F&E auslagern: Gemeinsam zum Ziel | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt
Polymergleitlager, die Palfinger in Kranen für Nutzfahrzeuge und Schiffe einbaut, wurden im Rahmen einer Forschungskooperation weiterentwickelt.

F&E auslagern: Gemeinsam zum Ziel

11.10.2017

Wer selbst keine große Forschungsabteilung unterhalten kann, muss sich professionelle Unterstützung holen. Zum Beispiel bei den Instituten des ACR, die Produkte und Verfahren für Unternehmen entwickeln. Zu den Auftraggebern gehören exportorientierte Mittelständler genauso wie Weltmarktführer. Ein Blick hinter die Kulissen.

Johann Jäger
ECKDATEN – AUSTRIAN COOPERATIVE RESEARCH

Netzwerk aus 19 Instituten,
Übersicht unter www.acr.ac.at
Tätigkeit: Angewandte F&E, Prüfungen und Zertifizierungen speziell für heimische KMU
Forschungsfelder: Bauen, Umwelttechnik, Lebensmittel, Werkstoffe, Wettbewerbsfaktoren
Beschäftigte: 804
Aufträge 2016: Knapp 22.000
Umsatz 2016: 61,4 Millionen Euro (+2,8 Prozent) Davon Förderungen des Wirtschaftsministeriums: 2,9 Millionen Euro

Text: Peter Martenes

Je mehr Aufwand eine Firma für Forschung und Entwicklung betreibt, desto mehr Erfolg hat sie. Ein Grundsatz, den die Industriellenvereinigung mit folgenden Zahlen verdeutlicht: Bei forschungsintensiven Unternehmen wächst die Anzahl der Mitarbeiter dreimal schneller, und die Exportquote ist 17-mal höher als im Durchschnitt.

In dieses Bild passt, dass einerseits Österreich heuer wahrscheinlich wieder die dritthöchste Forschungsquote der EU aufweisen wird und andererseits die Konjunktur hierzulande gerade brummt. Dass beides gleichzeitig passiert, ist kaum ein Zufall. So erwarten alle Wirtschaftsforscher für 2017 ein Wachstum deutlich über zwei Prozent, das Wifo beispielsweise rechnet mit 2,4 Prozent. Ein treibender Faktor dieser Entwicklung ist der Erfolg von Exporteuren auf internationalen Märkten.

Gleichzeitig steigt auch die Forschungsquote des Landes stetig. Zuletzt betrug sie über drei Prozent vom BIP, wie Statistik Austria meldet. Sehr viel Geld dafür kommt vom Staat. Knapp die Hälfte der Ausgaben tragen jedoch die Unternehmen selbst – allen voran die Großen ihrer Branche. So gehören nach einer Auflistung des Unternehmensberaters PWC der Stahlkonzern Voestalpine, der Halbleiterhersteller AMS AG, der Anlagenbauer Andritz oder der Leuchtenhersteller Zumtobel zu den tausend größten „Forschungskaisern“ der Welt.

WIE FORSCHEN DIE KLEINEN?

Allerdings sind Konzerne wie die Voestalpine und Forschungseinrichtungen wie das AIT eigentlich die Leuchttürme ihres Bereichs, während den größten Teil der österreichischen Firmenlandschaft kleine und mittlere Unternehmen bilden. Zum Mittelstand zählen auch viele der „Hidden Champions“ – jene rund 170 österreichischen Nischenplayer, die in der eigenen Branche zur Weltspitze gehören, aber hierzulande wegen ihrer stark internationalen Ausrichtung oder ihrer Tätigkeit als Zulieferer kaum bekannt sind. Und gerade im Mittelstand haben Unternehmen, wenn es ums Thema Forschung und Entwicklung geht, oft ein großes Problem: Eine eigene, breit aufgestellte Forschungsabteilung können sich viele nicht leisten.

Eine erste Anlaufstelle für den Mittelstand, für alle Nischenplayer und allgemein für alle Unternehmen, die keine eigene Forschungsabteilung haben, bietet Austrian Cooperative Research. Das ist ein Netzwerk aus mittlerweile 19 Instituten, die von Güssing bis Dornbirn im Auftrag von Unternehmen forschen, prüfen, informieren. Rund drei Viertel der Vorhaben werden mit und für KMU abgewickelt. Allerdings arbeiten die Institute auch für die Großindustrie und kooperieren auch mit den heimischen Hochschulen. Dabei übernehmen die Institute des Netzwerks eine doppelte Vermittlerrolle: Sie nehmen Impulse der KMU auf und geben gleichzeitig Kenntnisse und Technologien aus der Wissenschaft und der Industrie an den Mittelstand weiter.

F&E EINFACH AUSLAGERN

„Unsere Institute sind ausgelagerte Entwicklungsabteilungen, die eine Qualität und Forschungskompetenz bereitstellen, die ein Mittelständler allein kaum liefern kann“, sagt ACR-Geschäftsführer Johann Jäger. In ihrer Gesamtheit sind die Institute entlang von fünf Schwerpunkten aufgestellt: Bau, Umwelttechnik, Lebensmittel, Werkstoffe und wirtschaftliche Analyse. Die Palette der Forschungsvorhaben reicht von Rezepten für die Lebensmittelverarbeitung über Gießprozesse in der Metallurgie bis zu 3D-Druck, Betonkonstruktionen und Nanoanalytik. Auch die einzelnen Projekte sind extrem vielfältig – sie können wenige Tage oder mehrere Jahre dauern.

Der steigende Umsatz des Netzwerks zeigt, dass die Nachfrage der heimischen Wirtschaft nach Kooperationen in der Forschung groß ist, und zwar bei kleineren Firmen ebenso wie bei Weltmarktführern. Zum Beispiel in einem kürzlich umgesetzten Projekt des Vorarlberger Forschungsinstituts V-Research mit zwei Partnern. Einer davon ist die in Hard ansässige Firma Faigle, ein stark exportorientierter Hersteller mit knapp 390 Mitarbeitern, der sich auf Komponenten aus Kunststoff für hochbeanspruchte Produkte spezialisiert hat und heute Weltmarktführer bei Rollen für Fahrtreppen ist. Der andere ist der Salzburger Hersteller Palfinger, Weltmarktführer für hydraulische Ladekrane und Hebesysteme.

EIN FALL FÜR SPEZIALISTEN

Palfinger und Faigle kennen sich gut: Der Salzburger Konzern setzt schon länger auf Gleitlagerungen der Vorarlberger. Doch bei diesem Projekt ging es um eine Weiterentwicklung von Polymergleitlagern, wie sie in Lastwagenkranen und Schiffskranen von Palfinger eingesetzt werden. Ein Fall für absolute Spezialisten. Denn Komponenten mit Polymeren, also dem wichtigsten Bestandteil von Kunststoffen, sind besonders komplex, weil sie unter verschiedenen Bedingungen und Temperaturen funktionieren müssen. Wie muss die Reibung und die Schmierung sein, wie stark ist der Verschleiß? Antworten darauf liefert normalerweise die Tribologie. Bei dem gemeinsamen Projekt der Salzburger und Vorarlberger lieferten sie die Experten von V-Research. Und zwar mit Laboranalysen, mit Berechnungen – und mit Erfahrung. Mit dem Ergebnis der Kooperation waren jedenfalls beide zufrieden. Auch die Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Anwender sei beim Projekt gestärkt worden, heißt es rückblickend bei den Beteiligten.

ERFOLG DURCH KOOPERATION

Das Ergebnis eines anderen Forschungsprojekts passt in einen weißen Container. Darin ist eine Technologie für Membrandestillation, die man üblicherweise für die Trennung von flüssigen Stoffen einsetzt, etwa bei der Entsalzung von Meereswasser oder in der Behandlung giftiger Industrieabwässer. Drei Jahre lang hat das Gleisdorfer ACR-Institut AEE Intec an diesem Projekt gearbeitet. Als Partner holte das Forscherteam die Firma Rotreat an Bord, einen Spezialisten für Abwasserreinigung, sowie den Beschlägehersteller Roto Frank, der seine Prozesse als Versuchslabor zur Verfügung gestellt hat. Beide Forschungspartner haben in der Nähe von Graz ihren Firmensitz.

Das Ergebnis des Projekts ist eine Technologie, mit der es zum ersten Mal gelungen ist, die Membrandestillation auch für die Galvanik nutzen zu können. Für die Industrie ist das ein deutlicher Schritt nach vorn. Denn in der Galvanik, wo Beschläge oder Autoteile in einem Chemikalienbad ihren Rostschutz bekommen, müssen die Bäder immer wieder „aufkonzentriert“ werden, damit genug Chemikalien im Wasser sind. Wenn das nicht mehr geht, muss die giftige Brühe trotzdem regelmäßig komplett ausgetauscht werden: Jede Menge schwer belastetes Abwasser entsteht dabei. Dagegen trennt die neue Membrandestillation der Steirer das Wasser einfach aus dem Chemikalienbad heraus. Die Menge des Abwassers sinkt massiv, die Menge der benötigten Chemikalien ebenfalls, und die Energie kommt als Abwärme aus dem Galvanikprozess selbst.

Was einfach klingt, braucht freilich jede Menge neuartige Membrane, Abläufe und Messtechnik – funktioniert aber trotzdem im industriellen Maßstab und soll im nächsten Schritt in der Produktion von Roto Frank integriert werden. Dann ist der lange Weg von einer Idee bis zum fertigen System in der Praxis zu Ende. So wie bei knapp 22.000 anderen Aufträgen, die pro Jahr in den ACR-Instituten abgewickelt werden.

„Unsere Institute sind ausgelagerte Entwicklungsabteilungen, die eine Qualität und Forschungskompetenz bereitstellen, die ein Mittelständler allein kaum liefern kann.“ Johann Jäger, ACR-Geschäftsführer

Autor
Peter Martens

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