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Familienunternehmen

20.06.2011

Wir treffen Prof. Dr. Reinhard Prügl. Er sitzt auf dem Lehrstuhl für Innovation, Technologie & Entrepreneurship am Institut für Familienunternehmen der Zeppelin-Universität Friedrichshafen. Auf dem Weg zum Flughafen hatte er kurz Zeit, um sein Thema auf den Punkt zu bringe

Reinhard Prügl

„In Wahrheit spielt sich in vielen Familienunternehmen das ab, was ich mir als die Zukunft des Wirtschaftens vorstelle. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Selbst die Mitarbeiter sind Teil der Familie. Im Falle von außerordentlichen Belastungen, sei es eine schwere Erkrankung eines Angehörigen, ein Schicksalsschlag oder eine persönliche Krise, wird geholfen, wo es nur geht. In der Wirtschafts­krise hat sich gezeigt, dass in Familienunternehmen alles unternommen wird, um Entlassungen zu vermeiden. Das macht nicht nur wirtschaftlich Sinn, sondern stärkt die Unternehmenskultur und schafft Kapazität für längst fällige Innovationsprozesse.“

„Familienunternehmen kennen kein ungesundes Wachstum. Sie wachsen aus eigener Kraft, kontinuierlich. Sie denken nicht in Quartalsberichten, sondern in Generationen. Sie selbst sind die Shareholder. Profite werden viel stärker in das Unternehmen zurückinvestiert. Familienbetriebe tragen regionale und soziale Verantwortung. Dieses langfristige Denken bewirkt einen schonenden Umgang mit Ressourcen. Davon profitieren die Mitarbeiter, aber auch die Gesellschaft insgesamt, denn Familienunternehmen sind in puncto Nachhaltigkeit oftmals ganz vorn dabei. Als Arbeitgeber sind sie deshalb besonders attraktiv.“

„Ein Familienunternehmen ist natürlich nicht automatisch super. Es gibt auch welche, die ihre Mitarbeiter ausbeuten oder wo der alte Patriarch ein Schreckensregime aufrechterhält und dabei sogar die Nachfolge vermasselt. Ich kenne ein Beispiel, wo der Alte von seiner Villa aus Personalpolitik gemacht hat. Mitarbeiter, die der junge Chef einstellen wollte, befahl er zu sich, um über sie zu entscheiden. Ich will bloß nicht behaupten, dass Familienunternehmen per se die Heilsbringer sind. Der Trend allerdings, Sinnstiftung zu betreiben, langfristig zu denken, auf Menschen Rücksicht zu nehmen und Ressourcen effizient einzusetzen, würde unserem Wirtschaftssystem guttun. Es geht eben nicht um Wachstum um jeden Preis. Man kann das mit dem Körper vergleichen: Alles, was unkontrolliert wächst, ist Krebs.“

„Es ist immer schwierig, die beiden Systeme Familie und Unternehmen in Einklang zu bringen. Das zeigt sich beim Nachfolgethema, aber auch in anderen zwischenmenschlichen Bereichen. Es gibt viele Kinder, die von ihren Eltern relativ wenig haben, weil im Zweifelsfall ja doch die Firma wichtiger ist, auch am Wochenende. Man ist eigentlich nie privat, auch als Kind nicht. Für die Kinder kann das bei der Nachfolge Probleme machen, wenn nämlich die ganze Belegschaft weiß, dass der Junior im Alter von fünf Jahren gestottert hat, mit siebzehn Komasäufer und mit 25 Bummelstudent und Schürzenjäger war. Außerdem werden bei der Nachfolge Frauen, Töchter, immer noch stark benachteiligt. Das ist ein Fehler.“

„Es versuchen immer mehr Publikumsgesellschaften, wie Familienunternehmen zu agieren oder sich deren Tugenden anzueignen. Ich bin überzeugt, dass Familienunternehmen das sinnvollere Unternehmenskonzept haben, denn letztlich geht es um Menschen.“

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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