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Geld in der Klemme

29.09.2015
KMU

Die anhaltende Investitionsschwäche trübt die Konjunkturaussichten. Andererseits klagen viele KMU, dass sie nur schwer eine klassische Finanzierung aufstellen können. Acht Fragen an Betroffene und Experten zum Thema Mittelstandsfinanzierung.

 

Gregor Deix
Doris Ploner
Claudia Scarimbolo,

Umfrage: Daniel Nutz

Gregor Deix, Bereichsleiter Firmenkunden, Erste Bank

Woran scheitern die meisten abgewiesenen Kreditanträge?

Das wichtigste Kriterium aus Sicht der Banken ist der zu­grunde liegende Businessplan. Wenn dieser nicht plausibel oder zu riskant ist, wird es schwierig. Beispielsweise, wenn ein USP fehlt. Oder wenn Unternehmen in Geschäftsfeldern tätig sind, die wir nicht mehr für rentabel halten. Wir verlangen ein ausreichendes Kostenmanagement und die Aussicht auf Rentabilität. Auch eine gewisse Ausstattung an Eigenkapital sollte vorhanden sein. Zukunftsträchtige Geschäftsmodelle, wo das Rechnungswesen und Controlling adäquat ist, erhalten aber in der Regel eine Finanzierung. Allein Erste Bank und Sparkassen schließen täglich zwei Gründungsfinanzierungen erfolgreich ab.

 

Welche wirtschaftspolitischen Maßnahmen schlagen Sie vor, um die Investitionsbereitschaft zu stärken?

Wir merken, dass viele Unternehmen derzeit zuwarten. Sie sparen und bauen Eigenkapital auf. Vorsicht scheint das Gebot der Stunde zu sein. Das hat vielfach emotionale und psychologische Gründe, denn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind sicherlich besser als vielerorts beschrieben. Was wir brauchen, ist ein radikaler Bürokratieabbau. Eine unternehmerfreund­lichere Politik würde jedenfalls Investitionsimpulse setzen. Die Wiedereinführung des Investitionsfreibetrags (IFB) oder vorzeitige Abschreibmöglichkeiten wären mögliche Impulse. Solche Maßnahmen könnten ein Signal setzen, das Investments forciert. Viele Unternehmen wollen eigentlich investieren, brauchen aber noch Überzeugung.

Doris Ploner, Geschäftsführerin, Die Käsemacher


Welche Rolle spielt Ihre Hausbank bei der Finanzierung?

Für uns spielt die klassische Kreditfinanzierung eine sehr wichtige Rolle, daher stehen wir in laufendem Kontakt mit unserer Hausbank. Da wir bereits schwierige Zeiten hinter uns haben, ist uns die Nähe zur Bank sowohl räumlich als auch persönlichen sehr wichtig. Unsere gesamte Geschäftstätigkeit läuft über ein Girokonto bei unserer Hausbank. Auch kreditseitig befinden wir uns nur bei unserer Hausbank. Dies erleichtert einiges, so berichten wir laufend nur einer Bank, und diese hat immer aktuell die benötigten Unterlagen aufliegen. Auch hinsichtlich neuer Finanzierungen fallen viele mühevolle Wege weg, da schnell und konsequent Entscheidungen getroffen werden können.

Wie stellen Sie die benötigten Finanzmittel auf?

Wir unterscheiden zum einen die Außenfinanzierung, die zum Teil über Kreditfinanzierungen bei der Hausbank stattfindet, und zum anderen über private Investoren erfolgt, die ihr Kapital langfristig zur Verfügung stellen, das daher als Eigenkapital zu werten ist. Die Innenfinanzierung entsteht über den Erlös unserer verkauften Produkte. Damit wir hier zeitnahe über Liquidität verfügen können, haben wir den Weg des Factorings gewählt. Dies bietet uns die Möglichkeit, lange Zahlungskonditionen sowohl im Inland als auch im Ausland zu überbrücken.

Claudia Scarimbolo, WKO und WIFI-Unternehmerservice

 

Woran liegt es, dass sich das Thema Finanzierung in Österreich immer auf so wenige Methoden beschränkt?

Die Antwort braucht eine genaue Betrachtung des Finanzierungsbedarfs. Zum einen ist für Unternehmen die Sicherstellung der Liquidität vorrangig. Es geht um kurzfristigen Finanzierungsbedarf, also beispielsweise die Vorfinanzierung von größeren Aufträgen, und Aufwendungen sowie um Konzentrationen bei Fälligkeiten, etwa Sonderzahlungen und Abgaben. Banken sind Ansprechpartner Nummer eins. Somit ist das Mittel der Wahl der Betriebsmittelkredit. Zum anderen sind Banken auch Ansprechpartner, wenn es um die Finanzierung von Investitionen geht. Generell ist beim Thema Finanzierung Expertenwissen gefragt, und hier vertrauen die Unternehmer den klassischen Finanzierungsmethoden und -partnern.

 
Welche weniger bekannten Finanzierungsmethoden ­werden künftig an Bedeutung gewinnen?

Im Zusammenhang mit Risikokapital, das für die Finanzierung von Innovationen, Wachstum und Expansion eingesetzt wird, ist in den letzten Jahren einiges in Bewegung gekommen. Was im angloamerikanischen Raum bereits selbstverständlich ist, entwickelt sich bei uns nun auch. Heute denkt bereits jeder vierte Unternehmer über alternative Finanzierungen nach. Sieben Prozent nehmen diese auch in Anspruch.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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