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Gebildete Hoffnung

05.06.2020

Widersprüche sind immanenter Teil unseres Daseins. Deshalb überrascht es im Sog der krisenhaften Widersprüchlichkeit kaum, dass die Covid-Welle angesichts der surrealen (WC-Papier-)Hamsterei nicht bloß Abflüsse verstopfte, sondern mitunter auch Hirnwindungen. Was im Gegenzug ermutigen kann, ist etwa „gebildete Hoffnung“, meint der Temposoph Franz J. Schweifer in seiner Kolumne. 

Anders als mit kognitiver Verstopfung ist beispielsweise der ebenso surreale Einfallsreichtum der isländischen App „One“ kaum zu erklären. Sie verkuppelt Singles nicht nur auf Basis ihres Alters und Geschlechts, sondern auch anhand ihres Covid-19-Status´ (infiziert und genesen, nicht infiziert, in Quarantäne). Gewissermaßen Rilkes „Herbsttag“ viral reloaded bzw. missbraucht, in dem es heißt: „Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

In ermutigendem Gegensatz dazu bleibt so etwas wie „gebildete Hoffnung“, von der schon der Philosoph Ernst Bloch sprach. Diese Hoffnung ist kein platter Optimismus, kein naives Erwarten eines Happy End. Sie sagt, wir können auch scheitern. Sie ergründet auch das, was ist und geschieht. Sie verändert die Komfortzone zur „Komm-vor-Zone“. Sie fordert uns heraus, aktiv zu werden und das Hirn einzuschalten. Denn „Not-wendig“ heißt: In der Not müssen wir (geistig) besonders wendig sein und zu Handelnden der Krise werden.

Was höchst heilsam wäre, ist nicht bloß eine virale Herdenimmunisierung, sondern vor allem eine postvirale Massenimmunisierung – etwa gegen die Mär vom ungebremsten Mehr, Schneller, Höher, Überall und Jederzeit. Gegen das überstrapazierte Idyll des Selbstverständlichen, Normalen und allzeit Machbaren. Gegen orakelnde Futurologen oder übersichere Alphatiere, die bar jeden Selbstzweifels einer nach Sicherheit lechzenden Herde alles verkaufen, nur nichts „gebildet Hoffnungsvolles“.

Was ebenso nottäte, ist (Selbst-)Vergewisserung. Eine, die vor allem Klarheit in Bezug auf eine sozialethische Kernfrage verschafft: Wollen wir es (weiter) so, wie wir es uns (bisher) eingerichtet haben? Wenn nein: Was müsste anders sein und getan werden – für ein „gutes (postvirales) Leben“? Kollektiv wie individuell. Damit Covid- und andere fatale Wellen uns künftig erspart bleiben.

Krisen wie Corona & Co brauchen keine blauäugigen Optimisten, auch keine Pessimisten in Schockstarre, sondern Possibilisten mit klugem Möglichkeitssinn und Courage. Dabei ist Mut vor allem auch eine Tugend des Herzens. Herz heißt ja lat. cor – deshalb bedeutet Courage: Beherztheit. Eine „gebildete Hoffnung“ ist demnach auch eine beherzte Hoffnung. Eine, die uns die Augen öffnet, solange Geschäfte geschlossen haben. Und eine, die sie uns nicht wieder verschließt, wenn alle Türen wieder wie gewohnt weit offen sind.

Autor/in:
Mag. Dr. Franz J. Schweifer

ist Geschäftsführer des Beratungsinstituts „Die ManagementOASE – Schweifer & Partner, Coaching. Training. Consulting.“ in Mödling b. Wien. 
www.managementoase.at 
f.j.schweifer@managementoase.at 

Als „Temposoph“, Zeitforscher, FH-Lektor, Managementtrainer & Coach mit über 20 Jahren Beratungserfahrung hat er sich v.a. auf ZEIT-spezifische Themen und Widersprüche spezialisiert. Und das auf gesellschaftlicher, unternehmerischer wie persönlicher Ebene.

Aktuelle Publikation: (1) Tempo all´arrabbiata (2) Ach du liebe Zeit  (3) Zeit – Macht – Ohnmacht 

Aktuelle Seminare, Fachartikel etc.:http://www.managementoase.at/itsscms/de/oaseaktuell/oaseaktuell.html

ZeitenBlicke zum Durchatmen: http://www.managementoase.at/itsscms/de/oaseaktuell/monatsweise 

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