Direkt zum Inhalt
Der ehemalige Red Bull Top-Manager Manfred Hückel hat eigentlich eine Schule für seine Kinder gesucht. Gefunden hat er in St. Gilgen eine Berufung.

Exzellenz verleiht Flügel

04.05.2020

Das beschauliche St. Gilgen am Wolfgangsee beherbergt eine Schule der besonderen Art. Anstatt an Schwächen herumzudoktern, liegt der Fokus zu 100 Prozent darauf, die Talente der Schüler zu entdecken und ihre individuellen Stärken zu stärken. Ein Konzept, dass der ehemalige Red Bull-Manager Manfred Hückel in der Privatschule fest verankert hat. Wie er zum ihrem CEO wurde und warum es mehr solcher Islands of Excellence bräuchte – eine Liebesgeschichte aus dem Salzkammergut. 

Idyllisch am Wolfgangsee gelegen, bietet die St. Gilgen International School ihren Schülern ein Bildungskonzept, das voll auf ihre Talente abzielt.

Die Telefonverbindung ist klar und auch das Internet spielt während des Calls mit Manfred Hückel mit. Keine Selbstverständlichkeit, denn die Netze sind am Anschlag. Das Coronavirus bestimmt gerade den Alltag. Auch am Herzens-Projekt des ehemaligen CCO von Red Bull geht die Pandemie nicht spurlos vorüber: Der Privatschule Sankt Gilgen. Sie bietet in diesen Tagen ein ungewohntes Bild: Kein Lachen und Plaudern auf den Gängen, keine Jugendlichen, die im Unterreich die Köpfe zusammenstecken, keine gemeinsamen sportlichen Freizeitbeschäftigungen.

Gelehrt und gelernt wird trotzdem mit ungebrochener Energie, erzählt Hückel. Das Zauberwort lautet wenig überraschend E-Learning. Doch im Vergleich zu anderen Bildungseinrichtungen holpert es am Wolfgangsee nicht. Denn die technologischen Voraussetzungen waren bei der bestens ausgestatten Schule bereits vor der Krise vorhanden. Die Schülerinnen und Schüler sitzen nun zu Hause und werden dort unterrichtet. Große Anpassungsprobleme gab es nicht. Die jüngeren Lehrer verwenden Streaming schon länger, die Älteren knien sich so richtig rein. Auch Hückel selbst, der einen Lehrauftrag an der renommierten Universität Sankt Gallen hat, wickelt diesen nun mittels E-Learning ab. Dass man die Möglichkeiten in Zukunft verstärkt einsetzen wird, steht für ihn außer Frage. Offen hingegen ist der Punkt, was einen Top-Manager dazu antreibt, sich ganz in den Dienst einer Schule zu stellen. „Eine Liebesgeschichte“, schmunzelt Hückel. Sie begann so: Der Manager und seine Frau waren auf der Suche nach einer geeigneten Schule für ihre eigenen Kinder. In der Gegend sollte sie sein, mit tollen Lehrkräften und einem zeitgemäßen Konzept. Bei der Suche gelangte das Paar rasch nach St. Gilgen. Bei der Besichtigung begegneten sie einem völlig durchnässten Lehrer und erfuhren, dass es sich um einen Zeichenlehrer handelte, der gerade mit seiner Klasse mit dem Paddelboot unterwegs gewesen war, um einen Punkt am See zu erreichen, wo es ein besonders gutes Licht zum Malen gibt. Ein Schlüsselerlebnis für das Ehepaar. „Da haben wir uns in die Schule verliebt“, erinnert sich Hückel.

Lösung für Sanierungsfall gesucht

Seine Liebe wurde im April 2016 auf die Probe gestellt, als er vom Elternverein darüber informiert wurde, dass der Eigentümer - ein Investmentfonds – trotz ambitioniertem Schulgeld negativ bilanziert und das Schuljahr abzubrechen gedenkt. „Die Frage war damals recht rasch, ob vielleicht Red Bull die Schule übernehmen will“, erzählt Hückel. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen sollte. Der Betrieb einer Schule war doch zu weit vom Geschäft des Getränkeherstellers aus Fuschl entfernt. Für Hückel kein Grund um aufzugeben. Er hat einen Businessplan erarbeitet, mit dem er vor die versammelten Eltern getreten ist. Fixer Bestandteil war, dass auch Hückel selbst in die Schule investiert. Die restlichen Mittel für die Gründung einer Stiftung, die die Immobilie gekauft hat, wurden über Spenden aufgestellt. Größtenteils Aufwendungen der Eltern. Die Geschäftsführung wollte er eigentlich nur für drei Jahre ehrenamtlich übernehmen. Doch es kam anders. Zunächst habe er noch versucht die Leitung der Privatschule mit seiner Position bei Red Bull unter einen Hut zu bringen. „Doch wenn man nicht zu 100 Prozent dabei ist, geht das nicht“, resümiert Hückel. Auch wenn seine erste Reaktion war: „Ich schaffe das“, musste er einsehen, dass eine Entscheidung fällig wurde. Sie viel zugunsten der Schule aus. Hückel nahm seinen Abschied von Red Bull im Guten und wandte sich voll und ganz dem Thema Bildung und Talenteförderung zu.

Inseln für die Besten der Besten

Ein Bereich, der den Manager schon bei Red Bull fasziniert hat. Von seiner Zeit an der Spitze des Weltmarktführers brachte er nicht nur Kapital mit. Hückel hatte bei dem Getränkeriesen auch ein Konzept etabliert, dass sich am besten unter dem Titel „Island of Excellence“ zusammenfassen lässt. Dem Konzept liegt folgende Beobachtung zugrunde: Innerhalb von Red Bull gab es Regionen, Länder, Bereiche und Abteilungen, die extrem erfolgreich waren. Inseln, wie sie Hückel nennt. Sie haben das Unternehme zum Weltmarktführer gemacht. Doch es gab auch Länder, in denen die Firma nicht so erfolgreich war. Was hat den Ausschlag gegeben? Für Hückel eindeutig die Menschen. Was sie erfolgreich macht, hat er herausgearbeitet, um das Konzept reproduzieren zu können. Die Erkenntnis: Was alle besonders erfolgreichen Units verbindet, ist eine klare Visionen und eine Mission, meint Hückel – und die Mittel, um sie umzusetzen. „Die spüren etwas, das sie zusammenhält. Sie machen etwas Außergewöhnliches. “ Das macht einen Unterschied, denn meistens seien die Missionen langweilig und niemand könne sich damit wirklich identifizieren.

Damit der Spirit entsteht, müssen Menschen ihr Talent voll einsetzen können, und ihre Bestimmung finden. Ein Credo, das gleichermaßen für Manager wie für Schüler Geltung hat, ist Hückel überzeugt, der das Konzept auch in Sankt Gilgen zur Anwendung brachte.  

Was St. Gilgen anders macht

Doch lässt sich eine Schule wie ein High-Potential-Programm führen? Und wie wird gemessen? Mit KPIs statt Schulnoten? Hückel winkt lachend ab. „Das wichtigste ist das Gefühl, die Bestimmung und die Überzeugung, dass jedes Kind ganz besondere Stärken hat. Die Schule soll sie finden, fördern und ihre Stärken stärken“. Und genau an dieser Stell unterscheidet sich Sankt Gilgen vom öffentliche System. Während dort daran gefeilt wird, dass jeder ein gewisses Maß an Fertigkeit in allen geforderten Gegenständen erreicht, geht es in der Privatschule nicht darum, was die Schüler nicht gut können. Vielmehr liegt der gesamte Fokus darauf, die Stärken der Kinder auszubauen. Ein Konzept, das einleuchtet. Es eins zu eins in den öffentlichen Bereich zu übertragen, ist allerdings nicht ganz einfach, wie auch Hückel zugibt.

Denn natürlich klappt das Konzept leichter, wenn mehr Lehrer weniger Kinder betreuen. In Sankt Gilgen steht fünf Schülern ein Lehrer zur Verfügung. Ein Verhältnis, von dem gewöhnliche Schulen nur träumen dürfen. Doch es sei auch eine Einstellungsfrage, meint der Manager. Den Spirit und den Anspruch tragen alle mit und verkörpern ihn. Einen weiteren Eckpunkt bilden die Stärkentests, die bei den Schülern durchgeführt werden. Allerdings wären sie bei weitem nicht so wichtig, wie der persönliche Bezug und die individuelle Förderung. Weswegen auch jedem Kind ein Mentor beratend zur Seite steht.

Durchmischte Elite

Spezielle Eintrittshürden in das schulische Schlaraffenland gibt es keine – abgesehen von den Preisen, die eine gewisse Prämiumpositionierung der Schule wiederspiegeln, wie es Hückel formuliert. Sie starten bei 23.000 Euro pro Jahr. Dass diese finanzielle Hürde die Schule nicht zu einem elitären Exklusivverein macht, wird durch Stipendien verhindert. Ein gutes Drittel der Kinder erhält einen der begehrten Zugänge. Das sei auch für die Kultur des Lernens wichtig, berichtet Manfred Hückel. Dadurch sei die Mischung der Kinder ausgewogener, auch was die verschiedenen Kulturen und Einkommensbereiche anbelangt.

Trotz der üppigen Schulgelder, die bei Internatsschülern noch um weitere 20.000 Euro pro Jahr steigen, ist Sankt Gilgen – finanziell betrachtet – keine Goldgrube. Doch letztes Jahr war mit 200 Schülern der operative break even point geschafft. Früher waren es knapp 90. Dass die Rechnung aufgeht, liegt auch an verschiedenen Sponsoren, die neben betuchten Eltern den Erhalt der Schule fördern. Als Beispiele nennt Hückel Red Bull, Pappas sowie Rauch.

Exzellenz abseits der Schulbank

Auch durch ihre Unterstützung erhalten die Schüler ein breit gefächertes Angebot an Möglichkeiten, um abseits des Unterrichts an sich zu arbeiten. Aktivitäten, die fast genauso wichtig, wie das Unterrichten sind, meint Hückel. Schlicht, weil sich gezeigt hat, dass man etwa im Sport Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen lernt. Damit das klappt, stehen den Kindern Profi-Coaches zur Seite. Sie begleiten die Schüler mehrere Jahre und unterstützen ihre Ambition auch rund um sportliche Wettbewerbe. Wichtig sei dabei ein konkretes Ziel, an dem sie sich messen können. Das gilt nicht nur für Leistungssportler wie Golfer, Triathleten, Ruderer, Tennisspieler oder Eishockey-Spieler, sondern für alle außerschulischen Aktivitäten. Der Sport trägt laut Hückel ganz wesentlich zum Gelingen des Konzepts bei. Umso mehr als gut die Hälfte der Schüler im Internat zusammenlebt. Durch Freizeitbeschäftigungen wie Mountainbiken wird das Gemeinschaftsgefühl gestärkt- auch mit den Lehrern. Egal, ob es um Sport, Schauspiel oder Musik geht: Die erlernten Fähigkeiten schaffen Selbstvertrauen, das sich auch auf andere Fächer auswirkt.

Entsprechend groß ist im Konzept der Island of Excellence die Unterstützung beim Erreichen echter Spitzenleistungen. Den Nährboden dafür bildet stets eine Einheit, in der alle ihre Talente entwickeln können, womit Hückel auch die Unternehmenswelt anspricht. Charakter, Durchhaltevermögen und ein Commitment zu den Werten sei dafür unabdingbar. Wenn Mitglieder einer Island of Excellence andere Werte hätten, sollte man seiner Meinung nach nicht zu lange zuschauen. Brunnenvergifter des Teamgefühls dürfe man nicht gewähren lassen. Ob das auch in der Schule anwendbar sei?

Natürlich sei die Businesswelt ein anderes Pflaster, gibt er zu. Im schulischen Bereich sind verschiedene Meinungen sogar wichtig, doch bei den Werten dürfe man keine Abstriche machen. Darum gilt auch in Sankt Gilgen: Kritik muss direkt angesprochen werde. Hinter dem Rücken zu reden ist verpönt. Gerade in einer Schule sei Integrität extrem wichtig, sagt der ehrenamtliche CEO. Da dürfe es keine Kompromisse geben. Dass allerdings gerade Heranwachsende aufbegehren, sei selbstverständlich. Doch die Disziplin werde in Sankt Gilgen hochgehalten. Bei Drogen herrsche etwa eine Zero Toleranz Politik.

Viel lieber als zu sanktionieren sucht man in Sankt Gilgen allerdings nach den Stärken der Kinder. Besonders bei schwierigen Schülern. Verantwortlich für diese unermüdliche Suche ist der Lehrkörper, an dessen Spitze die erfahrene Schulleiterin Martina Mötz steht. Abgesehen von der Deutschlehrerin und dem Bergführer sind die Professoren englische Native Speaker mit internationalem Background. Sie werden mit der Suche nach den Talenten ihrer Schützlinge auch nach der Pandemie alle Hände voll zu tun haben, wenn die Schule irgendwann mit 240 Kindern voll ausgelastet sein wird. Größer werden soll sie dann aber nicht mehr, verrät Hückel. Dafür hofft der Manager, dass Sankt Gilgen als Vorbild für andere Schulen wirken kann - auch auf das öffentliche Schulsystem.

Daran weitere Standorte zu eröffnen und das Erfolgsrezept, nach dem Vorbild Red Bulls zu internationalisieren, denkt er allerdings nicht. Viel lieber engagiert er sich auch im universitären Bereich. Etwa in einem Master-Programm in St Gallen sowie an der WU Wien. „Das macht mir mehr Freude, als noch eine zweite oder dritte Schule mitzugestalten“, gibt er zu. Und schließlich ginge es ja auch auf der Universität darum, Talenten Flügel zu verleihen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
Werbung

Weiterführende Themen

Collini veredelt Oberflächen: vom Uhrzeiger bis zum Flugzeughangar
Stories
10.09.2020

Peter Puschkarski ist ein Brückenbauer. Er leitet den Vorarlberger Oberflächenveredler Collini, bis die Urenkel des Gründers so weit sind. Wie er die Expansion des Weltmarktführers vorantreibt und ...

Meldungen
18.08.2020

ISS Österreich verstärkt in Salzburg und Oberösterreich mit Markus Schnöll (34) als Regional Manager West seit 1. August das Führungsteam.

Meldungen
04.08.2020

Ein System wurde unlängt in Chile abgenommen und auch ein neuer Auftrag für französische Überseegebiete gewonnen. 

Hat in Deutschland einen dicken Fisch an Land gezogen: emporia-Chefin Eveline Pupeter
Meldungen
23.06.2020

Der oberösterreichische Seniorenhandy-Hersteller emporia Telecom hat einen dicken Fisch an Land gezogen. Seit diesem Monat ist emporia bei o2 gelistet, die Kernmarke von Telefónica Deutschland, ...

Bis zu 60 Prozent des Jahresumsatzes macht Getzner mit Schwingungsschutz für die Bahn.
Stories
26.05.2020

Das Vorarlberger Unternehmen Getzner Werkstoffe ist als Experte im Schwingungs- und Erschütterungsschutz weltweit gefragt. Zum Wettbewerbsvorteil gehört vor allem der Fokus auf die eigene ...

Werbung