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Folge 30: Die Kraft der Beständigkeit

15.04.2014

Unsere Wirtschaft lebt von permanenter Erneuerung. Warum eigentlich? Sie könnte genauso gut von der Kraft der Beständigkeit leben. Die Menschen brauchen gerade heute Verlässlichkeit, Sicherheit und das gute Gefühl, aufgehoben zu sein. Das nächste Update darf ruhig warten.

Der Erneuerungszwang ist zu einer sozialen Phobie geworden. Es muss immer das neueste Modell sein. Man will ja schließlich vorne dabei sein, auch wenn wir nicht mehr wissen, wo genau das ist. In einem Theaterstück, das ich geschrieben habe, lasse ich einen Mann ausrufen: „Treue ist Sabotage an der Produktion. Eine Untugend! Wir sind doch in unserer Familie allen Dingen und Marken gegenüber absolut untreu.“

Diesen gesellschaftlichen Zwang zur Untreue ertragen wir allerdings kaum, weil sie unserer tiefverwurzelten Sehnsucht nach Beständigkeit widerspricht. Ich denke, wir haben uns vor allem durch die rasante Entwicklung der Telekommunikation mit ihren immer neuen Features ein Problem mit der Beständigkeit und der Treue eingetreten, so wie man sich einen Nagel in den Schuh eintritt. Ich hatte einmal einen Nagel im Schuh. Die Spitze des Nagels hat zuerst meine Socken angeritzt, und ich konnte mir die Löcher nicht erklären. Dann, je mehr ich damit herumgegangen bin, hat es begonnen, wehzutun. Richtig weh. Genau so weh tun auch die dauernden Updates in allen Lebenslagen, mit denen ich konfrontiert werde. Ich mag nicht alles an mir andauernd erneuern. Das bringt mich um meine Wurzeln. Ich habe den Nagel aus meinem Schuh gezogen und dann genau zehn Jahre lang das Betriebssystem meines Computers nicht erneuert. Ich kann heute noch mit Programmen umgehen, die Sie gar nicht mehr kennen.

Die Menschen haben heute echte Sorgen mit den Verwerfungen und dauernden Umbrüchen. Das ist ein Schrei nach Beständigkeit, den man heute kaum auszustoßen wagt, um nicht als spießig etikettiert zu werden. Vielleicht dürfen wir als Wirtschaftstreibende ein wenig dazu beitragen, den Menschen Vertrautheit und Sicherheit zu geben. Ja, uns gibt es seit 200 Jahren. Wir machen das ganz genau so wie anno dazumal. Nein, die Zusammensetzungen haben sich nicht geändert. Wie erleichternd und wohltuend. Mein Bruder führt heute ein Friseurgeschäft in der Wiener Innenstadt, und das hat er von unserem Vater übernommen, und der hat es von seinem Vater übernommen. KundInnen kennen teilweise alle Generationen von „Friseur Koisser“ und fühlen sich familiär eingebettet. Mein Bruder hat noch ganz altmodische handgeschriebene Karteikarten, wo noch mit väterlicher Handschrift vermerkt ist, welche Farbmischungen die Frau Hofrat bekommt.

Wenn ich daran denke, ertrage ich es gleich besser, dass dieser
Artikel, den Sie gerade lesen, morgen schon wieder Altpapier ist.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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