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Handelshaus Kiennast in Gars am Kamp gegründet 1710 Eigentümer in neunter Generation Überlebensmotto: Disziplin und Innovation

Einfühlungsvermögen und Rücksichtnahme

16.04.2014

Wie führt man ein Unternehmen 300 Jahre lang über neun Generationen hinweg? In Gars am Kamp hat es mit harter Arbeit, Sinn für das Gemeinwohl und Mut zur Innovation geklappt.

 

Es sind nur ein paar Schritte vom modernen Bürogebäude der Firma Kiennast rüber zum historischen Hauptplatz von Gars am Kamp. Dort, auf Nummer 7, befindet sich ein uraltes G’wölb, an dem seit 1585 durchgehender Geschäftsbetrieb herrscht. Die Familie Kiennast werkt an diesem Standort seit 1710. Und zwar ohne Unterbrechung, wie der Geschäftsführer Herbert Kiennast versichert. Schließlich habe man stets mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs gehandelt, die dringend gebraucht wurden. So ist es immer noch. Als Handelshaus mit zwei Gesellschaften ist Kiennast heute im Groß- und Einzelhandel tätig. Rund 250 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen.

Das alte Gebäude am Hauptplatz ist allerdings bei weitem nicht das einzige Erbstück vergangener Zeiten. Da gibt es ein altes Kassabuch von 1725 mit der Unterschrift des Firmengründers zu bestaunen, ein Lehrbrief von 1742 trägt noch immer stolz das pompöse Siegel des Wiener Gremiums, und unzählige Fotos lassen einen in die Vergangenheit des Familienunternehmens zurückreisen. Sie erzählen eine Geschichte, auf die Herbert Kiennast zu Recht stolz ist. Da waren findige Vorfahren, die erfolgreich auf den Verkauf von Rauchwaren gesetzt haben, ein anderer Kiennast wurde nebenbei erster Postmeister von Gars. Dann war da einer, Julius genannt, der 1883 zum Mitbegründer der Postsparkasse wurde und der den Ort als Bürgermeister zur Blüte bringen sollte. Mit besonderem Stolz deutet Herbert Kiennast auf ein Foto aus dem Jahr 1985. Es zeigt die Verleihung des Staatswappens durch Rudolf Kirchschläger.

Seitdem hat sich natürlich einiges getan, der Betrieb wurde modernisiert und laufend an die Gegebenheiten der Zeit angepasst. Genau da-rin liegt wohl auch der Schlüssel zum Erfolg, meint Herbert Kiennast auf die Frage nach dem Überlebensrezept. Jede Generation hat sich mit etwas Neuem beschäftigt. Man hat sich stets den Markterfordernissen angepasst. Innovativ und neugierig zu sein liegt einem als Kiennast quasi im Blut. Genau wie Disziplin. Seine Mutter war gerecht, aber streng, erzählt er. Herumlungern gab es nicht, dafür  immer etwas zu tun.

Ein anderer Erfolgsfaktor lag in der Verantwortung, die man stets für Mitarbeiter und Ort übernahm. Waren doch alle Kiennasts stark mit dem Gemeinwohl und der Entwicklung der Marktgemeinde verbunden. Bis zu seinem Vater haben sich alle als Bürgermeister in den Dienst der Gemeinde gestellt. Eine Rolle, die man heute auch ohne das Amt übernimmt. Nicht zuletzt ist es wohl aber die Familie, die so ein langes Bestehen möglich gemacht hat, meint Herbert Kiennast, der das Unternehmen über 40 Jahre voll Eintracht mit seinen zwei Brüdern zusammen geleitet hat. Wie das ging? Mit viel Einfühlungsvermögen und Rücksichtname, schmunzelt der Händler.

Damit es nun auch in Zukunft so friedvoll weitergeht, hat die Familie zeitgerecht den nächsten Generationswechsel eingeleitet. Man hat die sechs potenziellen Nachfolger eingeladen, sich zu überlegen, wer das Unternehmen weiterführen will. Den dreijährigen Prozess haben Proficoaches begleitet, man wollte schließlich nichts falsch machen. Das Vorhaben ist geglückt. Seit 2012 sind die zwei Cousins Julius und Alexander Teil der Geschäftsführung. Auf Reichtum dürfen sich die beiden allerdings nicht einstellen. „Wir Kiennasts stecken ins Unternehmen, was wir erwirtschaften. Da gibt’s kein Geld für untätige Erben wie bei den Swarovskis“, erklärt der scheidende Geschäftsführer und hofft, dass die Familienchronik auch noch weitere 300 Jahre verzeichnen wird.

Text: Stephan Strzyzowski

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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