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Eine Region am Wendepunkt

09.09.2014

Sind Kärnten und die Steiermark auf dem wirtschaftlichen Abstellgleis gelandet,oder startet der Süden schon bald richtig durch? Nach politisch turbulenten Zeiten herrscht in beiden Bundesländern eher Verunsicherung – zumindest wenn man der lokalen Berichterstattung Glauben schenkt. Der richtige Zeitpunkt also, um bei denen nachzufragen, die wirklich wissen, wovon sie sprechen: den erfolgreichen Unternehmern der beiden Bundesländer.

Wie sieht die wirtschaftliche Stimmung im Süden aus? Was beschäftigt die Unternehmer aktuell? Werden sie von der Politik ausreichend unterstützt? Und: Können sie optimistisch in die Zukunft blicken?
Zumindest in einer Frage ist sich die Mehrzahl der Kärntner Unternehmer einig: Die Politik unter der Regentschaft der „Freiheitlichen Partei Kärnten“ (FPK) hat auf den Wirtschaftsäckern des Bundeslandes deutliche Spuren hinterlassen. „Politisch ist in den vergangenen Perio-den einfach schlecht gewirtschaftet geworden. Es wurde zu viel Geld ausgegeben, das man nicht hatte“, stellt etwa Alfred Riedl, Gründer und Eigentümer des Uhrenproduzenten Jacques Lemans, fest. Auslöffeln muss es die neue Regierung, der vielfach die Hände gebunden sind, wenn es um die Finanzierung von Sonderprojekten wie Forschungs- und Bildungsinitiativen geht. Besonders sauer stößt dem Unternehmer der entstandene Imageschaden für das Bundesland auf. Weltweit wurde er immer wieder auf die politische Situation in seinem Heimatland angesprochen – und das war ihm nicht immer angenehm. Hinzu kommt: Riedl ist hauptsächlich auf den Export angewiesen, 80 Prozent seiner Produkte gehen ins Ausland.

 

Zurück zur Normalität
Die politische Situation unter Landeshauptmann Peter Kaiser sorgt jetzt dafür, dass langsam wieder Normalität einkehrt. Auch wirtschaftlich gesehen kann der Unternehmer wieder mehr Kompetenz in den entscheidenden Gremien ausmachen. In einem Punkt wird sich aber bestimmt nichts ändern: „Für Erfolg oder Misserfolg ist der Unternehmer selbst verantwortlich. Wir arbeiten hier in einem Land, in dem andere Urlaub machen, und das muss einem schon viel wert sein.“ Deshalb habe sich Riedl auch nie auf andere verlassen, wie er sagt. Und schon gar nicht auf die Politik. Nächstes Jahr feiert der Unternehmer das 40-Jahr-Jubiläum seiner Firma. Jacques Lemans, mit Hauptsitz in St. Veit an der Glan und Produktionsstätten in der Schweiz und in China, beschäftigt weltweit 320 Mitarbeiter, acht davon sind Lehrlinge. Ein weiteres Problemfeld. „Die Personalsituation ist in Kärnten nicht gerade optimal“, so Riedl. Viele junge Leute gehen nach Wien oder Graz, studieren dort und kommen nicht mehr zurück. Eine Rückkehr werde den jungen Leuten ja auch nicht wirklich schmackhaft gemacht, bedauert
Riedl.

 

Tourismus im Sinkflug
Dass es ein Kärntner Unternehmer eher schwer denn leicht hat, bestätigt auch Martin Ramusch: „Es gibt immer Neider und Verhinderer, die versuchen dagegenzuschießen. Aber wenn man das nicht aushält, ist man für das Unternehmertum wohl zu schwach“, stellt er klar. Zu Ramuschs Unternehmungen gehört die Klagenfurter Werft, die Schifffahrt am Wörthersee und das Gastro-Anwesen Lido genauso wie die Event-Firma ip-media, das Security-Unternehmen Leon und acht Swarovski-Geschäfte im In- und Ausland. Ramusch beschäftigt derzeit mehr als 400 Mitarbeiter. Der 46-Jährige befasst sich zwar lieber mit positiven als mit negativen Geschichten, sieht die Dinge aber grundsätzlich kritisch: „Großbetriebe wie Infineon zeigen, dass man in Kärnten im Industriebereich sehr erfolgreich sein kann, aber was gerade im Tourismus passiert, ist sehr bedenklich.“ Kärnten mache still und leise einen Sinkflug in Sachen Tourismus. Dabei sei das Land auf diese Branche ganz besonders angewiesen. „Wir verzeichnen zwar ein Wachstum, das liegt aber unter einem Prozent. Da braucht man nichts schönreden. Der Rest Österreichs kann ein Plus von zumindest 4,7 Prozent vorweisen. Hier in Kärnten fehlen einfach die positiven Geister.“

Was seiner Meinung auch fehlt, sind Zukunftsperspektiven, die Infrastruktur im Land betreffend: Der Flughafen Klagenfurt etwa steht vor einer Generalsanierung – die noch nicht finanziell gesichert ist. Spätestens 2016 muss es aber hier zu einer Lösung kommen. Der Unternehmer würde sich auch eine attraktivere Gestaltung des Stre-ckennetzes wünschen. „Das würde der Wirtschaft des Landes sehr helfen. Vor allem aber gäbe es dem Tourismus neue Impulse, und Kärnten wäre als Wirtschaftsstandort wieder um vieles interessanter“, meint
Ramusch.

 

Hemmschuh Bürokratie
Was dem Unternehmer in Kärnten ebenfalls abgeht, ist ein Miteinander, ein Zusammenhalt zwischen den Unternehmern und politischen Gremien, um Innovationen zu fördern. Ebenso würde ein Abbau der Bürokratie dem Land extrem guttun, meint Ramusch. „Jede Woche kommt ein Prüfer in eine meiner Firmen und raubt uns Nerven. Allein bei der letzten Starnacht am Wörthersee kamen 20 Leute, um die Veranstaltung abzunehmen. Dabei kommt zwar nie etwas raus, aber es kostet viel Geld und stiehlt uns wertvolle Zeit. In anderen Ländern wie Deutschland und der Schweiz wird eher darauf geschaut, dass man miteinander einen tadellosen Event auf die Beine stellen kann.“

Auch anderswo verbaut die Bürokratie Chancen. Laut dem frisch gewählten neuen Kärntner Wirtschaftskammerpräsidenten Jürgen Mandl stecken allein im Sektor Windenergie etwa 150 Millionen an Förderungen im Bürokratiestau fest. „Wir leisten uns die Ignoranz, Arroganz und Überheblichkeit zu sagen: Liebe Investoren, wir brauchen euch nicht. Das ist für mich als Unternehmer völlig unverständlich“, kritisiert der Kammerpräsident.

Generell spürten viele Kärntner Firmen aber aktuell wieder einen positiveren wirtschaftspolitischen Wind. Unternehmer Ramusch erklärt: „Es geht in die richtige Richtung, und der Unternehmer in Kärnten kommt wieder zu Wort. Das ist schon viel wert. Die Zeit von ,Brot und Spiele‘ gehört endgültig der Vergangenheit an. Und das ist gut so.“

 

Schwamm drüber?
Dass man die Vergangenheit endlich ruhen lassen soll, das wünscht sich Clemens Aigner, Vorstandsdirektor der Vereinigten Kärntner Brau AG: „Wir haben in Kärnten turbulente Zeiten erlebt, vor allem das Hypo-Debakel hat uns schon sehr schwer zugesetzt.“ Die Politik sei derzeit im südlichsten Bundesland eher auf „Abwarten“ eingestellt, meint Aigner. Für seinen Geschmack bewegt sich zu wenig, und das sei nicht gerade günstig für die Wirtschaft des Landes. „Mir fehlt der Drive“, bringt es der Unternehmer auf den Punkt. Dabei hat Kärnten alles zu bieten, was man braucht. Es ist vor allem die zentrale Lage in Europa, die der Vorstandsdirektor als Vorteil sieht: „Man ist rasch in Italien, von Villach aus in 45 Minuten in Laibach am Flughafen und in eineinhalb Stunden in Salzburg.“

Laut Aigner wäre es deshalb auch viel vernünftiger, die Infrastruktur der benachbarten EU-Länder zu nutzen, als sich über derzeit nur schwer finanzierbare Renovierungen des Klagenfurter Flughafens Gedanken zu machen. Die Nähe zu Slowenien, Kroatien und Italien sieht Aigner überhaupt als ganz große Chance. Er will die politischen Grenzen hinter sich lassen: „Mit einem guten Produkt, einem stimmigen Konzept und der passenden Strategie steht jedem Unternehmen der Weg zum Erfolg offen. Wir haben vor der Haustüre ungeheuer große Märkte liegen. In Italien und Slowenien ist die Vereinigte Kärntner Brau AG schon sehr gut vernetzt, und ein weiterer Ausbau ist in Arbeit.“ Aber eines ist klar: Mit dem angeschlagenen Image wird man in Kärnten noch länger kämpfen müssen.

 

Steirische Unternehmer gefordert
Infrastrukturelle Probleme kann man nicht nur in Kärnten orten – auch in der Steiermark mangelt es an sinnvollen Verkehrskonzepten: „Vor allem der Flugverkehr ist in der Steiermark eine Katastrophe und hält auch sicher Unternehmen ab, sich hier anzusiedeln“, meldet sich der steirische Nobeljuwelier Hans Schullin kritisch zu Wort. Auch mit der Bahn komme man nicht wirklich gut voran, bemängelt der Unternehmer. Er hat neben seinen Filialen in Graz auch Niederlassungen in Klagenfurt, Velden und Zürs. Mit der jungen Schmucklinie „New One“ betreiben die Schullins zwei Geschäfte in Wien und einen Internet-Handel. „Ich würde mir für Graz wünschen, dass steirische Unternehmer mehr gefördert werden“, sagt Schullin, der sich bei einer Grazer Innenstadt-Initiative politisch ins Zeug wirft. „Wir als Unternehmer sind gefordert, selbst etwas für den Standort zu tun. Jetzt ist es schon so, dass sich die Politik der Stadt eher auf uns Unternehmer verlässt“, so der Juwelier.

Trotzdem ist Schullin mit Wirtschaftslandesrat Christian Buchmann grundsätzlich zufrieden: „Er will und macht auch sehr viel. Es ist erfreulich, dass das Thema Wirtschaft in der Steiermark ernst genommen wird. Vor allem der Paarlauf zwischen Landeshauptmann Franz Voves und seinem Vize von der ÖVP, Hermann Schützenhöfer, ist ein genialer, das gibt es sonst in ganz Österreich nicht. Die beiden wollen für das Land das Beste. Hier geht’s um die Sache und nicht um politische Befindlichkeiten.“

Förderprogramme, bitte!

Aber es ist dennoch einiges zu tun: Mehr Förderungen wären laut Schullin auch in Sachen Aus- und Weiterbildung sehr erfreulich. Er habe es nicht immer leicht, geeignete Mitarbeiter für seine Unternehmen zu finden. „Die Österreicher sind generell nicht so mobil wie beispielsweise die Amerikaner oder die Asiaten. Die Bequemlichkeit spielt in unserem Land eine sehr große Rolle. Ein Klagenfurter geht ungern nach Graz und umgekehrt. Das ist oft ein Problem.“ Ein Programm, um junge Leute flexibler zu machen, wäre, laut Schullin, zumindest ein Lösungsansatz.

Ähnlich wie der Schmuck-Profi ortet auch Star-Winzer Walter Polz Probleme in der steirischen Infrastruktur: „Der Flughafen Graz hat ein sehr eingeschränktes Angebot, und die Flüge sind viel teurer als beispielsweise jene von Wien aus. Vom Bahn-Angebot brauchen wir erst gar nicht zu sprechen. Da bleibt dann nur mehr das Auto“, bedauert er. Der Weinbauer und Hotelier betreibt mit seinem Bruder Erich das Weingut Polz mit 70 Hektar, das Weingut Tscheppe mit 30 Hektar, und acht Hektar werden im Schloss Seggau bewirtschaftet. Dazu kommen noch der Hotelbetrieb Gut Pössnitzberg mit dazugehöriger Gastronomie und die Vinothek mit angeschlossener Ausstellung „Genussregal“ in Vogau. Seine Kunden sind in ganz Österreich zu Hause, das heißt, Reisen steht ganz oben auf der Liste der Brüder. Nur 15 Prozent der Produktion gehen ins Ausland, der Rest, rund 600.000 Flaschen, bleibt im Land.

 

Mangelware Arbeitskräfte
Dementsprechend kennt sich Polz mit den Behördenwegen des Landes aus. Und stellt fest: „Die Steiermark hat wirtschaftlich viel erreicht, denken wir nur an den großartigen Autocluster oder an Unternehmen wie AVL List. Umso eigenartiger ist es, dass beispielsweise Bescheide oder Genehmigungen noch immer mit unendlich langen Bearbeitungszeiten unsere Arbeit lähmen“, seufzt Polz. Ansätze, etwas weniger Bürokratie walten zu lassen, würden zwar immer wieder diskutiert, aber nie umgesetzt.
Grundsätzlich aber stellt der Winzer der Wirtschaftspolitik seines Landes ein recht gutes Zeugnis aus. „Innovationen werden in der Steiermark wohlwollend aufgenommen, vor allem wenn es um den Bereich Tourismus geht.“ Dennoch wird seiner Meinung nach um den für die Region so wichtigen Gast noch immer viel zu wenig gebuhlt.

Insgesamt bietet die Steiermark für Walter Polz und seine Branche aber optimale Bedingungen: besten Boden, gute klimatische Bedingungen und sauberes Wasser. Ein reges Miteinander findet auch mit Slowenien statt. Zahlreiche Arbeitskräfte kommen aus dem Nachbarland. „Die Einheimischen sind bei uns sehr verwurzelt und aus ihrer Gegend kaum wegzubekommen. Da reichen schon einige Kilometer. Das macht es nicht gerade leicht, Personal zu finden“, berichtet Polz von einem ähnlichen Problem wie Hans Schullin. Wenn er sich für die Zukunft etwas wünschen dürfte, dann wären das etwas weniger Kontrollbesuche von Beamten aus diversen Ämtern, die sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Kritik, die auch sein Kärntner Unternehmerkollege Martin Ramusch angemerkt hat. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die richtigen Personen angesprochen fühlen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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