Erste Group Intermarket Gespräch

Advertorial
17.09.2019

 

Im Gespräch mit Tamara Fodera, Product Management, Erste Group

Welches Potenzial sehen Sie für die internationale Handelsfinanzierung, insbesondere für das Dokumentengeschäft, im Hinblick auf den Einsatz der Blockchain-Technologie? Welche relevanten Anwendungsfälle gibt es?
Fodera: Die Trade-Finance-Branche hat sich zu einem Kernbereich für die Nutzung der durch die Blockchain-Technologie gebotenen Effizienz entwickelt. Das Wachstum und der Fortbestand des 10 Billionen USD schweren Trade-Finance-Markts, auf dem Transaktionen auf offene Rechnung abgewickelt werden, sind in hohem Maße auf die leichte Verfügbarkeit und Robustheit von Finanzierungsinstrumenten angewiesen. Wenn man bedenkt, dass die Handelsfinanzierung gemeinhin als Antrieb für den globalen Handel gilt, wird schnell klar, warum Blockchain derzeit den Diskurs im Trade-Finance- Bereich beherrscht. Aktuell liegt der Schwerpunkt auf dem Zahlungsverkehr und der Digitalisierung von Dokumentengeschäften.

Die unbequeme Wahrheit ist, dass die derzeitigen Handelsfinanzierungsabläufe kostenintensiv, mit Bürokratie überhäuft und mit erheblichem Zeitaufwand verbunden sind. Dazu kommen langwierige grenzüberschreitende Zahlungs- und Abwicklungsprozesse. Es bedarf also einer effizienten Lösung. Papierprozesse aus unserer analogen Vergangenheit müssen dringend modernisiert oder durch digitale Abläufe ersetzt werden, wobei Blockchain bei diesem Wandel eine große Rolle spielen wird.

Angewandt auf die Handelsfinanzierung ermöglicht Blockchain eine Echtzeit-Überwachung durch mehrere Parteien und einen digitalen, sicheren und dezentralisierten Dokumentenaustausch und somit eine Straffung des internationalen Handelsverkehrs. Durch erhöhte Vertraulichkeit und die Möglichkeit zur genaueren Kontrolle des Waren- und Dokumentenflusses kann Blockchain auch zur Betrugsbekämpfung beitragen.Bei gleichzeitiger Gewährleistung von Transparenz, Sicherheit und Vertrauen können durch Blockchain Verarbeitungszeiten verkürzt, Papierprozesse vermieden und Geldmittel eingespart werden. Das sind die wesentlichen Vorteile von Blockchain im Bereich der Handelsfinanzierung.

Welche Projekte/Prototypen werden derzeit in Ihrem Unternehmen verfolgt/entwickelt? In welchem Stadium befinden sich diese? (Konzeption, Entwicklung, Proof of Concept, Vermarktung, Verfügbarkeit auf dem Markt etc.)
Fodera: Aktuell sind wir in unserer Bank an einer Vielzahl von Blockchain-Initiativen und -Projekten beteiligt. Im Bereich der Handelsfinanzierung ist die Erste Group in die erste Blockchain-basierte Handelsplattform we.trade eingestiegen. Die Erste Group und die EBOe befinden sich gerade mitten in den Startvorbereitungen für Österreich. Bis zum Ende des dritten Quartals ist ein Vorab-Start für ausgewählte KundInnen geplant, die marktweite Einführung der Plattform soll im vierten Quartal erfolgen. Darüber hinaus haben wir an der Testphase von Voltron, einer blockchainfähigen Anwendung zur einfacheren Abwicklung kompletter Akkreditivgeschäfte, teilgenommen. Ob wir dieses Projekt in die nächste Phase überführen, steht noch nicht fest.

Können Sie näher auf die Funktionsweise und Anwendung dieser Plattformen eingehen?
Fodera: Batavia war die erste Blockchain-Initiative, an der sich die Erste Group gemeinsam mit vier anderen Banken beteiligt hat: UBS, CaixaBank, Commerzbank und Bank of Montreal. Die Plattform stammt vom Technologieanbieter IBM und basiert auf der Hyperledger- Technologie. Die Initiative war auf sechs Monate angelegt, mit dem Ziel, ein funktionsfähiges Minimum Viable Product (MVP), also ein Produkt mit minimalen Anforderungen und Eigenschaften, zu schaffen. Nach sechs Monaten Entwicklungsarbeit haben wir auf der Plattform erfolgreich eine Testtransaktion zwischen einem Kunden der Erste und der CaixaBank durchgeführt. Für das weitere Vorgehen haben wir uns mit der Plattform we.trade zusammengeschlossen, da die Technologie und der Dienstanbieter identisch und die Produkte sehr ähnlich waren.

Wie zuvor erwähnt, haben wir an einem Testlauf von Voltron teilgenommen. Abgesehen davon, dass eine andere Technologie, nämlich Corda von R3, zum Einsatz gelangt, handelt es sich hierbei um eine andere Art von Lösung. Voltron ist eine blockchainbasierte branchenoffene Plattform, über die Akkreditive erstellt, ausgetauscht, genehmigt und ausgestellt werden können. Dank Voltron können Handelsfinanzierungsprozesse durch einfachere Abwicklung von Akkreditiven, kürzere Abwicklungszeiten, unmittelbare Klärung von Diskrepanzen und vereinfachte Sanktionslistenprüfung verbessert werden.

Marco Polo ist eine weitere Trade-Finance-Initiative. Es handelt sich hierbei um ein gemeinsames Vorhaben zwischen den Technologieunternehmen TradeIX und R3, Finanzinstituten und deren Firmenkunden. Mit einer dezentralisierten, blockchainbetriebenen Lösung bietet das Marco-Polo Netzwerk eine offene Plattform für Unternehmenssoftware zur Handels- und Betriebskapitalfinanzierung für Banken und Unternehmen.

Wie wird der Einsatz der neuen Technologie die Trade-Finance-Branche Ihrer Einschätzung nach verändern? Welche Auswirkungen ergeben sich für die an Transaktionen beteiligten Akteure?
Fodera: Mit all den Vorteilen, die die Blockchain-Technologie zu bieten hat, wird die Digitalisierung der Trade- Finance-Branche durch Blockchain, so sie sich durchsetzt, nicht über Nacht geschehen. Erstens wird die Technologie noch getestet, und es bedarf noch wesentlicher Investitionen, um sie auf breiterer Basis einsatzbereit zu machen. Eine positive Entwicklung ist, dass die verschiedenen an Trade-Finance-Transaktionen beteiligten Akteure ihre Kräfte bündeln. Banken, FinTech-Unternehmen und andere Akteure gehen Partnerschaften ein, um das Potenzial der Technologie gemeinsam zu eruieren und Anwendungen zu entwickeln, die bestmöglich auf die Bedürfnisse ihrer KundInnen zugeschnitten sind.

Zweitens ist die Technologie allein nicht ausreichend. Es gilt, rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die etwa den rechtlichen Status elektronischer Dokumente regeln oder klären, welche Vorschriften und Schlichtungsverfahren beim Einsatz von Smart Contracts zur Anwendung kommen oder wer jeweils in den einzelnen Stufen des Prozesses die Haftung trägt. Genauso, wie Akkreditive einem bestimmten von der Internationalen Handelskammer anerkannten Regelwerk (den Einheitlichen Richtlinien und Gebräuchen für Dokumenten-Akkreditive – ERA 600) unterliegen, werden auch für blockchainfähige Smart Contracts, die bei Akkreditivgeschäften zum Einsatz gelangen, international anerkannte Regelungen notwendig sein, da Banken vor Klärung dieser rechtlichen Fragen mitunter keine Verpflichtungen eingehen möchten. Das derzeitige Akkreditivsystem mag zwar äußerst kostspielig sein, ist im Hinblick auf den Rechtsschutz aber sehr effizient. Abschließend bleibt zu sagen: Bis zu einer breiten Umsetzung und einem Paradigmenwechsel in der Handelsfinanzierung durch den Einsatz von Blockchain ist es zwar noch ein weiter Weg, doch die Zukunftsaussichten stehen gut.