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Fünf Strategien gegen die Krise

26.05.2020

Die Corona-Krise zwingt auch die Produktion zu einem Wandel. Während heimische Betriebe wieder hochfahren, zeichnen sich auf politischer und unternehmerischer Ebene mehrere einschneidende Reaktionen ab.

Der jüngste Konjunkturausblick des Wifo zeigt einen Absturz der Einschätzung bei heimischen Betrieben, und zwar über alle Branchen hinweg. Die Industriellenvereinigung rechnet für heuer mit einem BIP-Einbruch von satten 7,6 Prozent, was 31 Milliarden Euro entsprechen würde. 

Entsprechend wichtig war es, dass die Arbeit in den meisten Betrieben wieder aufgenommen werden konnte. Etwa auch bei den Autozulieferern, eine der wichtigsten Branchen der Republik. So ist bei Magna Steyr in Graz schon im April die Fertigung der G-Klasse von Mercedes-Benz wieder angelaufen, im Mai starteten weitere Produktionslinien für BMW und Jaguar. In Wien fährt gerade Opel sein großes Werk schrittweise wieder hoch. Und in Oberösterreich hat KTM, größter Motorradhersteller Europas, die Kurzarbeit für alle Mitarbeiter bereits beendet und ist zum Vollbetrieb zurückgekehrt. Übrigens verbunden mit der Hoffnung, dass die Krise das Mobilitätsverhalten ändert – und die Nachfrage nach Motorrädern ankurbelt.

Enormer Schaden bleibt

Der enorme Schaden aber für die Volkswirtschaft wie auch für die Bilanzen der Unternehmen bleibt. So werden die gigantischen Rettungspakete die Verschuldung europäischer Staaten in astronomische Höhen treiben. Für Österreich rechnet der Budget­ausschuss des Nationalrats mit einem Anstieg der Schuldenquote auf über 81 Prozent. Viele Ökonomen warnen auch vor einer Inflation oder gar einer Deflation. Und was die nächsten Monate angeht, wagen viele Industriebetriebe keine Prognose mehr. „Für Österreich ist es die schwerste Situation seit 1929 in Friedenszeiten“, so Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung. 

Da überrascht es wenig, dass die Kritik am politisch verordneten Stillhalten härter wird – nicht nur unter Verschwörungstheoretikern, sondern von höchster Stelle. So meinte kürzlich Georg Kapsch, Vorstand der Kapsch Gruppe und Präsident der Industriellenvereinigung, in einer Podiumsdiskussion zur Europapolitik: „Wir haben uns manipulieren lassen von Bildern aus China und von völlig unzulässigen Vergleichen Österreichs mit Italien oder Spanien. Einen solchen Shutdown können wir bei der nächsten Epidemie nicht mehr machen, weil wir dann so oder so tot sind.“ 

Stabilisierung und neue Arbeitswelt

Was also sind nun die entscheidenden Strategien, die sich gegen ­Corona abzeichnen? Die erste und drängendste Strategie ist gerade auf politischer Ebene zu sehen: Regierungen versuchen, mit historisch hohen Hilfspaketen Insolvenzen und Arbeitslosigkeit so weit wie möglich zu verhindern. Die zweite Strategie betrifft vor allem Arbeitnehmer: Die Krise hat die Arbeitswelt verändert, und es wird immer klarer, dass viele dieser Veränderungen bleiben werden. Telearbeit und Videokonferenzen gehören plötzlich für fast alle zum Alltag, die nicht physisch vor Ort sein müssen.

Reshoring: Lieferketten umbauen

Die dritte Strategie betrifft die Lieferketten – in der Corona-Zeit die Achillesferse der heimischen Industrie. Denn die Krise macht auf eine sehr drastische Weise sichtbar, wie zerbrechlich die weltweiten Warenströme sind, die für hochentwickelte Produkte benötigt werden. In einer Analyse schreibt dazu Sebastian Dullien, Direktor am Düsseldorfer Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung: „Wir werden eine grundsätzliche Veränderung der internationalen Wertschöpfungsketten sehen. Die Unternehmen werden sich weniger auf die Lieferung wichtiger Teile aus dem Ausland verlassen. Die Corona-Epidemie ist nach der Finanzkrise, dem Brexit und dem Handelsstreit nun schon das vierte Großereignis, durch das Unternehmen ihre Lieferketten überdenken werden. Es wird ein Zurückdrehen der Globalisierung geben.“ 
Das wiederum kann für ein sehr exportstarkes Land wie Österreich einerseits bedeuten, dass heimische Exporteure in fernen Ländern unter Druck kommen. Andererseits sorgt das sogenannte „Reshoring“ auch für neue Investitionen im Inland. 

Eigene Betriebe weniger angreifbar machen

Die vierte Strategie ist ein höherer Schutz des eigenen Standorts. Der Grund dafür: Die jüngsten Einbrüche machen gerade Betriebe in Schlüsselindustrien, in denen sich sehr viele heimische „Hidden Champions“ positionieren, besonders leicht angreifbar, zum Beispiel durch Übernahme zu einem Schnäppchenpreis. 

Auch diese Sorge kursiert keineswegs nur in Verschwörungskreisen. Im Mai hat Andreas Mundt, Chef des deutschen Bundeskartellamtes, eindringlich vor einer herannahenden Übernahmewelle gewarnt – und zwar ausdrücklich durch chinesische Großkonzerne. Hierzulande mahnt unter anderem Sabine Herlitschka, Konzernchefin von ­Infineon Austria, immer wieder vor dem Ausverkauf europäischer Schlüsseltechnologien. Mehrere Regierungen Europas reagieren bereits. 

So hat in Österreich schon die frühere ÖVP-FPÖ-Regierung ein Gesetz initiiert, die heimische Betriebe vor feindlichen Firmenübernahmen schützen und die Abwanderung von Schlüsselindustrien erschweren soll. Dieses Gesetz sei gerade in Ausarbeitung, meinte Mitte Mai Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck

Dekarbonisierung: Realität und Illusionen

Die fünfte Strategie nimmt das große Ganze in den Blick: Die Krise sei eine Chance für Dekarbonisierung und den Umbau des gesamten Systems, heißt es derzeit in unzähligen Kommentaren. Unbestritten ist, dass der „Green Deal“ tatsächlich Chancen für diesen Umbau bietet und nach wie vor sehr große Schritte bei der Senkung der Abgase unabdingbar sind. Denn die Corona-Krise habe die Emissionen zwar gesenkt, helfe aber mittelfristig keineswegs gegen den Klimawandel, heißt es in einer aktuellen Analyse des Wifo und des Grazer Wegener Center. Allerdings ist bei der Forderung nach einer radikalen Dekarbonisierung große Skepsis angebracht. Österreich zum Beispiel steht beim Anteil der Erneuerbaren ziemlich gut da: Dank Wasserkraft stammen knapp drei Viertel des hierzulande erzeugten Stroms aus Erneuerbaren. Doch Strom macht am gesamten Energieverbrauch in Österreich gerade einmal zwölf Prozent aus – der riesige Rest stammt aus der Verbrennung von Öl, Gas und Biomasse. Zur Wahrheit gehört, dass dieser Anteil auch mit den größten Anstrengungen beim Ausbau der Erneuerbaren nicht so schnell zu ersetzen ist.

Text: Peter Martens 

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