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Ein letzter Weckruf

27.11.2019

Wenn es nach Karl Theodor zu Guttenberg geht, muss Europa schleunigst zusammenrücken und Stärke zeigen – auch militärisch. Im Interview spricht der ehemalige deutsche Wirtschaftsminister über nationale Eitelkeiten, die Übermacht der US-Plattformkonzerne und sein Leben nach der Politik.

Karl Theodor zu Guttenberg

Sie waren deutscher Verteidigungs- und Wirtschaftsminister, heute leiten Sie in New York eine Investment- und Beratungsfirma. Aus der Zusammenschau dieser drei Positionen: Wie muss sich Europa positionieren, um global neben China und den USA eine entscheidende Rolle spielen zu können?
Eines vorweg: Ich bin davon überzeugt, dass sich Europa als starke Säule positionieren muss und beide Richtungen nicht aus den Augen verlieren darf. Ob das allerdings auch gelingt, wird davon abhängen, ob und inwieweit wir europäischen Zusammenhalt schaffen können. Denn dafür bräuchte es zunächst den Willen, den Antagonismus zwischen China und den USA sowie die daraus entstandenen Konfliktlinien als Chance für Europa zu begreifen. Wenn man Kapital aus dem Expansionsbestreben Chinas und der Renationalisierung der USA schlagen will, muss Europa selbstbewusster seinen einzigartigen Wirtschaftsraum mit über 500 Millionen Menschen nach außen tragen.

Und das halten Sie für wahrscheinlich?
Durchaus. Platt gesagt: Das Drama um den Brexit hat uns gezeigt, wie einstimmig Europa auftreten kann.

China, Russland und die USA verfolgen recht offen ihre geostrategischen Ziele. Bei der EU scheint man nach der gemeinsamen, konkreten roten Linie wesentlich länger suchen zu müssen. Wäre es an der Zeit, dass sich die EU eine geopolitische Agenda zulegt, die über Wirtschaftspolitik hinausgeht?
Definitiv. Die Chance für eine eigene geopolitische Agenda mit entsprechender Kraft ist gerade gegeben. Sich auf konkrete Ziele zu einigen, ist aber ein Prozess, der ein erhebliches Maß an Geduld benötigt, aber auch einer Portion Mut bedarf.

Von wem?
Von allen tatsächlichen und selbsternannten Führungskräften Europas. Ein beispielsweise wirklich entscheidender Faktor liegt darin, das Einstimmigkeitsprinzip in außen- und sicherheitspolitischen Fragen zu beerdigen. Daran festzuhalten, ist absurd. Entsprechend kontrovers wird darüber diskutiert. Ich halte auch die Idee europäischer Streitkräfte für verfolgenswert. Dafür müssen aber nationale Eitelkeiten überwunden werden. Und es stellt sich die Frage, welche Länder vorangehen können.

Welche Länder sehen Sie in dieser Rolle?
Theoretisch jedes einzelne. Frankreich hat sich mit Emmanuel Macron bereits aufgeschwungen, diese Debatte zu führen. Ich würde mir wünschen, dass auch aus Deutschland mehr Impulse dazu kommen. Wobei man dafür einige nachvollziehbare historische Komplexe überwinden müsste.

Wie realistisch ist aus Ihrer Sicht eine Europäische Union, die in absehbarer Zeit wirklich an einem Strang zieht?
Gerade wegen der Entwicklungen in China und den USA habe ich die Hoffnung, dass dieser letzte Weckruf nun auch gehört wird. Ich hoffe, dass eine neue Kommission mutig voranschreitet und dass kein Defätismus aufkommt. Die Voraussetzungen sind jetzt gar nicht so schlecht.

„Viele Unternehmen befassen sich zu wenig mit geopolitischen Befindlichkeiten.“

Egal, ob man China, Afrika, die USA oder den Mittleren Osten betrachtet: Die Welt ist unruhig und komplex geworden. Wo lauert aus Ihrer Sicht die größte Gefahr?
Wir schlittern gerade weltweit in eine geopolitische Rezession. Es gibt kaum ein Feld, das momentan nicht negativ tendiert. Das ist noch kein Kollaps. Noch kann man an Stellschrauben drehen, doch Europa darf sich nicht aus seiner Verantwortung stehlen. Ein Beispiel: Afrika ist unsere unmittelbare Nachbarschaft. Auf dem Kontinent leben künftig bis zu 40 Prozent der Weltbevölkerung. Sich nicht zu engagieren und den Kontinent den Chinesen zu überlassen, wäre fahrlässig. Ähnliches gilt für den Nahen und Mittleren Osten mit den Einflusssphären Russlands und der USA. An die großen außen- und sicherheitspolitischen Fragen sind die europäischen Interessen anzulegen. Mit Passivität kommen wir nicht weiter. Momentan haben wir ein Machtvakuum, das andere ausfüllen. Da sollten wir uns nicht heraushalten.

Aktuell geraten sehr unterschiedliche Auffassungen von Demokratie und Ökonomie aneinander, während der Klimawandel viele Grundlagen verändert. Sehen Sie Europa mit Ideen wie der ökosozialen Marktwirtschaft als Vorreiter gefragt?
Selbstverständlich. Europa wäre allein durch seine Erfahrungen mit sehr unterschiedlichen Systemen und Krisen aller Art prädestiniert als globaler Taktgeber.

Warum steht Europa dann aber ständig nur am Rand des Geschehens?
Weil es zunächst nötig wäre, einige totgeschwiegenen Realitäten anzuerkennen.

Zum Beispiel?
Dass wir ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten und der konzentrischen Kreise etabliert haben. Das ist kein Nachteil. Es sei denn, man versucht einen anderen Traum zu leben und – wie geschehen – in den Verträgen abzubilden. Die Realität entspricht einfach nicht den Vorgaben. Wenn man die Wirklichkeit aber zu begreifen bereit ist, kann mit kluger Führung ein neues Machtfeld entstehen. Der Ansatz unterschiedlicher Geschwindigkeiten und das Voranschreiten mancher Protagonisten schließt die künftige Mitnahme anderer ja nicht aus. Im Ergebnis würden mehr Impulse gesetzt, und wir könnten auch stärker gegenüber jenen auftreten, die uns klein halten wollen.

So theoretisch und philosophisch solche Diskussionen auch immer klingen: Geopolitische Entwicklungen wirken sich heute auch rasch über globale Wertschöpfungsketten ganz real auf einzelne Unternehmer aus. Ist das noch zu wenig durchgedrungen?
Es ist wahr und ebenso wahr ist, dass sich viele Unternehmen zu wenig mit geopolitischen Befindlichkeiten befassen. Weil sie glauben, dass sie mit einem traditionellen Weltbild erfolgreich sein können. Doch das ist ein Trugschluss. Unternehmen müssen sich der Komplexität stellen. Sie müssen genauer prüfen, ob ihr Geschäftsmodell den Risiken der globalen Veränderungen gewachsen ist. Die Veränderungen erfolgen rasant, und vieles wird schwieriger zu verstehen, doch man darf sich nicht wegducken.

Wie begegnen Sie diesen Herausforderungen mit Ihrer Investmentfirma?
Wir konzentrieren uns auf Beratung und Investition. Zunächst liegt der Schwerpunkt auf der Beratung von Unternehmen, und wenn beide Partner sich gut genug kennen und eine gemeinsame Risikominimierung erfolgt ist, investieren wir auch selektiv. Dabei fokussieren wir uns auf Technologieunternehmen, die an der Erfolgsschwelle stehen, bei denen Internationalisierung ein Thema ist und die potenziell und verantwortungsvoll eine hohe Wirkung über unterschiedliche Kulturkreise erzielen. Häufig haben die Geschäftsmodelle mit Künstlicher Intelligenz, der Blockchain, Big Data Analytics oder IoT zu tun. Wir beraten aber auch etablierte Unternehmen, die komplexen geopolitischen und technologischen Sachverhalten ausgesetzt sind.

Sie betonen immer wieder die Macht beziehungsweise die Übermacht der Plattformkonzerne, die Europa noch nicht einmal einheitlich besteuert. Welche Rolle haben Konzerne wie Alphabet heute im Vergleich zu Staaten?
Diese Konzerne haben eine globale Wirkkraft entfaltet, die auch in klassisch politische Handlungsfelder eingreift. Ich spreche gerne von einer Entwicklung von Government zu Googlement. Das Gleiche gilt natürlich auch für Apple oder Amazon, die Schritt für Schritt traditionell staatszentrierte Einflussfaktoren unternehmensbasiert machen.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Facebook versucht gerade, mit einer eigenen Währung in einem Kernbereich staatlichen Handelns Einfluss auszuüben. Da fragt man sich, wie laut der Wecker noch schrillen muss, bis wir aufwachen. Darüber hinaus darf man auch den monetären Machtfaktor der Unternehmen, die auch viel Gutes schaffen, nicht unterschätzen. Alphabet hatte 2017 mit knapp 111 Milliarden Dollar einen höheren Umsatz als das BIP der Ukraine. Facebook hat eine Anzahl von Kunden, die einer Bevölkerung von 2,6 Milliarden Menschen entsprechen würde. Das zeigt ein enormes Einflusspotenzial. Daraus erwächst Europa die Verantwortung, konzeptionelle Fragen zu beantworten.

Verliert das Denken in nationalen oder geografischen Blöcken durch solche Player an Berechtigung?
Den großen globalen Kolossen aus den USA stehen mittlerweile auch riesige Unternehmen aus dem chinesischen System gegenüber. Alibaba erreicht locker eine Milliarde Menschen. Gekoppelt mit der neuen Seidenstraße können asiatische Konzerne schon bald eine ähnliche Marktmacht wie die US-Giganten entfalten. Ob man das Blöcke nennen kann, dabei bin ich vorsichtig. Aber da prallen zwei Systeme aufeinander. Und das bringt mich auch zu der künftigen Rolle Europas. Man kann zerrieben werden oder sich entscheiden, eine eigene Brücke zwischen den Systemen zu schlagen. Um das Internet lässt sich keine Mauer bauen. Dafür ist das System zu porös. Auch das chinesische, in dem Kontrolle eine extrem große Rolle spielt.

In Nordamerika wird nach wie vor ein Großteil der Technologie entwickelt, die in Europa angewendet wird. Woran liegt es, dass die USA in so vielen Bereichen die Nase vorne haben?
Bei neuen Technologien hilft ihnen ihre ausgeprägte Risiko-Kultur. Dazu zählt ein produktiver Umgang mit dem Scheitern. Das Thema ist nicht hämisch stigmatisiert. Oftmals wird es als Erfahrungswert gelebt. Und man darf nicht vergessen, dass die USA im Vergleich zu Europa als Bundesstaat anders agieren können. Der Schluss, den ich daraus ziehe? Ich glaube, dass eine positivere Risikobereitschaft und mehr VC für junge Unternehmen wichtig wären. Mir gefällt auch die Idee eines Europa european sovereign wealth funds, den wir dringend bräuchten, um nicht abgehängt zu werden. Wir müssen die guten Ideen aus den exzellenten Köpfen, die wir haben, schon nützen.

Hand aufs Herz: Hat Europa im Wettlauf um die technologische Vormachtstellung überhaupt noch eine realistische Chance?
Europa hat eine realistische Chance Adaptionsweltmeister zu werden. Wir müssen nicht alles neu bauen. Es geht vielmehr darum, eine gelungene Symbiose von neuen Technologien und traditionellen Industrien wie etwa dem Maschinenbau zu schaffen. Da müssen wir uns nicht verstecken. Auch wir können uns an die Spitze vieler Stränge der Automatisierung stellen. Der Zug ist lange nicht abgefahren, auch nicht bei der Marktführerschaft in Feldern der Künstlichen Intelligenz oder bei den Potenzialen der Blockchain. Ein wesentlicher Schlüssel liegt in der smarten Kombination.

Haben Sie ein Beispiel?
Denken wir an KI und Daten- Sicherheit, eine Kombination von all-in-one Software und Infrastruktur. Hier setzt zum Beispiel eine junge, von Europäern gegründete Firma gerade Maßstäbe. Das ist ein Schlüsselelement einer zukünftigen Stärke. Ja, wir haben eine gewisse Obsession im Datenschutz. Die DSGVO, die in Europa entwickelt wurde, wird aber nun auch in den USA umgesetzt. Und umgekehrt: Wer Daten schützt, darf den Datenschatz nicht vergessen. Darauf kann man mit neuen Entwicklungen aufsetzen. Da sind wir aber noch im Aufholprozess.

Die Konjunktur stottert in Deutschland, was auch Österreich gewaltig betrifft. Ein langfristiger Trend?
Wenn ich eine Kristallkugel hätte, würde ich mich damit in ein Zelt setzen und Geld dafür verlangen. Aber im Ernst: manche sehen darin eine lange erwartete Marktkorrektur. Die Dauer wird sich daran bemessen, wie sich die globalen Handelskonflikte weiterentwickeln. Sie können aber noch länger dauern, und da stellt sich die Frage, wie wir dem begegnen. Mit Blick auf Deutschland wird viel daran liegen, ob man etwa in moderne Infrastruktur investiert oder in alten Strukturen und Mustern denkt.

Wie ist Ihre Einschätzung aus den USA: Schafft Trump eine zweite Amtszeit?
Ich hoffe, er schafft keine mehr. Aber ausgeschlossen ist es nicht. Er hat den politischen Skandal durch seine Inflationierung entwertet. Auch wenn er es nicht mehr sein wird, wird es lange dauern, bis die gesellschaftliche Spaltung in den USA überwunden ist. Und bis Dinge wieder geglättet sind, die auf die Spitze getrieben worden sind – das betrifft auch die Handelskonflikte.

Sie haben beim Forum Alpbach gesagt, dass Sie in der Wirtschaft mehr Wirkkraft als in der Politik entfalten können. Müsste das unserem System nicht generell zu denken geben?
Es muss mir zu denken geben, wie wirkungslos ich in der Politik war. (lacht) Generell muss man schon sagen, dass die Attraktivität der Parteienstrukturen nachgelassen hat. Das gilt für Deutschland, aber auch für andere Länder und die USA. Gute Köpfe aus der Wirtschaft, die bereit sind, das Risiko zu nehmen, werden nur sehr schwer zu finden sein. Das Zweite, was mir aufgefallen ist und was heute noch dramatischer ist, ist die Diskrepanz, was die Geschwindigkeit bei Entscheidungsprozessen anbelangt. In Zeiten, in denen man zu Reaktion gezwungen ist, in denen sich Technologie extrem schnell entwickelt, dürfen Abstimmungen nicht zwei Jahre oder Jahrzehnte dauern. Da muss man sich schon fragen, ob Teile des Systems reformbedürftig sind.

Wäre es denkbar, dass Sie in die Politik zurückkehren und entsprechende Reformen anstoßen?
Ich glaube, viele freuen sich darüber, wenn ich weiterhin Nein sage.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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