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Aufgeheizte Stimmung: An einer Mauer nahe des Parlaments wird zum Generalstreik aufgerufen.

Exportmärkte im Aufwind

31.05.2013

An Portugal haftet seit Jahren das Image des Pleitestaates. Dabei steht das Land wirtschaftlich auf festen Füßen und feiert inmitten der Krise Exporterfolge. Ein Lokalaugenschein aus Lissabon.

„Greve Geral“ prangt in großen Lettern auf einer Mauer neben dem portugiesischen Parlament. Aufforderungen zum Generalstreik sind in Lissabon in diesen Tagen an jeder Ecke zu finden. Die allgegenwärtige Wirtschaftskrise spiegelt sich nicht nur in den Graffitis wider. Immer öfter kommt es auch hier an der westlichen Peripherie Europas, wo die Menschen traditionell geduldiger sind mit den Regierenden, zu Demonstrationen – gegen die rigide Sparpolitik, gegen massenhafte Entlassungen im öffentlichen Sektor, gegen den Abbau von Sozialleistungen.

Krise ohne Ende?
Seit zwei Jahren steckt Portugal nun schon in der Rezession. 2011 wurde dem kriselnden Land auf der Iberischen Halbinsel von der Troika aus Internationalem Währungsfonds, der Europäischen Zentralbank und der EU ein Hilfsprogramm von 78 Milliarden Euro gewährt, um eine Staatspleite abzuwenden. Damit verknüpft sind harte Sparauflagen: Um das Defizitziel von weniger als drei Prozent bis 2014 zu erreichen, musste die portugiesische Regierung ihre Ausgaben massiv kürzen, was zu einem Einbruch der Wirtschaft führte. 2012 sank das Bruttoinlandsprodukt um 3,2 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt rund 16 Prozent und steigt stetig, bei Jugendlichen liegt sie derzeit bei rund 38 Prozent. Rekordwerte, die wenig Platz für Optimismus lassen, wäre da nicht diese eine wirtschaftliche Kennzahl, die positiv aus all den schlechten Nachrichten der vergangenen Jahre hervorsticht. Um stattliche 5,8 Prozent ist die portugiesische Exportwirtschaft 2012 gewachsen, in absoluten Zahlen wurden Werte von 45 Milliarden Euro ausgeführt, so viel wie in den letzten zehn Jahren nicht. Der Export als Wirtschaftsmotor – ein Hoffnungsschimmer am Krisenhorizont.

Ein Funke Hoffnung
„Uns geht es gut, wir können uns nicht beklagen“, sagt Miguel Leitmann. Der Senior Vice President von „Vision Box“ trägt ein legeres Hemd, Designer-Brille und Glatze. Er sitzt in einem modernen Besprechungsraum in der Firmenzentrale am Stadtrand von Lissabon. Die raumhohen Fenster bieten einen Ausblick auf das Kommerz- und Industriezentrum im Westen der portugiesischen Hauptstadt, nur wenige Kilometer vom schmucken Zentrum entfernt. Er sei zufrieden mit der Auftragslage, erzählt er in perfektem Deutsch. Kein Wunder, stammen doch seine Eltern aus Österreich. Der Endvierziger hat es mit Vision Box zum Weltmarktführer für automatisierte Grenzkontrollen geschafft. Als einer der führenden Anbieter von E-Personalausweis-Lösungen hat seine Firma ein Verfahren zur Gesichtserkennung entwickelt, das biometrische Reisepässe automatisch auslesen kann.

Tätig ist das 2001 gegründete Unternehmen mit seinen hundert Mitarbeitern mittlerweile weltweit. Und das ist auch das Erfolgsgeheimnis: Die Kunden im Ausland garantieren Vision Box gute Geschäfte inmitten der Krise im eigenen Land. Von 20 bis 30 Millionen Euro Umsatz entfallen bis zu 90 Prozent auf den Export. Vision Box ist nur ein portugiesisches Unternehmen von vielen, dass Hightech in den Rest der Welt liefert – eine Tatsache, die außerhalb des Landes am Atlantik aber oft wenig wahrgenommen wird. Miguel Leitmann sieht Portugal gar als Hightech-Vorreiter in Europa. „Wir haben sehr viele hochqualifizierte junge Menschen, und auch die gesamte portugiesische Bevölkerung ist generell sehr aufgeschlossen, was technische Innovationen anbelangt“, sagt der Austro-Portugiese. Ein Image, das mit dem Bild von Portugal im Rest von Europa oft nichts gemein hat.

Unterschätzter Kleinstaat
„Die Portugiesen sind sehr schlecht in ihrer Selbstvermarktung“, bestätigt die österreichische Wirtschaftsdelegierte im Außenhandelscenter Lissabon. Denn generell sei das Land sehr innovativ und dadurch in manchen Bereichen durchaus auch international wettbewerbsfähig. Das spiegelt sich auch in nackten Zahlen wider. Trotz der Wirtschaftskrise, die auch viele andere Länder Europas fest im Griff hat, konnte Portugal 2012 die Ausfuhren von Präzisionselementen um knappe 17 Prozent steigern. Eine Kennzahl, die bei aller Tristesse doch einen Funken Hoffnung versprüht.

Export als Wachstumsmotor
Die exportstarken Sektoren bilden im dritten Jahr der Krise eine erste Basis für die Erholung der portugiesischen Wirtschaft. Das liege vor allem daran, dass die Portugiesen es schaffen, in neue Märkte wie China und Angola zu gehen, während die Wirtschaft in vielen europäischen Ländern stagniert, sagt die Wirtschaftsdelegierte Pummer: „Die Exportbereiche florieren, und wenn die Drittmärkte stark bleiben, dann ist der Export sicherlich weiterhin ein Hoffnungsträger.“ Gerade der Handel mit der früheren Kolonie Angola, das mit seinen riesigen Öl- und Gasreserven geradezu in Geld schwimmt, ist für viele portugiesische Firmen ein Segen. Die gemeinsame Sprache und Geschichte macht es portugiesischen Unternehmen leichter, in dem westafrikanischen Land Fuß zu fassen. Angola ist mittlerweile der viertgrößte Exportmarkt und der größte außerhalb Europas. Diese Entwicklung kommt gelegen, da zuletzt in den wichtigsten portugiesischen Absatzmärkten eine ziemliche Exportflaute herrschte. Brach doch beispielsweise die Nachfrage aus dem großen Nachbarland und wichtigsten Handelspartner Spa-nien in den vergangenen Jahren sehr stark ein. Um nicht unterzugehen, mussten portugiesische Unternehmen also notgedrungen neue Ufer erkunden. Gerade in Zeiten der Krise profitierten dabei gerade jene, die auf mehrere Absatzmärkte fokussieren – wie auch das folgende Beispiel zeigt.

Qualifiziertes Personal wandert ab
„Wir Portugiesen sind grundsätzlich sehr kreativ und flexibel“, sagen Ernesto Morgado und João Martins. Die beiden sind Anfang 60 und empfangen uns, in feine Anzüge gekleidet, in ihrem Büro am Campo Grande, einem kilometerlangen Park nördlich der Lissabonner Altstadt. Der Zukunft von Portugal sehen die beiden Unternehmer trotz der aktuellen Schwierigkeiten optimistisch entgegen. Ihre Firma Siscog liefert Software an Betreiber von Eisenbahnbetrieben und U-Bahnen von London bis Helsinki. Seit der Gründung im Jahr 1986 konzentriert sich das Unternehmen vor allem auf den Export, nur wenige Prozent des Umsatzes von 7,6 Millionen Euro werden in Portugal erzielt. Von der Krise merkt Siscog in den Auftragsbüchern nichts, sehr wohl aber in der Schwierigkeit, gut ausgebildetes Personal zu finden. Tausende junge Portugiesen verlassen Monat für Monat ihre Heimat, um in anderen Ländern ihr Glück zu versuchen. „Viele große Firmen im Ausland nutzen die Krise aus, um hochqualifizierte junge Menschen aus Portugal anzuwerben“, kritisiert Morgado. Dabei sei die wirtschaftliche Basis hier sehr gut und mit Ländern wie Spanien und Griechenland nicht zu vergleichen.

Aufschwung in Sicht
Eine Einschätzung, die auch Astrid Pummer teilt: „Auch wenn es derzeit viele Probleme gibt, ist Portugal wirtschaftlich grundsätzlich sehr gut aufgestellt, vor allem, wenn man die großen Bereiche wie Raffinerie, biochemische Produkte, Kork oder Textil und Leder ansieht. Auch die Infrastruktur hier in Portugal ist sehr gut ausgebaut.“ Laut Konjunkturprognosen des IWF, der EU und der portugiesischen Nationalbank soll es mit der portugiesischen Wirtschaft ab 2014 wieder leicht bergauf gehen. Der Außenhandel nimmt dabei eine entscheidende Rolle ein. „Unsere wirtschaftliche Verbesserung liegt in erster Linie in den Händen unserer Exportunternehmen. Von ihnen hängt unser Erfolg ab“, verlautbarte auch unlängst der portugiesische Ministerpräsident Pedro Passos Coelho. Kann Portugal also sogar gestärkt aus der Krise kommen? „Unser Land ändert sich“, erklärt Ernesto Morgado, „Krisenzeiten haben uns schon immer angespornt, besser zu werden. Wir haben es immer wieder geschafft, das Ruder herumzureißen, und wir werden es auch dieses Mal wieder schaffen.“

Text: Michael Riedmüller

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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