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Keine Lügen und Verstecke: Michael Madlmayer hält seine Hühner so, wie man es aus der Werbung kennt.

Entwicklung von innen

28.11.2016

Immer häufiger werden Unternehmen gegründet, die anders ticken. Bei denen nicht der Profit als oberste Maxime, sondern Visionen von einer besseren Welt im Vordergrund stehen.

Will mit den Leuten über Essen reden und die Verbundenheit spüren: Claudia Hochreiter.

Man muss schon ein bisschen wahnsinnig sein “, sinniert Michael Madlmayer über den Schritt in die Selbstständigkeit, während im Hintergrund seine Hühner gackern, „aber wenn man von etwas überzeugt ist, kann man nicht aufgehalten werden.“ Auch dann nicht, wenn die Geschäftsidee von konventionellen Herangehensweisen abweicht. Bei Michael Madlmayer besteht sie darin, 220 Legehühner in einem Campingwagen zu halten und auch herumzufahren. Nicht weit, aber immerhin so weit, dass die Hühner immer wieder eine neue Wiese vor der Haustüre haben. Dadurch können sich die Wiesen regenerieren, und es kommt zu einer sinnvollen Verteilung des Düngers am Grund. Und es stinkt nicht. Der Antrieb von Madl­mayer: „Ich will den Konsumenten einfach das Hühnerei und das Huhn geben, das sie aus der Werbung kennen.“ In der Werbung sind Hühner immer auf der Wiese. „Das sind meist gestellte Fotos“, sagt er. Bei ihm ist es wirklich so. „Es gibt keine Lügen oder Verstecke. Man kann zu mir kommen und sich selbst überzeugen.“ 

Du bist, was du isst 

Dieses Hühnerparadies würde auch Sylvie Chin gefallen. „Mein Vater ist an einer Herzattacke verstorben“, erinnert sie sich, „er hat einfach zu viel tierisches Fett gegessen. Ich vermisse ihn.“ Kurz darauf starb der Bruder ihrer Mutter an Diabetes. Zu viel Zucker! Für Sylvie war klar: Sie möchte den Leuten etwas geben, um achtsamer mit ihrer Nahrungsaufnahme umzugehen. Seit sechs Jahren arbeitet die chinesischstämmige Französin an der ClearKarma Plattform, die einen globalen Standard von transparenten und nachvollziehbaren Lebensmittelinformationen für Konsumenten bieten wird. In einem ersten Schritt sollen ab 2017 Restaurants mit einer digitalen Speisekarte inklusive tief gehender Allergenkennzeichnung versorgt werden. Alle Inhaltsstoffe von allen Produkten werden bis ins letzte Detail nachvollziehbar und für Gäste abrufbar sein. Ein monströses Unterfangen, doch Sylvie Chin weiß, warum sie das tut. Weil es um’s Tun geht, nicht ums Jammern, wie sie betont. „Wir sind für unsere Taten verantwortlich“, sagt sie, „das ist das Gesetz des Karmas.“ 
„Food is medicine“, zitiert Sylvie Chin in englischer Sprache Hippokrates und findet sich damit im Einklang mit der jungen Mühlviertlerin Claudia Hochreiter. „Pflanzen sind unsere Heilmittel“, keucht sie, während sie große Kartons mit Gemüse, Töpfen und Gewürzen schleppt, „die Liebe zu den Pflanzen ist meine Aufgabe in der Welt. Die Nahrung bestimmt unser Gemüt und unsere Gesundheit sowieso.“ Diese Aufgabe erfüllt die junge Köchin und Mutter nicht einfach nur für die Familie. Sie hat gemeinsam mit Freundinnen die „Wilde Feldküche“ ins Leben gerufen, wo vegetarisch für andere gekocht wird. „Für jemanden kochen ist mir aber zu wenig“, betont Hochreiter, „ich mag mit den Leuten darüber reden und die Verbundenheit spüren.“ Darum heißt eines ihrer kreativen Angebote auch „Gemüseromanzen“, wo sie für Liebespaare ein mehrgängiges vegetarisches Menü zubereitet und zwischen den einzelnen Gängen auch noch Beziehungsimpulse gibt. „Durch die Art, wie wir uns ernähren, können wir die Welt verbessern“, ist sie überzeugt.

Teilzeitunternehmerin? Nicht vorgesehen!

Das Hin- und Herschleppen von Töpfen und Lebensmitteln ist für die zarte junge Frau zum Alltag geworden und doch ist es für sie bei weitem nicht so anstrengend, wie die Briefe von Wirtschaftskammer und Banken durchzuackern, die sie als Jungunternehmerin täglich bekommt. „Seit ich mein Gewerbe angemeldet habe, bekomme ich dauernd Post von öffentlichen Stellen, und die Tonalität der Schreiben ist immer gleich. Die gehen offenbar alle davon aus, dass man bis zum Umfallen arbeiten muss, um erfolgreich zu sein.“ Hochreiter schüttelt den Kopf und rührt in den Töpfen. „Ich habe ein Baby und will trotzdem Unternehmerin sein. Teilzeitunternehmerin! Das ist offenbar nicht vorgesehen“, wundert
sie sich. 
Genau das sollte aber die Norm sein, meint Veronika Lamprecht: ein Leben im Einklang mit dem eigenen Rhythmus und im Takt der Natur. Sie hat 2015 die „Gaia-Akademie“ gegründet, um Führungskräfte wieder an natürliche Gesetzmäßigkeiten von Wachstum und Wandel zu erinnern. „Ich habe die Entfernung von der Natur an mir selbst festgestellt“, erinnert sich Lamprecht, „ich habe erfolgreich ein Projekt aufgebaut, Machtkämpfe führen müssen und bin innerlich leer geworden.“ Heute geht sie „den Weg der Königin“, ein Programm, das sie für weibliche Führungskräfte entwickelt hat.
Es werden laufend Unternehmen gegründet, doch manche weichen von den alten Mustern deutlich ab. Bei ihnen steht nicht der Profit als oberste Maxime im Businessplan. Genaugenommen haben sie manchmal sogar keinen Businessplan vorzuweisen, dafür jede Menge unkonventionelle Vorstellungen.

Text: Harald Koisser

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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