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Es wird verdammt hart

29.03.2018

Im Gespräch mit Peter Bakker wird eines klar: Wir stecken in vielen Bereichen in der Tinte, und einfache Lösungen wird es nicht geben. Wie wir mit Nachhaltigkeit das Ruder dennoch herumreißen können und warum CSR auch sexy sein muss, erklärt der Präsident des World Business Council for Sustainable Development im Interview.

ZUR PERSON

Peter Bakker ist Präsident des World Business Council for Sustainable Development (WBCSD). Der holländische Unternehmer war bis 2011 CEO von TNT in den Niederlanden. Das WBCSD ist eine globale von Unternehmensvorständen geführte Organisation, die sich ausschließlich mit dem Thema „Wirtschaft und Nachhaltige Entwicklung“ beschäftigt.
www.wbcsd.org

Unsere Zeit ist von Themen wie der digitalen Transformation, dem Klimawandel und großen Migrationsbewegungen geprägt. Gewinnt Nachhaltigkeit in so einer Phase an Bedeutung?
Bestimmt, denn wir haben ein Wirtschaftssystem, das den Menschen in vielen Teilen der Welt nicht mehr dient. Daraus resultieren Probleme. Wenn Sie an den Brexit oder an die Wahl von Präsident Trump denken, steckt darin immer auch ein Protest gegen das Establishment, das System, das Verschwinden von Jobs oder die Zuwanderung. Die Komplexität ist sehr groß geworden. Deswegen geht es heute nicht mehr nur um Nachhaltigkeit, um das Klima, um Jobs oder Flüchtlinge. Es geht um all diese Aspekte zur gleichen Zeit.

Und Sie denken, dass Nachhaltigkeit substanziell zur Lösung dieser Probleme beitragen kann?
Wenn sie sich weiterentwickelt, durchaus. Zunächst haben Firmen mit Philanthropie gestartet, dann wurde das Thema zur Corporate Social Responsibility. Mittlerweile haben viele Unternehmen Nachhaltigkeit tief in ihre Entscheidungsprozesse integriert. Und morgen werden sich Manager nicht nur über die finanzielle Rendite, sondern auch über ihren Impact auf Gesellschaft und Umwelt Gedanken machen müssen. Wenn wir das tun und gleichzeitig Technologie auf die richtige Weise anwenden, können wir es schaffen – aber es wird verdammt hart. Doch wenn die Krise nur groß genug ist, schafft der menschliche Erfindergeist Lösungen. Im Idealfall finden wir die Antworten sogar noch bevor die Krisen eintreten.

Wer ist dafür besonders gefragt?
Eines muss klar sein: Die Herausforderungen können nicht von einer Firma alleine gelöst werden. Es ist vielmehr so, dass Kollaborationen immer wichtiger werden. Verschiedene Unternehmen müssen zusammenkommen, um sich gemeinsam Ziele zu setzen. Es braucht aber auch Zusammenarbeit über die Lieferketten bis in alle Ecken der Welt. Und es geht nicht mehr nur darum, einfach Gutes zu tun. Es geht vielmehr um die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen.

Zeichnet sich beim World Business Council for Sustainable Development eine entsprechende Zunahme von neuen Unternehmen ab?
Es geht uns nicht darum, immer mehr Firmen als Mitglieder zu gewinnen. Wichtig ist vielmehr, wie sich die inhaltliche Auseinandersetzung verändert. Wir haben jetzt zum Beispiel im Vergleich zu vor fünf Jahren immer mehr Kampagnen, die auf Konsumenten abzielen. Große Mitgliedsunternehmen, wie Apple und Microsoft, nehmen das Thema auf. Das ist wichtig, weil sie den Zugang zu den Konsumenten haben. Eine zweite Beobachtung: Die Art unserer Projekte ändert sich grundlegend. Vor drei Jahren haben wir sehr viel über den Klimawandel gesprochen, heute sprechen wir über die Zukunft des Kapitalismus, der Arbeit, der Mobilität. Das sind Fragestellungen auf einer wesentlich höheren Ebene. Man kann also nicht mehr an Nachhaltigkeit losgelöst von der ökonomischen Betrachtung arbeiten. Sie ist ein integrierter Bestandteil geworden.

Sind Sie im Großen und Ganzen mit dieser Weiterentwicklung zufrieden?
Diese Frage kann ich nur mit ja und nein gleichzeitig beantworten. Auf der einen Seite bin ich zufrieden, denn wenn man heute sagt, dass wir die Transformation zu einer Low-Carbon-Economy schaffen müssen, ist niemand sauer oder widerspricht. Das muss passieren, und jeder weiß es. Darüber hinaus haben wir uns immer wieder auf neue internationale Klimaabkommen einigen können. Die For schung, Unternehmer und die Politik sind mittlerweile voll in die Diskussion eingestiegen. Das ist ein großer Schritt nach vorne, genau wie die Sustainable Development Goals. Aber wenn Sie mich fragen, ob es schnell genug geht, lautet meine Antwort: nein!

„ Morgen werden sich Manager nicht nur über die finanzielle Rendite, sondern auch über Impact auf Gesellschaft und Umwelt Gedanken machen müssen.“

Liegt das auch an Politikern wie Trump, der aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen will?
Ich hätte mir natürlich einen Präsidenten gewünscht, der anders agiert. Aber können er und seine Regierung die Bemühungen zunichtemachen? Nein! Auch die amerikanischen Unternehmen verstehen, dass ihre Lieferketten global verlaufen und dass die Kunden Nachhaltigkeit verlangen. Da kann das Weiße Haus sagen, was es will. Darüber hinaus arbeiten andere Länder jetzt noch intensiver daran, die Klima-Vereinbarungen umzusetzen. Die Tatsache, dass Trump und der Brexit passiert sind, hat dem französischen Premier Macron zu seinem Amt verholfen, der nun wie ein Gegenpol agiert.

Wo sehen Sie, abgesehen von Frankreich, Vorreiter in puncto Nachhaltigkeit?
Im Norden, vor allem in Norwegen und Schweden. Sie haben ein Sozialsystem, das als erstes eine Antwort auf die Frage nach einer Grundversorgung für alle Menschen gibt, und sie arbeiten sehr ernsthaft an erneuerbaren Energien. Ein anderer Frontrunner ist Singapur. Der größte Antrieb für Veränderung wird aber aus China kommen. In der letzten 4-Stunden-Rede von Präsident Xi Jinping kam das Wort Umwelt öfter vor als Wirtschaft. Europa ist sicher fähig, vorne dabei zu sein, aber auf den Lorbeeren dürfen wir uns nicht ausruhen.

Braucht es auch mehr Druck von den Kunden und Bürgern?
Ja, hier baut sich nämlich erst langsam ein entsprechendes Bewusstsein auf. Doch oft sind es ganz andere Faktoren, die zum Wandel führen. Denken Sie nur daran, wie viel die Autoindustrie gerade in Elektromobilität investiert. Der Grund liegt aber weniger bei den Konsumenten, sondern am Dieselskandal und daran, dass Tesla das Thema sexy aufgeladen hat, aber auch daran, dass man in chinesischen Städten kaum noch Luft bekommt. Es stecken also viele Faktoren dahinter.

Trotz aller Errungenschaften: Viele Unternehmer können den Begriff Nachhaltigkeit nicht mehr hören. Muss sich die Nachhaltigkeit vielleicht selbst neu erfinden und auch sexy werden?
Ja und nein. Ich glaube nicht, dass man das Thema für Unternehmer neu erfinden muss, aber sie müssen damit aufhören, Nachhaltigkeit losgelöst von ihrem Geschäft zu betrachten. In der Vergangenheit ging es darum, Geld zu verdienen und Gutes zu tun. Heute kann man Geld überhaupt nur mehr auf eine gute Weise verdienen. Wenn das Thema sexy gestaltet werden muss, dann für die Konsumenten. Ein Toyota Prius ist zum Beispiel ein toller Wagen, aber attraktiv ist er nicht. Sexy hat das Thema erst Tesla gemacht.

Für viele Unternehmer stellt der ganze Bereich trotzdem nur zusätzliche Arbeit dar.
Aber nur, wenn sie die Chancen nicht erkennen. Wenn ich mit Unternehmern spreche, stelle ich immer fest, dass ihnen Prediger auf die Nerven gehen, die über Umweltkatastrophen sprechen. Klar, ihr Tagesgeschäft ist schon kompliziert genug, ohne dass sie die Welt retten müssen. Sie wollen nicht über Risiken nachdenken. Man muss also die Möglichkeiten, die ihnen Nachhaltigkeit bietet, vermitteln.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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