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Einen zweiten Lockdown darf es nicht geben

31.08.2020

Allein schon die Diskussion über neue Steuern schwächt die aufkeimende Konjunktur, meint Georg Knill. Warum der Staat die Verantwortung jetzt wieder an die Bürger übergeben muss, weshalb es in Österreich keine echte Gesundheitskrise gab und was ihn persönlich antreibt, erklärt der neue Präsident der Industriellenvereinigung im Interview.

Zur Person

Georg Knill hat seine berufliche Laufbahn 1993 in der Knill Gruppe begonnen, für die er u. a. in der Schweiz, Großbritannien, Frankreich und Deutschland tätig war. Das Unternehmen befindet sich in Familienbesitz und gliedert sich in zwei rechtlich unabhängige Bereiche – Energy und Technology. Seit 2007 fungiert Knill als Geschäftsführender Gesellschafter der Knill Gruppe und als Aufsichtsratsvorsitzender des Technologiebereichs Rosendahl Nextrom GmbH. 

Sie haben das Amt als Präsident der Industriellenvereinigung während der Pandemie in Österreich angetreten. Blieb in den letzten drei Monaten neben dem Virus auch noch Platz für andere Themen auf Ihrer Agenda?

Natürlich, doch an oberster Stelle steht nach wie vor Covid 19. Krisenmanage­ment ist noch immer die zentrale Herausforderung der Industrie. Der Kampf gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie ist noch lange nicht gewonnen. 
Wie schlimm hat die Pandemie Österreichs Industrie denn getroffen? Wir rechnen für 2020 mit einem Rückgang von 7,6 %. Das Tal der Tränen ist aus meiner Sicht zwar durchschritten, und es geht wieder bergauf. Wir werden allerdings zwei bis drei Jahre brauchen, um wieder das Vorkrisenniveau zu erreichen. Die Industrie hat in der Krise bewiesen, dass sie das Land am Laufen halten kann. Wir haben aber auch die hohe Komplexität und die Vernetzung bei den Lieferketten schmerzlich zu spüren bekommen. Die Globalisierung ist ein wirklich fragiles Konstrukt. Diesen Herbst und Winter wird sie stark auf die Probe gestellt werden. 

Wenn eine zweite Welle kommt?

Wir hoffen natürlich, dass die Lage stabil bleibt. Aber die Industrie steht vor der Herausforderung, die Handelsströme und auch die Kontakte zu den Kunden aufrechtzuerhalten. Ich habe auf raschere Erleichterungen beim Reisen gehofft, doch es wird noch länger dauern, bis wir wieder zu unseren Kunden kommen können und sie zu uns. Dadurch ist unsere exportorientierte Wirtschaft aber stark beeinträchtigt. Darum wäre es auch fatal, wenn wir jetzt durch unnötigen Leichtsinn einen weiteren Lockdown und Betriebsschließungen erzwingen. Deshalb setzen wir auch auf freiwillige Testungen für Mitarbeiter. Wir haben gelernt, mit Covid zu leben und zu wirtschaften. Nun müssen wir lernen, Sicherheit und Normalität in Einklang zu bringen. Einen zweiten Lockdown darf es nicht geben. 

Was braucht die Industrie, damit wieder mehr Normalität einkehrt?

Sehr geholfen hat zum Beispiel die Kurzarbeit. Durch dieses Instrument konnten Beschäftigungsverhältnisse aufrechterhalten werden. Auch die Finanzierungsüberbrückungen waren nützlich. Aus der Krise werden wir aber nur durch investitionsgetriebenes Wachstum herauskommen. Die geplante Investitionsprämie der Regierung wird ein Anreiz sein, um solche Investitionen auszulösen. Tatsache ist aber, dass sich die globale Unsicherheit der Wirtschaft fast doppelt so stark wie bei der Finanzkrise äußert. Das betrifft Unternehmen und Konsumenten. Was Unternehmen brauchen, ist Vertrauen in die offenen Märkte. Und bei den Konsumenten geht es um Zuversicht. Wir müssen wieder zu einer neuen Normalität finden und lernen, mit Covid 19 zu leben. Wenn man national denkt, muss sich auch der Staat wieder aus der Gesamtverantwortung zurückziehen und die Verantwortung wieder den Bürgern übergeben.

Die steigenden Zahlen sprechen nicht dafür, dass sich das Virus ohne Verpflichtungen zurückdrängen lässt.

In Europa sind wir im Vergleich gut unterwegs. Aber leider gilt auch: aus den Augen aus dem Sinn. Trotzdem kann der Staat nicht immer und ewig die Hand schützend über alle Menschen halten. Das wäre eine schädliche Entwicklung: weg von marktwirtschaftlichen Grundprinzipien, hin zu Versorgungsansprüchen.

Sie haben selbst rund 2000 Mitarbeiter. Waren Ihre Angestellten in Kurzarbeit?

Wir waren mit einem Teilbereich in Kurzarbeit, weil  es uns wie vielen Maschinenbauern geht: Wir sind von einem hohen Polster in ein Auftragsloch gefallen. 

Wie gut hat die Abwicklung funktioniert?

Besonders der Erstantrag war sehr umfangreich und aufwendig. Grosso modo hat es aber gut funktioniert. 

Rechnen Sie damit, dass auf die Corona-Krise eine ­Finanzkrise folgen wird?

Eine Finanzkrise sehe ich aktuell nicht. Auch keine echte Gesundheitskrise, weil wir in Österreich nicht einmal annähernd an die Grenze der Kapazitäten der Spitalsbetten gelangt sind. Der Staat gibt gerade enorme Summen zur Rettung der Wirtschaft aus. Natürlich stellt sich nun die Frage der Refinanzierung. 

Wie lässt sich die Rechnung aus Ihrer Sicht begleichen?

Das Gesamtpaket der Regierung umfasst bislang circa 50 Milliarden Euro. Dadurch steigt die Staatsschuldenquote auf knappe 90 %. Das ist im Ampelfarben-Code dunkelgelb. Wie wir uns das zurückverdienen? Ganz klar über investitionsgetriebenes Wachstum und Effizienzsteigerungen.

In welchen Bereichen sehen Sie das größte Potenzial?

Ich denke vor allem an die Bereiche Gesundheit, Pflege, Pensionen, Verwaltung und Bildung. Allerdings müssen wir mit einem geringeren Mitteleinsatz die gleiche Leistung erbringen. Nur dann würde ich von Effizienz sprechen. Wogegen ich mich dezidiert ausspreche, sind neue Steuern. Die Wirtschaft kann aktuell keine neuen Belastungen vertragen. Allein schon die Diskussion über neue Steuern schwächt das zarte Pflänzchen der aufkeimenden Konjunktur. Entsprechend entbehrlich und skurril finde ich auch die aktuelle Diskussion über eine 4-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. 

Irgendwann wird es hoffentlich eine wirksame Impfung gegen Covid 19 geben. Wie sehen Ihre langfristigen, strategischen Pläne für die heimische Industrie aus, wenn diese Krise überstanden ist?

Wir müssen unseren Standort stärken und mehr Wertschöpfung nach Österreich bringen. Die Ausgangslage ist denkbar gut, wenn man an die Forschungs- und die Investitionsprämie denkt. Wenn sich noch eine Senkung der Körperschaftssteuer umsetzen lässt, würde das sehr für Österreich als Standort sprechen. Aufholbedarf sehe ich im Digitalisierungsbereich, wo wir nur im Mittelmaß sind. Das betrifft auch den Ausbau von Breitband sowie die Digitalisierung in der Verwaltung und das Angebot an digitalen Bildungsangeboten. Auch bei der Klimaneutralität haben wir noch einen steilen Weg vor uns. Wenn wir ihn erfolgreich gehen wollen, müssen wir Vernunft walten lassen, damit nicht Wertschöpfung vertrieben wird. Wir brauchen vielmehr vonseiten der Politik finanzielle Mittel, um den Wandel herbeizuführen. 

Man müsste meinen, dass auch ausreichend private Anleger und Unternehmen in grüne Technologien investieren wollen. Warum geht es nicht ohne öffentliche Förderungen?

Wenn Gesellschaft und Politik umweltfreundlichere Technologien wünschen, müssen sie deren Entwicklung auch begleiten. Ganz von selbst wird es nicht gehen. Deswegen ist auch der Green Deal der EU so hoch dotiert. Aber natürlich werden sich auch viele Betriebe einklinken und eigenständige Geschäftsmodelle entwickeln. 

Wie gut klappt denn die Zusammenarbeit mit der Politik und den institutionellen Sozialpartnern, wenn es um derartige Projekte geht?

Wir wollen als IV gemeinsam mit der Regierung und den Sozialpartnern aktiv konstruktive Standortpolitik gestalten und wir erkennen da wie dort Schnittmengen mit unseren Positionen und Forderungen. Deswegen pflege ich mit allen Institutionen einen offenen Diskurs, um herauszufinden, wo man gemeinsam etwas vorantreiben kann. Auch bei unterschiedlichen Positionen gilt es, sich gemeinsam für die Stärkung des Standorts einzusetzen.

Welche Rolle wünschen Sie sich, über Österreichs Grenzen hinausgedacht, für Europa? Wie soll sich die EU gegenüber China und den USA positionieren?

Aus wirtschaftlicher Sicht: deutlich selbstbewusster. Wir haben uns gegenüber den USA und China viel zu stark einseitig geöffnet. Ich vermisse die Reziprozität. In China gibt es 40 Branchen, die für Investoren eingeschränkt sind. Das gibt es in Europa gegenüber chinesischen Investoren nicht. Deswegen wird nun auch ein Investitionskontrollgesetz auf europäischer Ebene forciert. Vor einem Ausverkauf unserer Technologie müssen wir uns schützen. Europa ist nach wie vor die Technologieschmiede der Welt. Allerdings wünsche ich mir nur, dass wir gleiche Bedingungen herstellen. Wir dürfen uns nicht mehr unter unserem Wert verkaufen.  

Muss sich die Europäische Union dafür verändern? Weg vom Einstimmigkeitsprinzip?

Über Reformen der EU muss man sicher nachdenken. Es gäbe Bereiche, wie Wirtschaftspolitik, Außenpolitik oder Handelspolitik, die mit einem Mehrheitsstimmrecht schneller und wirksamer agieren könnten. 

Hätten Sie sich in der Pandemie mehr Zusammenarbeit innerhalb der EU gewünscht?

Die EU wollte das Thema europäisch regeln, das haben aber die einzelnen Staaten abgelehnt. Auch, weil es keine gemeinsame Gesundheitspolitik gibt. Deswegen haben die Länder auch Regeln erlassen, die zu Lieferstopps geführt haben. Man hat den Binnenmarkt wider EU-Recht ausgesetzt. Das war kein Glanzstück europäischen Gemeinschaftsverständnisses. Lessons learned? Ich sehe keine!  

Welche Lektionen halten Sie in Ihrem eigene Unternehmen hoch? Spielt Nachhaltigkeit für Sie eine Rolle?

Ja, allerdings geht es nicht nur um Ökologie, sondern immer auch um soziale und ökonomische Aspekte. Unser Unternehmen besteht seit zwölf Generationen. Das beweist, dass wir gewisse Resilienzen aufgebaut haben und Nachhaltigkeit leben. Wir haben uns über 300 Jahre immer angepasst. Das Unternehmen hat 1712 mit Schwertern und Säbeln begonnen, heute liefern wir Lösungen für die Infrastruktur in der Energieübertragung. Was wir in der Zukunft produzieren werden, weiß ich nicht. Aber es wird sicher etwas anderes sein. Die wichtigste Lektion lautet deshalb: Veränderung ist etwas Normales und etwas Notwendiges. Diese Herangehensweise lässt sich auch auf die Krise übertragen. Wir brauchen jetzt eine Haltung, die nicht bewahren will, was wir gewohnt sind. Wir müssen die Krise als Chance nützen. Wir müssen uns weiterentwickeln wollen.  

Lässt sich dieser Spirit auch auf die Verbandsarbeit übertragen?

Hoffentlich. Allerdings geht es mir nicht um Veränderung, um der Änderung willen. Es geht um eine Anpassung und Optimierung der Organisation. Da sind wir mitten drinnen. 

Die Führung eines großen Unternehmens ist sicher fordernd genug. Was treibt Sie dazu an, sich auch noch als IV-Präsident einzusetzen?

Mich treibt die Verantwortung für meine Mitarbeiter an. Für sie will ich optimale Rahmenbedingungen gestalten. Dazu kommt, dass sich auch schon meine Vorfahren zum Beispiel als Bürgermeister aktiv in der Gemeinschaft eingebracht haben. Wir haben als Unternehmer immer auch gesellschaftliche Verantwortung getragen. Ich will nicht aus der zweiter Reihe kritisieren, sondern in der ersten Reihe stehen und gestalten. Dafür bietet sich die IV an, weil sie aus 4500 freiwilligen Mitgliedern besteht. Unsere Mitglieder wollen sich sozial für unseren Standort engagieren. Das ist wichtig für eine starke Industrie und den Wohlstand im Land. 

Wobei schöpfen Sie Kraft für Ihre Vorhaben?

Ich bin sehr gerne draußen in der Natur. Ich betreibe auch eine kleine Landwirtschaft und habe ein kleines Gasthaus, die mir Freude bereiten. Kraft sammle ich auch bei meiner Familie und bei meinem Freundeskreis. Was mich besonders motiviert und inspiriert, sind die vielen Gespräche mit Politik, Unternehmen und interessanten Persönlichkeiten, die sich Gedanken über die Zukunft machen. Das spendet mir Kraft. 

Hatten Sie ein Learning in der Zeit des Lockdowns, das Sie überrascht hat?

Es waren sogar zwei. Diese Phase hat deutlich gemacht, wie vernetzt und komplex Wirtschaft heute wirklich ist. Die Gesundheitskrise haben wir durch drei Maßnahmen in den Griff bekommen: Masken tragen, Hände waschen, Abstand halten. Um die Wirtschaft in den Griff zu bekommen, haben wir dagegen tausend Maßnahmen gebraucht. Die zweite, negative Überraschung war, wie viele Unternehmen eine extrem dünne Liquiditätsdecke haben und nur von der Hand in den Mund leben.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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