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Gerald Dunst, Humus-Pionier und Leiter der AG Landwirtschaft der Ökoregion Kaindorf: "Durch Humus-Aufbau wird CO2 im Boden ge­speichert und das ­Klima ­entlastet."

Fit für CO2-Steuern

30.03.2020

Mehr Humus in der Erde heißt weniger CO2 in der Luft. Dort setzt die Ökoregion Kaindorf mit ihrem Zertifikatehandel an: Bauern bekommen Geld für mehr Humus in ihren Böden, Unternehmen bezahlen dafür mit CO2-Zertifikaten. Eine Win-win-Situation, die Schule machen könnte.

Was haben Entwickler von Onlineshops und Landwirte gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch das steirische E-Commerce-Unternehmen niceshops arbeitet mit Bauern in der Umgebung an einem gemeinsamen Ziel: CO₂ reduzieren. Sie tun das, indem niceshops dafür bezahlt, dass die Bauern in ihren Anbauflächen durch die Art der Bewirtschaftung mehr CO₂ binden, was die Atmosphäre entlastet. Das gelingt, indem sie ihre Agrarflächen in einem mehrjährigen Prozess mit Humus anreichern. Humus vermehrt sich unter anderem, indem die Felder auch im Winter bepflanzt werden, durch eine bodenschonende Bearbeitung ohne Pflug und durch Vielfalt der Pflanzen.

Der E-Commerce-Anbieter und die Agrarbetriebe nehmen am Humusaufbau-Programm teil, das die Ökoregion Kaindorf für ganz Österreich ins Leben gerufen hat. Neben niceshops kompensieren durch diesen Zertifikatehandel auch viele andere Unternehmen ihren CO₂-Verbrauch, darunter etwa Brauereien, Druckerei- und Malereibetriebe, der Greentech Cluster Styria, der Kräuteranbieter Sonnentor, eine Vorsorgekasse sowie die Handelsketten Lidl und Hofer. Auf der anderen Seite machen mehr als 300 Landwirte in Österreich beim Humusaufbau-Projekt mit. Rund 20 davon kommen aus der Region rund um Kaindorf.

Klimaschonend wirtschaften

Und so funktioniert der Zertifikatehandel: Unternehmen wie niceshops bezahlen pro Tonne CO₂, die sie verbrauchen, 45 Euro und können so klimaschonend wirtschaften. Ein Bauer wiederum, der durch die Humusanreicherung in seinem Boden CO₂ bindet, erhält eine Prämie von 30 Euro pro Tonne. Mit der Differenz organisiert der Verein Ökoregion Kaindorf beziehungseweise eine angeschlossene GesmbH den Zertifikatehandel und bietet unter anderem in der Humusakademie Workshops für Bauern an, die lernen wollen, wie sie ihre Böden möglichst rasch mit Humus anreichern können. Es finden Stammtische in verschiedenen Regionen statt. Für inte­ressierte Unternehmen gibt es Veranstaltungen, wie etwa die Fachtagung Go.Green am 14.10. im Schloss Obermayer­hofen, die sich vor allem an KMU richtet, die Nachhaltigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg verbinden wollen.

Seit zwei bis drei Jahren hat die Nachfrage nach den Zertifikaten enorm zugenommen, wie Thomas Karner, Geschäftsführer der Ökoregion Kaindorf, erzählt: „Die Bereitschaft aus der Wirtschaft ist unglaublich gestiegen. Es kommen KMU, aber auch Konzerne und ganze Berufszweige auf uns zu, die diesen Weg gehen wollen.“ Auch ins Ausland wurde das Programm schon transferiert – und es soll weiter international verbreitet werden. Dabei gibt es das Humusaufbauprojekt schon seit der Gründung der Ökoregion Kaindorf 2007. Karner beschreibt die Entwicklung des Humusprojektes: „Es war wie bei allen Innovationen: Zuerst wird man nicht wahrgenommen. Wenn eine gewisse Sichtbarkeit erreicht ist, wird man belächelt. Als nächstes wird man bekämpft. Und wenn eine Eigendynamik entsteht, sagen alle: Wir haben schon immer gewusst, dass das gut ist.“

Zertifikate ausverkauft

Die Nachfrage nach Zertifikaten seitens der Unternehmen ist sogar so groß, dass die Zertifikate schon lange ausverkauft sind. Obwohl immer mehr Bauern mitmachen, kommen sie mit dem Humusaufbau nicht nach. Das Team der Ökoregion versucht, noch mehr Bauern zu gewinnen. Manchmal ergreifen sogar interessierte Firmen die Initiative. So war und ist es auch beim steirischen Unternehmen niceshops. Geschäftsführer Roland Fink und sein Team sind seit rund eineinhalb Jahren dabei: „Wir haben die Landwirte in der Nachbarschaft kontaktiert und versucht, sie zu überzeugen, dass das ein gutes Projekt ist. Das war harte Akquise.“ Es hat sich gelohnt: Sechs Landwirte haben angebissen. Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, hat niceshops sogar die notwendigen Bodenproben, die von der Agentur für Ernährungsgesundheit (AGES) durchgeführt werden, sowie Schulungen bezahlt.

Und niceshops ist weiter auf der Suche, denn das Unternehmen, das seit Oktober klimaneutral ist, will in Zukunft CO möglichst regional kompensieren. Derzeit kompensiert niceshops seinen CO₂-Überschuss von 600 Tonnen pro Jahr mit Zertifikaten von Regreen durch Projekte in Bangladesch, Indien und Peru. Da die Vorlaufzeit beim Humusprojekt mindestens drei Jahre dauert – schneller lässt sich Humus nicht aufbauen – dauert es noch, bis die Kompensation in der Region greift und niceshops tatsächlich regional kompensieren kann. Dass die regionalen Zertifikate viel teurer sind als andere am Markt, nimmt Fink in Kauf. Das sei ein schönes Zeichen von Industrie und Handel, und der Humusaufbau in der Nachbarschaft hat einen wesentlichen Nebeneffekt: Humus speichert auch Wasser länger im Boden, was Erosion und Überschwemmungen entgegenwirkt. 

Wetterextreme kompensieren

Weitere positive Effekte des Humusaufbaus sowohl auf Umwelt als auch für Bauern sind, dass die Böden auch bei Trockenheit mehr Wasser an die Pflanzen abgeben, also weniger bewässert werden müssen und dass humusreicher Boden Nitrat besser speichert, welches dann nicht ins Grundwasser gelangt. Außerdem bringt humusreicher Boden höherer Erträge, wodurch der Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln reduziert werden kann, was sowohl wirtschaftlich als auch auf die Umwelt bezogen gut ist. Thomas Karner fasst zusammen: „Böden werden durch mehr Humus klimafitter und können Wetterextreme viel besser kompensieren.“ Derzeit binden die Humuslandwirte im Schnitt neun Tonnen CO₂ pro Hektar und Jahr, die besten schaffen sogar 25 Tonnen. Laut eigenen Angaben des Vereins Ökoregion Kaindorf könnte Österreich durch eine komplette Umstellung auf die Humuslandwirtschaft zwischen 15 und 41 Prozent des jährlichen CO₂-Ausstoßes in der Erde binden.

Die Wirtschaft, ist Thomas Karner überzeugt, könne ein treibender Motor werden, um die Entwicklung voranzutreiben – schneller als die Politik. Karner sagt, es werde sehr bald sogar ein unternehmerischer Vorteil sein, CO₂ zu kompensieren: „Die, die vorausschauend sind, wissen, dass man ohne ökologische Ausrichtung nicht mehr weiterkommt.“ Schon jetzt würden manche Unternehmen nur mit Lieferanten zusammenarbeiten, die klimaneutral sind. „Und da es etwas ist, was man nicht von heute auf morgen machen kann, haben die, die sich schon jetzt damit beschäftigen, einen Wettbewerbsvorteil. Die, die es verabsäumen, werden ein Problem bekommen.“ ­Roland Fink von niceshops sieht das ähnlich: „Wenn du ein jüngeres Zielpublikum ansprichst, macht es Sinn, klimaneutral zu sein. Das ist etwas, das für uns einen ganz klaren Wettbewerbsvorteil darstellt.“ Und auch in anderer Hinsicht hält Fink seine Vorgangsweise für schlau: „Ich glaube, eine CO₂-Steuer lässt sich auf Sicht in Europa nicht verhindern. Und wenn du da unvorbereitet bist, wird es teuer.“

Autor/in:
Alexandra Rotter
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