Eine Spielerei wird erwachsen | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt
An dem Jungheinrich Bedienpult kann mittels VR ein Training am Hochregalstapler simuliert werden.

Eine Spielerei wird erwachsen

08.09.2017

Virtual Reality (VR) ist längst kein Gimmick für Gamer mehr. Die B2B-Einsatzbereiche sind mittlerweile vielfältig und reichen von virtuellen Showrooms über die Produktentwicklung bis hin zu Simulatoren für Trainingszwecke. Ein Überblick.

Die Virtual-Reality-Brille HTC-Vive als Teil des BMWEntwicklungsprozesses
BEGRIFFLICHKEITEN – EINFACH ERKLÄRT

Virtual Reality (VR): Nutzer können mithilfe von VR-Brillen in virtuelle 360°-Welten eintauchen. Dabei ist man von der echten Welt abgeschnitten.

 

Augmented Reality (AR): Einblendung von zusätzlichen Informationen zur realen Welt.

 

Mixed Reality: Verbindung von virtuellen und natürlichen Objekten. Statt uns von der echten Welt zu entfernen, fügt die Mixed Reality ihr also virtuelle Elemente hinzu.

 

Immersion: Wenn es gelingt, völlig in die virtuelle Welt einzutauchen und diese als real zu empfinden. Wer etwa virtuell über ein dünnes Stahlseil von einem Hochhaus zum nächsten balanciert, kann echte Höhenangst zu spüren bekommen.

 

Virtual Reality Sickness (Motion Sickness): Die Symptome wie Übelkeit, Schwindel oder Kopfschmerzen ähneln der Reisekrankheit. Motion Sickness tritt besonders dann auf, wenn die reale Welt von der virtuellen abweicht.

Das Konzept überzeugt: VR-Brillen mit kleinen Bildschirmen lassen uns in künstliche 3D-Welten eintauchen, in denen wir uns frei bewegen können. Dabei entsteht das Gefühl, tatsächlich vor Ort zu sein, mit allen damit einhergehenden Emotionen. Gerade die Intensität der hervorgerufenen Emotionen hat VR bisher besonders für Marketingzwecke attraktiv gemacht, etwa in der Reisebranche. Auch der Immobiliensektor hat VR früh entdeckt. Können doch potenzielle Interessenten virtuell Wohnungen und Häuser schon vor dem Bau in 3D durchlaufen oder die Einrichtung simulieren.

BMW: VR STATT AUFWENDIGER ENTWÜRFE

Einer der Vorreiter in Sachen industrieller VR ist die BMW Group, die bereits seit den 1990er-Jahren VR-Systeme im Entwicklungsprozess einsetzt. Statt aufwendig gebauter Entwürfe ist damit mehr Flexibilität möglich, bei geringeren Kosten und schnelleren Ergebnissen. So testet BMW beispielsweise Fahrzeugfunktionen oder neue Innenraumkonzepte. Seit dem Vorjahr sind bei BMW Mixed-Reality-Komponenten im Einsatz. Dabei kommt es zu einer Verschmelzung zwischen echter und künstlicher Welt. Durch die Kombination von tatsächlich fühlbaren Oberflächen und Bedienelementen mit VR sowie dem räumlich wiedergegebenen BMW-Motorsound entsteht ein realistischer Fahrzeugeindruck. Simulierte Fahrten durch die Großstadt zeigen, ob etwa die Rundumsicht auf die Umgebung gewährleistet ist oder ein Display je nach Sitzposition oder Blickwinkel schwer erreichbar ist. Die entwickelnden Ingenieure haben dabei das Gefühl, in einem realen Auto in einer echten Verkehrssituation zu sitzen. Erst, wenn die Entwürfe durch die VR-Brillen überprüft wurden, werden sie zur weiteren Erprobung tatsächlich gebaut – was eine enorme Zeit- und Kostenersparnis bringt.

STAPLER-SIMULATOR AUS ÖSTERREICH

Auch hierzulande findet man Vorreiter in Sachen virtueller Realität. Das oberösterreichische Unternehmen Pool3 beschäftigt sich seit der Gründung 2001 mit interaktiven 3D-Anwendungen. Mit seinem VR-Simulator lassen sich Schulungen und Trainings für Hochregalstapler realistisch simulieren. „Wir setzen auf ‚serious applications‘, also Anwendungen, die einen Arbeitsablauf sicherer, genauer und besser erfassbar machen. Den Vorgang, eine Hydraulikeinheit eines Staplers zu demontieren, lernt man in VR in zwei Minuten und versteht ihn dann auch am realen Gerät“, sagt Klaus Stöttner, Geschäftsführer von Pool3.

Der Benutzer sitzt dabei etwa an einem Original-Jungheinrich- Bedienpult. Zum Einsatz kommt eine VR-Brille in Kombination mit Handtracking und einem Zwei-Achs-Bewegungsfeedback. Die Vorteile: transportabler Einsatz mit Plug & Play, Kostenersparnis und kein Sicherheitsrisiko bei der Anwendung.

Auch bei Ebner Industrieofenbau in Oberösterreich beschäftigt man sich mit VR. Dabei setzt Ebner derzeit noch auf Augmented Reality (AR): Die reale Welt wird dabei mit virtuellen Inhalten angereichert, um Kommunikation und Informationsfluss zu erleichtern – sowohl intern als auch mit dem Kunden. Beim Servicieren von Anlagen kann damit auf Papier, Word und Excel verzichtet werden. „Das Tablet gibt Schritt für Schritt die Tasks vor und dokumentiert bei Bedarf jedes Detail der Durchführung – Arbeit, Zeit und Ort sind eindeutig verifizierbar. Erst dann wird es als erledigt gebucht und ein entsprechender Report automatisiert generiert“, sagt Stephan Puxkandl, Vizepräsident der Ebner Beteiligungsges.m.b.H.

VOR ORT HILFE AUS DER FERNE

Beim Support über die Ferne nutzt der Kunde das Head Mounted Device und kontaktiert über Brille und Internet einen Experten im Stammhaus. „Einfach gesagt: Der Ebner-Techniker sieht das, was unser Kunde sieht. Der Bearbeiter vor Ort schickt dem Experten ein Bild auf den Bildschirm, während er über Sprache mit ihm kommuniziert, der Experte kann mittels ‚Redlining‘ dieses Bild bearbeiten, hat direkten Zugriff auf die Anlagendoku, Steuerungsdaten und Fehlerhistorie. Damit kann schnell eine Lösung erarbeitet und diese an den Bearbeiter vor Ort gesendet werden, ohne einen Fuß in ein Auto oder Flugzeit zu setzen.“ Bei den Head Mounted Devices seien allerdings noch Kinderkrankheiten zu bewältigen. Viele seien auch noch nicht industriekonform.

Dennoch wird bei Ebner bereits weitergedacht. Etwa an Anwendungsszenarien für Virtual Reality. „Wir sehen viele Möglichkeiten, vor allem 3D-Modelle von Anlagen für Schulungs- und Planungszwecke. Eine Anlage vor Ort ist aufwendig zu montieren. In VR kann ich alle Handgriffe und Tätigkeiten simulieren. Ich sehe, wo Schwierigkeiten sind und etwas ins Stocken kommen könnte. So beugen wir Überraschungen bei der tatsächlichen Montage vor.“ Das sieht man auch bei Pool3 so. Für einen Kunden wurde ein virtuelles Trainingscenter für die Wartung einer Windkraftanlage zu Schulungszwecken entwickelt: „Vergleicht man es mit einem Echtzeit-Szenario, so müsste für die Schulung erst ein Windkraftwerk außer Betrieb genommen werden. Zudem müssten alle erst zum Kraftwerk reisen. Das alles ist kostenintensiv. Jetzt kann alles in VR abgebildet werden“, sagt Stöttner.

„Vor 30 Jahren hat man in der Industrie Sachen hergestellt, mit denen unsere Kinder gespielt haben. Heute wenden wir an, was unsere Kinder schon haben“, so Puxkandl. Wichtig ist, dass die neue Technologie prozesssicher ist. Denn: „In der Industrie gibt es keinen Reset-Button.“

Autor:
Sonja Tautermann

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