Finanz-Start-ups am Radar | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Finanz-Start-ups am Radar

23.11.2017

Etablierte Banken werden von Start-ups mit innovativen Finanztechnologien, sogenannten FinTechs, gehörig unter Druck gesetzt. Anstatt auf Kampf, setzen sie jetzt vermehrt auf Kooperation und Synergien mit den Herausforderern der Branche.

TEXT: ALEXANDRA ROTTER

Das Start-up N26 verkündete diesen August eine bemerkenswerte Nachricht: FinTechs, die Bankgeschäfte am Smartphone anbieten, haben nach dem Markteintritt Anfang 2015 die 500.000-Kunden- Grenze erreicht – also nach gerade einmal zweieinhalb Jahren. Pro Monat gewinnt die mobile Bank, die der gebürtige Wiener Valentin Stalf gemeinsam mit Maximilian Tayenthal gegründet hat, im Schnitt 1.500 Kunden. Und das Wachstum geht gerade in letzter Zeit exponentiell nach oben. Diese Entwicklung macht CEO Stalf sicher, dass er sein Ziel erreichen wird – und dieses lautet: in den kommenden Jahren die führende mobile Bank für digitale Kunden in Europa zu werden. 2018 startet das Unternehmen, das rund 300 Mitarbeiter hat, auch in den USA mit seinem Angebot.

Wer das hört, muss anerkennen: FinTechs setzen etablierte Banken gehörig und zunehmend unter Druck – einerseits weil sich mittlerweile viele einen gewissen Status am Markt erarbeitet haben, andererseits weil es immer mehr von ihnen gibt. Dass Bankmanager dadurch ins Schwitzen geraten, bestätigen auch die Ergebnisse des Global FinTech Report 2017. Dafür hat die Unternehmensberatung PwC weltweit mehr als 1.300 Unternehmer aus der Finanzbranche befragt. 88 Prozent von ihnen befürchten, Umsätze an FinTech-Unternehmen zu verlieren. Oftmals sind sie im Vergleich zu klassischen Banken innovativer bei ihren Angeboten und Geschäftsmodellen – oder auch einfach nur weiter und schneller in der Technologie. Auch die Größenordnung lässt aufhorchen: Die befragten Unternehmer schätzen, dass sie fast ein Viertel ihrer Umsätze aufgrund der neuen Konkurrenz verlieren könnten.

AUF EXIT AUSGERICHTET

Auch immer mehr Investoren glauben an die lukrative Zukunft – zumindest ausgewählter – FinTechs. Laut PwC-Plattform DeNovo wurden in den vergangenen vier Jahren weltweit 40 Milliarden Dollar in Fin- Tech-Start-ups investiert. Auch N26 konnte mit dem Silicon- Valley-Star und PayPal-Gründer Peter Thiel einen der Top- Investoren der Technologie-Welt gewinnen. Thiel hat etwa auch schon in das FinTech TransferWise investiert.

Aber die Frage ist nicht so sehr, ob sich die FinTechs in der Zukunft durchsetzen werden oder die etablierten Banken stark genug sind, um die Neuen zu verdrängen. Natürlich gibt es auch die Strategie, dass Banken FinTechs aufkaufen – und damit technologisches Know-how und Innovation, die im eigenen Unternehmen nicht vorhanden sind. Peter Bosek, Vorstandsmitglied der Erste Group, meinte kürzlich auf Ö1, dass 90 Prozent der FinTechs, die in den vergangenen fünf Jahren entstanden sind, auf Exit ausgerichtet seien, also darauf, früher oder später von einer Bank übernommen zu werden.

Peter Bosek, Erste Group „90 Prozent der jüngeren FinTechs sind auf Exit ausgerichtet“

WETTWEBERB ODER KOOPERATION

Eine andere Strategie als die Kannibalisierung ist die Zusammenarbeit. Auch das zeigte sich im PwC-Report: Demnach planen vier Fünftel der Finanzdienstleister weltweit, ihre Kooperationen im FinTechs-Bereich in den nächsten drei bis fünf Jahren auszubauen. Sie halten solche Partnerschaften für eine wichtige Möglichkeit, Teile ihrer Forschung und Entwicklung auszulagern, um ihren Kunden schneller neue Produkte anbieten zu können. In mobilen Gelddiensten steckt demnach auch eine Chance, bisher nicht erreichte Zielgruppen anzusprechen – PwC geht sogar davon aus, dass diese neuen Zielgruppen drei Billionen Dollar Wert ist. Umgekehrt profitieren Finanz-Start-ups von der Zusammenarbeit mit Banken, weil sie selbst nur schwer Zugang zu Kunden haben und oft auch selbst gar keine Bankenlizenz haben – diese bekommen Unternehmen erst ab einem Mindestkapital von fünf Millionen Euro. Wer Banken wirklich Konkurrenz machen will, muss aber schon einen zwei- oder dreistelligen Millionenbereich aufstellen können.

Manch einer in der Branche spricht von einer Blase der FinTechs. Finanzinvestor und Ex-Goldman-Sachs-Banker J. Christopher Flowers wiederholte Ende September im „Handelsblatt“ seine schon früher geäußerte Skepsis: Er glaubt, dass im Moment ein Hype um FinTechs herrscht und fürchtet, dass die Blase irgendwann platzen wird. Er schätzt, dass 90 Prozent der FinTechs, die jetzt an den Start gehen, scheitern werden. Aber er betont auch, dass einzelne dieser Start-ups überleben und Erfolg haben werden.

Letztlich ist es egal, ob es eine Online-Bank, eine Fin- Tech-App oder eine traditionelle Bank mit einem Filialnetz und zusätzlichem Online-Angebot ist: Profitieren werden jene Finanzunternehmen, die es am besten schaffen, Kunden von morgen zu gewinnen und vor allem das verstaubte Image vieler Banken abzulegen.

Autor/in:
Alexandra Rotter
Werbung

Weiterführende Themen

In den 250 Wohnungen von Dahir in Graz werden die Mieter zur Nachbarschaft shilfe motiviert.
Stories
24.11.2017

Die Dahir-Hausverwaltung zeigt, dass man auch mit Immobilien in schlechter Lage Gewinn machen kann. Man muss nur das alte Denken über Bord werfen.

Alexander Klacska
Interviews
23.11.2017

Alexander Klacska kämpft seit Jahren für die Interessen der heimischen Transportwirtschaft als Obmann der WKO-Bundessparte Transport und Verkehr. Im Interview erklärt er, warum Reglementierungen ...

Bei der Post denkt man auch über die Zustellung mittels Drohnen nach. Für die Massenzustellung werden sie aber nicht zum Einsatz kommen.
Interviews
23.11.2017

Peter Umundum leitet den Paket-Bereich der Österreichischen Post. Im Interview verrät er, warum das Online-Business weiter anziehen wird und warum wir unsere Lebensmittel vielleicht schon bald ...

Interviews
23.11.2017

Wie schwierig ist es, aktuell eine Finanzierung aufzustellen? Wo es hakt und wie man Abhilfe schaffen kann, darüber diskutierten Monika Traub von der Intermarket Bank, der Finanzierungsexperte ...

Der Zugang zu Krediten wird aus Sicht von aws-Geschäftsführer Bernhard Sagmeister nicht gerade besser. Im Gegenteil, man müsse froh sein, wenn er nicht noch schlechter werde. Mit Förderungen will er besonders innovativen Unternehmen aus der Klemme helfen.
Interviews
23.11.2017

Der Zugang zu Krediten wird aus Sicht von AWS-Geschäftsführer Bernhard Sagmeister nicht gerade besser. Im Gegenteil, man müsse froh sein, wenn er nicht noch schlechter werde. Mit Förderungen will ...

Werbung