Beziehung zwischen privat und Staat ist aber kompliziert. Viele finden, dass sie eh schon genug Steuern zahlen und dass der Staat sich kümmern soll. Auch das Stiftungsgesetz ist nach wie vor unglaublich zäh. Man steht ständig unter Verdacht. Warum soll man sich das antun? 

Lässt sich das verbessern?
Hier müssen jetzt Novellierungen her. Das geht nur Schritt für Schritt. Die Beziehung zwischen Staat und Stiftern ist nicht von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Stifter sind im Verdacht, sich nur steuerliche Vorteile sichern zu wollen. Und die Stifter wiede­rum sehen nicht ein, dass der Staat mitreden will, was sie mit ihrem versteuerten Vermögen machen. Das ist eine ungesunde Beziehung.

Will die Politik hier überhaupt etwas ändern?
Ich denke schon. Der Anteil der öffentlichen Investitionen am gesamten Investitionsvolumen liegt bei 12–13 %. Um wieder Schwung aufzunehmen, braucht es definitiv private Initiativen. Die Lernfähigkeit des Systems muss erhöht werden, denn nur die Sicht des Marktes oder des Staates sind zu eingeschränkt. Wir verbrauchen uns hier zu oft in stumpfen, politischen Diskussionen. Wir brauchen kein Europa von reichen Hausbesitzern. Das Geld kann nicht nur in Absicherung gehen. Das Kapital muss mit neuen Ideen eine Beziehung eingehen. 

Und wie kommt das Wissen dann ins System?
Über das Board. Da sitzen Unternehmen, Anwälte, Künstler drin. Dadurch wird das Wissen sehr schnell in andere Stakeholdernetzwerke ausgespielt. 

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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