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Ein Wort wird Wien nicht gerecht

02.05.2021

Dass Wien wirtschaftlich nicht noch schlimmer von der Covid-Krise betroffen ist, liegt laut Walter Ruck an der großen Vielfalt seiner Unternehmen. Wie sich das Virus besiegen lässt und mit welchen Spitzenfeldern die Bundeshauptstadt hervorstechen soll, erklärt der Präsident der Wirtschaftskammer Wien im Interview.

Die Wirtschaft hat ein extrem herausforderndes Jahr hinter sich. Wie geht es den Wiener Betrieben aktuell? Der Standort hatte schon bessere Zeiten, aber durch die verschiedenen Branchen ist die Lage sehr heterogen. Alles, was mit Tourismus, Freizeit, Kultur und Gastronomie zu tun hat, ist seit einem Jahr mit Unterbrechungen geschlossen. Aussicht ungewiss. Bedingt durch Immunisierungen und ein besseres Wetter wird es bald zu Öffnungsschritten kommen. Aber normales Geschäftsleben wird es wohl erst im Herbst geben. Auf der anderen Seite stehen etwa Baumärkte und Lebensmittelhändler, die durch den Fokus auf die eigenen vier Wände sogar einen Aufschwung erleben. In genau dieser Bandbreite spielt sich der Wirtschaftsstandort ab. Ich bin jetzt besonders froh, dass es uns gelungen ist, die Produktionsbetriebe in der Region aufrechtzuerhalten. Denn Gewerbe und industrielle Produktion sorgen für eine hohe Wertschöpfung am Standort.

Können Nachholeffekte nach einem Ende der Pandemie die Lage in den betroffenen Branchen ein wenig lindern? Ich bin Optimist, ich denke schon, dass es gerade in den stark gebeutelten Bereichen zu gewissen Nachholeffekten kommen wird. Wenn die Immunisierung voranschreitet, werden die, denen es jetzt besonders schlecht geht, vielleicht sogar den aufgestauten Bedarf einfahren können. Wir sehnen uns beispielsweise alle nach Gastgärten, nach Kulturveranstaltungen und Reisen.

Wann rechnen Sie mit Lockerungen? Das ist schwer zu sagen. Die wesentlichen Zahlen verändern sich laufend. Die Faktoren, die uns leiten, sind Infektionszahlen, Hospitalisierungen und Menschen auf Intensivstationen. Das sind die Zahlen, die uns die Grenzen des Korridors angeben, den wir beschreiten können. Und diese Zahlen sind derzeit noch hoch, viel zu hoch. Es wird also darauf ankommen, wie es uns unabhängig vom Impffortschritt gelingt, die Zahlen so zu drücken, dass es so wird wie letztes Jahr Ende April.

„Wir müssen eine leistungsfähige Infrastruktur für alle schaffen.“

Da waren die Zahlen nach dem ersten Lockdown sehr niedrig. Genau, und über den Sommer sind sie nur langsam gewachsen. Wir müssen klar sehen, dass selbst wenn wir heute Impfstoff für alle bekommen würden, würde es bei zwei Impfungen noch mehre Wochen bis Monate dauern, bis die Immunisierung breit genug ist. Dieser Zeitraum zwischen dem Zahlendrücken und der Steigerung der Immunisierung ist sehr sensibel. Um ihn optimal zu überstehen, brauchen wir Instrumentarien wie „Alles gurgelt“. Damit wir trotzdem ein halbwegs normales Leben haben. Auch wirtschaftlich betrachtet.

Viele Unternehmen leiden vor allem unter den kurzfristigen Entscheidungen. Ginge das aus Ihrer Sicht nicht besser? Ich glaube, es gibt in diesem Zusammenhang eine echte Notwendigkeit zur Optimierung. Die allerwenigsten der Unternehmen, mit denen ich spreche, haben kein Verständnis für rigide Maßnahmen. Bekrittelt wird aber zu Recht, dass man ihnen nicht am Mittwoch sagen kann, was Donnerstag zu Mittag passieren soll. Da bleibt Verständnislosigkeit zurück. Man nimmt die Probleme schon wahr, verlangt aber eine Prognose auf zwei bis drei Wochen. Das Schlimmste ist, Menschen Hoffnungen zu machen und sie dann zurücknehmen zu müssen und sie zu enttäuschen. Es wäre wesentlich besser, sehr vorsichtige Prognosen zu formulieren und die Menschen positiv zu überraschen – wenn es geht. Wir bräuchten wieder mehr Augenmaß und längere Prognosezeiträume. Nicht nur für die Wirtschaft, sondern für alle Menschen.

Welche Rolle können Betriebe beim Testen und irgendwann auch beim Impfen spielen? Ich glaube, dass die Teststrategie rund um „Alles gurgelt“, die von den Wiener Unternehmen sehr stark unterstützt wird, auch ein Modell für zukünftige Impfungen im Betrieb sein kann. Wenn man jetzt betriebliche Strukturen nützt, damit alle Mitarbeiter negativ getestet sind, schützt man damit die Infrastruktur im Betrieb, aber auch das private Umfeld. Die gesamte Stadt wird so sicherer. Dieses Modell sollten wir hochskalieren und immer breiter ausrollen. Wir sind bereits in einer relativ schönen Breite. Mein Idealbild ist, dass jeder permanent getestet ist. Nur so kann man das Virus besiegen. Und so könnte man auch impfen. Unternehmen können eine tragende Rolle spielen und bei Verfügbarkeit rasch und konzertiert impfen. Seitens der Wirtschaftskammer haben wir die Vorbereitungen getroffen, dass man sich melden kann, wenn man das möchte. Allein, es fehlt noch an Impfstoffen.

Bis sich die Lage normalisiert, fallen enorme Kosten an. Wie können sie refinanziert werden? Jetzt haben wir einmal alle Hände voll zu tun, um die Pandemie zu überwinden. Bildlich gesprochen, sitzen wir in einem Ruderboot und kämpfen gegen die Strömung an. Wir müssen jetzt mit voller Kraft rudern, um in ruhigere Gewässer zu kommen. Wenn das geschafft ist, können wir uns die Schäden am Boot genau anschauen. Dass die Schäden aber irgendwann bereinigt werden müssen, ist klar. Am besten geht es sicher über eine Steigerung des BIP. Schon ein Prozentpunkt mehr sind 4 Milliarden Euro, die 1,6 Milliarden Steuern und Abgaben bringen. Es gibt also andere Möglichkeiten als neue Steuern. Nur zu sagen, dass jemand anderer bezahlen soll, ist keine kluge und weitsichtige Wirtschaftspolitik. Das sollten wir vor allem im Hinblick auf unsere exportierenden Betriebe beherzigen. Denn ihre Erfolge sind der beste Dünger für Wirtschaftswachstum.

Die Digitalisierung ist ein wesentlicher Faktor für Wachstum. Hat sich die Infrastruktur seit Beginn der Krise verbessert? Man kann der Krise nicht viel Positives abgewinnen, aber sie hat uns gezeigt, wo wir Defizite haben, und das ist leider auch bei der Digitalisierung so. Wir müssen uns nur erinnern, wie holprig das zunächst überall mit Video-Konferenzen und Homeoffice abgelaufen ist. Leider sind die vorhandenen Datenraten aber nach wie vor nicht befriedigend und unverlässlich. Der Grundausbau muss schneller vorangetrieben werden. Wien ist noch in einem ganz guten Zustand. Aber wenn man aus der Stadt rausgeht, wird das Netz immer dünner. Wir müssen eine leistungsfähige Infrastruktur für alle schaffen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. In einer Zeit, in der wir uns aus der Krise rausbewegen, wird es wichtig sein, in Maßnahmen zu investieren, die sinnvoll sind. Die Digitalisierung als Grundvoraussetzung für hochtechnisierten Standard gehört garantiert dazu.

Für welches zentrale Thema soll die Bundeshauptstadt in der Zukunft stehen? Ein Wort wird Wien nicht gerecht. Mir ist auch kein Bereich wichtiger als ein anderer. Denn es ist die Heterogenität der Wiener Wirtschaft, die den Einbruch weniger stark hat ausfallen lassen. Ich erachte die Heterogenität also als echten Vorteil. Aber natürlich gibt es auch echte Spitzenfelder in Wien. Es ist eine der großen Kongressstädte der Welt. Man muss daran arbeiten, dieses Business wieder anzukurbeln, auch mit hybriden Veranstaltungen. Konnektivität ist dafür wichtig. Egal, ob analog oder digital. Deswegen werden auch der Lobautunnel, die dritte Piste sowie der Breitbandausbau auf der Agenda bleiben. Ein anderes Spitzenfeld ist die Pharma-Branche. Der Gurgeltest ist zum Beispiel in Wien entwickelt worden. Durch ein Start-up, das hier ansässig ist, weil es ein gutes Ökosystem gibt. Auch Boehringer Ingelheim hat viele hundert Millionen in den Standort in Wien investiert. Weil es ein super Standort ist. Da darf man aber kein Hackerl druntermachen. Diese Stellung wollen wir ausbauen. Wichtig ist dabei auch die Mischung aus großen und kleinen Betrieben. Auf den Mix kommt es an. Hier gilt es nicht mit der Gießkanne, sondern gezielt zu investieren und zu stimulieren.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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