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Experten gesucht

10.03.2016

Schwere Arbeit und Extraschichten? Ein überholtes Image, mit dem moderne Logistikexperten nur mehr wenig gemein haben. Wie KMU geeignete Fachkräfte finden – ein Überblick.

Text: Gertraud Eibl

 

Egal in welchem Bereich das Kerngeschäft eines Unternehmens liegt – ohne professionelle Logistik geht heute gar nichts mehr. Doch wo finden Mittelständler geeignetes Personal? Was müssen diese Fachkräfte können, und wie qualifiziert man vorhandene Mitarbeiter? Wir haben bei Ausbildern und Unternehmern nachgefragt und als erstes in Leoben Halt gemacht. Die Stadt beherbergt eine HTL mit Logistik-Schwerpunkt, das Logistik-Center Leoben sowie die international renommierte Montanuni Leoben. Wer nach Experten sucht, sollte dort fündig werden. Entsprechend weit ist auch das Betätigungsfeld der Wissenschafter gespannt. „Wir beschäftigen uns mit Lösungen für industrielle Materialflüsse in produzierenden Unternehmen, mit der Planung von logistischen Anlagen für Kunden aus Handel und Industrie und mit IT-Lösungen", sagt Professor Helmut Zsifkovits über das Angebot seines Lehrstuhls „Industrielogistik" an der Montanuni. Doch inwieweit sind die hochqualifizierten Absolventen für den Mittelstand rentabel?

 

Top Mitarbeiter für mehr Effizienz

Zsifkovits zeigt sich überzeugt: Das Zusammenwirken von Projekt- und Prozessmanagement und die wachsende IT-Unterstützung in der Logistik bieten noch jede Menge Potenzial für den Mittelstand. Jeder Geschäftsführer ist darauf bedacht, seine Lagerstandsführung effizient zu managen und kostensparend zu arbeiten, sowohl in der Intralogistik – sie reicht vom Lager über die internen Kommissioniersysteme bis hin zur Produktion – als auch in der Transportlogistik. „Gerade diese Funktionen rechnen sich, denn die wesentlichen Erfolge in der Logistik drehen sich um Kostenreduktion und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit", so Zsifkovits.

Wie sich das in der Praxis niederschlägt, sieht man bei dem Kärnter Fertigteilhaus-Spezialist Griffner. Das Unternehmen inves­tiert laufend in die Aus- und Weiterbildung seiner Mitarbeiter. „Alle Logistikmitarbeiter durchlaufen verschiedene Abteilungen und bekommen neben Fachinhalten Problemlösungskompetenz und Teamfähigkeit vermittelt", sagt Peter Kolman von Griffner. Bei Weiterbildungen im Logistiksektor legt die Firma den Fokus auf Planung, Steuerung und die Optimierung von Informationsflüssen. Die Schulungsinhalte umfassen unter anderem Projektmanagement-Skills, Produktionsabläufe, Lagermanagement und IT. „Durch den Einsatz von Informationstechnologien optimieren wir unsere Logistikprozesse laufend, vor allem die Materialdisposition und das Supply Chain Management", so Kolmann.

 

Auf Nummer sicher

Wie weit das Feld der Herausforderungen reicht, die unternehmens­interne Logistiker zu meistern haben, zeigt sich auch am Beispiel der Firma Seifried. Dort steht vor allem die kurze Zeitspanne zwischen Produktion und Transport im Fokus. Die lückenlose Einhaltung der Kühlkette muss bei der Molkerei im oberösterreichischen Innviertel zu 100 Prozent gewährleistet werden. Die Privatmolkerei Seifried hat 40 Mitarbeiter und beschäftigt ausschließlich Personal mit Erfahrung im Lebensmittelsektor; ein Prinzip, das sich vom Geschäftsführer bis zum Lagermitarbeiter zieht. „Die strengen Hygienerichtlinien sind Inhalt unserer zweijährigen Aus- und Weiterbildungsprogramme in der Lebensmittelhygiene und -sicherheit, an denen auch unsere Logistikmitarbeiter teilnehmen. Außerdem halten wir jährlich vier interne Schulungen ab und holen uns externe Referenten ins Unternehmen", sagt Christoph Dörflinger, der vor einem Jahr die Geschäftsführung des Familienbetriebes übernommen hat. Die Logistik eines Frischeprodukts von der Herstellung bis zur Lieferung an den Kunden verlangt besondere Sorgfalt und vom Logistiker zusätzliche Kompetenzen, damit die Produkte in gewohnter Frische und Qualität den Endverbraucher erreichen. In der Molkerei Seifried koordiniert der Logistikleiter die gesamte Lager- und Transportlogistik. Ersteres stellt sicher, dass die Lieferkette exakt eingehalten wird: Beschaffung, Disposition, Rohstoffübernahme, Rohstoffeinlagerung, Bereitstellung für die Produktion, Vorbereitung für den Transport durch die Spedition. Zweiteres lagert die Molkerei an Speditionen aus.

Dass gute Aus- und Weiterbildung auch das Credo für den Erfolg einer Spedition ist, bestätigt Romana Steko-Papousek. Das inhabergeführte Transportunternehmen Steko-Trans hat sich auf Nischenmärkte spezialisiert: Gefahrgut, Kran- und Gastransporte sowie den Verteilerverkehr. Fahrsicherheitstrainings, Ladesicherungsschulungen, der Gefahrgutführerschein und Spritspartrainings gehören zum Weiterbildungsprogramm der Firma, die übrigens für ihre „Steko-Trans Fahrerakademie" im Jahr 2014 den Hermes Logistikpreis gewonnen hat. Umso mehr ärgert es die Unternehmerin, dass der Beruf des Logistikers und Berufskraftfahrers gesellschaftlich kaum Wertschätzung erfährt. Jeder wolle seine Lebensmittel, seine Arzneimittel und sonstigen Bedarf in unmittelbarer Reichweite, sei sich der Arbeit dahinter aber nicht bewusst.

 

Vom Junior zum Master Level

Umso passender, dass das Verkehrsministerium in einem Arbeitsausschuss die „Attraktivierung der Berufsfelder in der Logistik" ankurbeln will. Konkret geht es um die öffentlichkeitswirksame Darstellung der Berufsfelder in der Logistik und um die übergreifende Zusammenarbeit zwischen den Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen mit Fokus auf die Transport- und Verkehrslogistik. In der Steiermark hat sich sogar eine Initiative aus Unternehmern und Universitäten etabliert, die auf die Popularisierung der Berufsbilder in der Intralogistik abzielt, also den innerbetrieblichen Bereich der Logistik. Eine ausbaufähige Sparte, wenn man bedenkt, dass Österreich Weltmarktführer im Bereich der Pharmalogistik ist und europaweit in fast allen Systemen des Handels und der Indus­trie vertreten ist.

Die Initiative der öffentlichen Hand im Logistiksektor soll auch klein- und mittelständischen Unternehmen zugutekommen: Berufsbilder in der Logistik werden transparenter und die Qualität der Ausbildung international vergleichbar. Um Transparenz und Vergleichbarbeit geht es auch der European Logistics Association (ELA) mit Sitz in Brüssel: „Von der ELA gibt es einen mehrstufigen Kompetenzstandard, der noch reinen Empfehlungscharakter hat", sagt Hemut Zsifkovits. Der Dreiklang in der Logistik erstreckt sich von Ausbildungsangeboten, die vom European Junior Logistican über den Senior bis hin zum Master führen. An Experten sollte es also eigentlich nicht mangeln – bleibt nur noch die Qual der Wahl.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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