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Export auf wackeligen Beinen

31.08.2020

Die Exportwirtschaft kämpft weiter mit den Corona-Folgen. Experten rechnen mit Rückgängen bei den Gesamtexporten von knapp 15 Prozent. Eine Bestandsaufnahme mit Lichtblicken.

„Von heute auf morgen haben wir keine Lieferungen mehr aus der Lombardei bekommen. Üblicherweise sind pro Woche sechs LKW mit 120 Tonnen Alu-Profilen auf dem Weg zu uns.“ Was Manfred Rosenstatter vom Salzburger Aluspezialisten Alumero dieses Jahr erlebt hat, wird vielen international tätigen Unternehmern bekannt vorkommen. Der Wert der importierten Waren im April ist um rund ein Viertel und die Exporte sind um mehr als ein Fünftel gegenüber dem Vorjahr eingebrochen, meldet die Statistik Austria. Rostenstatter rechnet für heuer mit einer Verringerung des EGT um rund 1,5 Millionen Euro – aber mit einer noch sehr positiven Bilanz. Das Unternehmen kommt auch deswegen gut durch die Krise, weil es schnell reagiert hat und die Ausfälle großteils abfedern konnte. Zudem sorgt die hohe Eigenkapitalquote von über 80 Prozent für Stabilität. Eine Ausgangslage, von der manche Betriebe nur träumen können. 

Schwierige Vorhersagen

Eines ist  aber klar: Auf so wackeligen Beinen wie derzeit standen die Wirtschaftsprognosen schon lange nicht mehr. Denn die gesamte Entwicklung hängt vor allem an der weiteren Ausbreitung des Coronavirus und der damit verbundenen Handelseinschränkungen ab. Noch im Mai hat das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) drei unterschiedliche Szenarien für die österreichische Exportwirtschaft ermittelt. Der Rückgang der Ausfuhren von Waren schwankte dabei zwischen zwölf und 22 Prozent, im schlimmsten Fall wurde sogar ein Minus von bis zu 28 Prozent prognostiziert. „Derzeit liegen wir mit unserer Prognose noch immer nahe am Szenario I, dem Hauptszenario der Frühjahres-Prognose des Wifo. Das bedeutet einen Rückgang bei Warenexporten um rund zwölf Prozent und ein Minus bei den Gesamtexporten von rund 15 Prozent“, erklärt Wifo-Ökonomin Yvonne Wolfmayr.

Absturz bei Fahrzeugen und Maschinen

Das Ausmaß des Einbruchs ist nicht verwunderlich. Denn die ersten Lieferengpässe haben die heimischen Unternehmen bereits im Jänner und Februar dieses Jahres, also noch vor dem Lockdown, deutlich gespürt. „Schon der Ausbruch des Virus in China hatte einen entscheidenden Einfluss auf Vorleistungen und Vorprodukte für österreichische Unternehmen“, bestätigt ­Harald Oberhofer vom WU-Institut für Internationale Wirtschaft. Bei Fahrzeugen und Maschinen stürzten die Einfuhren im April um 39 Prozent ab, die Ausfuhren sogar um 45 Prozent. „Jede große Krise führt zu einer massiven Unsicherheit in der Wirtschaft. Unternehmen werden zurückhaltender bei der Beschaffung von Investitionsgütern wie Maschinen, Konsumenten verzichten vorerst auf langfristige Konsumgüter wie Autos. Das spürt die heimische Wirtschaft besonders“, erklärt Oberhofer.
Die breite internationale Vernetzung, in sonstigen Zeiten ein Umsatzmotor, wird für die österreichischen Exporteure derzeit in verschiedener Hinsicht zum Hemmschuh. Stichwort Lieferketten: „Hier kam es vor allem in der ersten Phase der Corona-Krise immer wieder zu Verzögerungen und Unterbrechungen, Flug- und Schiffsverkehr wurden kostspieliger“, so Wolfmayr. Die Steigerung der Kosten betraf auch Transporte innerhalb der EU, also einige der Export-Hauptmärkte, wie die Wifo-Expertin betont. Derzeit trifft den Export vor allem die schwache Nachfrage aufgrund der großen Unsicherheit über die Entwicklung in den nächsten Monaten. Das drückt auf das Unternehmens- und Konsumentenvertrauen und führt zur Verschiebung von Investitions- und Konsumplänen.
Ein zweiter wesentlicher Faktor ist die Frage, wie sich die Corona-Situation in den Ländern der Handelspartner entwickelt. „Wenn sich die wichtigsten Exportländer für Österreich gut erholen – wie Italien, Deutschland oder die USA – dann hilft das natürlich unseren Unternehmen“, sagt Oberhofer.

Wem die Krise nützt

Aber nicht alles ist negativ. Es gibt auch Branchen, die von der Krise profitieren. „Die chemische und pharmazeutische Industrie hat sich relativ gut entwickelt, auch die Exporte nach Frankreich“, sagt die Wifo-Expertin. Gut geht es auch grenzüberschreitenden Dienstleistern, etwa in der Informations- und Kommunikationstechnologie. „App-Entwickler für Videokonferenzen profitieren von der derzeitigen Situation, wie auch der Online-Handel oder sämtliche Zustelldienste“, sagt Oberhofer. Entscheidend ist unabhängig von der Branche die Frage, wie sich die Exporteure bereits vor der Krise aufgestellt haben. „Wir sind gut diversifiziert und in vielen Branchen aktiv“, sagt dazu der Alumero-Geschäftsführer. Während die Werke in den Niederlanden und Slowenien massiv runtergefahren werden mussten, hat sich die Produktion in Polen – mit den Schwerpunkten Solar und Photovoltaik – gut entwickelt. Und die sehr unsichere Zukunft? „Die Resilienz der eigenen Unternehmensgruppe wird immer wichtiger“, sagt Rosenstatter. Das heißt, aus den größten Abhängigkeiten rauszukommen und Back-up-Strategien aufzubauen. 

Kommt die Insolvenzwelle?

Wie auch immer der aktuelle Status der Exporteure aussieht, der Herbst wird mit Argusaugen beobachtet. Rosenstatter rechnet mit massiven Vermögensverschiebungen, einer Insolvenzwelle und einem beträchtlichen Kaufkraftabfluss. „Im ersten Halbjahr hatten wir heuer 30 Prozent weniger Insolvenzen als im Vorjahr. Der Grund ist, dass viele Verbindlichkeiten durch die Krise gestundet werden konnten. Wenn sie fällig werden, folgt in vielen Branchen ein böses Erwachen“, sagt der Unternehmer.
Welche Maßnahmen notwendig wären, um die Situation abzufedern, weiß Professor Oberhofer: „Wichtig ist, dass sich die Europäische Union rasch auf ein Wiederaufbauprogramm einigt.“ Die Wifo-Expertin setzt dagegen eher auf die Informationsleistungen der Wirtschaftskammer. „Vielen KMU werden die Partner durch Insolvenzen verloren gehen. Hier kann die WKO beim Finden neuer Geschäftspartner helfen“, sagt Wolfmayr. Dass das Virus nicht so bald verschwinden wird und damit den Außenhandel weiterhin massiv beeinflusst, ist klar. Wie auch immer die Exportzahlen künftig aussehen, eines gibt laut der Wifo-Expertin Hoffnung: „Die Unternehmen lernen, wie man mit der Krise umgeht. Und diese Lerneffekte haben sicherlich positive Auswirkungen.“

Text: Markus Mittermüller

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