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E-Commerce: Alles immer gleich und jetzt

23.11.2017

Das E-Business wächst weiter stark an. Online-Kunden erwarten sich rascheste Lieferung und besten Service. Wie Logistikdienstleister Handel und Industrie dabei unterstützen können.

Frank Appel

TEXT: JOHANNES TOMSICH

Die „Logistics Hall of Fame“ bekommt jedes Jahr ein neues Mitglied. Dieses Jahr ist dies Jeff Bezos, der Gründer und CEO von Amazon. Sein Unternehmen setzte im Jahr 2016 Waren im Wert von ca. 116 Mrd. Euro um. Doch Amazon ist nur die Spitze des Eisbergs. Das E-Business kommt laut Experten erst so richtig in Fahrt, und zwar in jedem Produktsegment.

Eine Studie von EHI und Statista.com bestätigt den fortschreitenden Wachstumskurs. Die Top-100-Onlinehändler aus Österreich und der Schweiz wurden darin analysiert. Demnach erwirtschafteten die 100 stärksten heimischen Online-Händler im vergangenen Jahr 2,1 Mrd. Euro Umsatz. Das Wachstum dieser Unternehmen, die laut Studie fast ein Drittel der gesamten Online-Umsätze des jeweiligen Landes erwirtschafteten, lag 2016 bei rund 9 %, 2015 bei 9,9. Das Umsatz-Ranking wird angeführt von Generalisten (siehe Grafik „Top 10 Online-Shops in Österreich“). amazon.de, zalando.at und universal.at dominieren mit 42,3 % des Gesamtumsatzes den Markt in Österreich. Die Fashion-Anbieter sind mit 24,2 % die zweitstärkste Branche, gefolgt von der Unterhaltungselektronik mit 17 %. Möbel und Haushalt liegen bei einem Anteil von 3,1 %, und der Anteil der Lebensmittel-Online-Shops nur mehr bei 1,7 %.

Auch laut Andreas Froschmayer, Director Corporate Development, Strategy & PR des Logistikdienstleisters Dachser, erlebt der Handel tiefgreifende Veränderungen: „Die Kunden nutzen heute bereits alle Kanäle, stationär und online.“

DER LANGSAMERE VERLIERT

Der Trend zum Online- Shopping hat große Auswirkungen auf die Logistik: Es werden immer kürzere Zustellzeiten erwartet, weshalb sich alle Abläufe in der gesamten Supply-Chain beschleunigen müssen. Das stellt neue Anforderungen sowohl an den Transport als auch an die Lagerhaltung, die wieder dezentraler wird. Aufgrund von Omni-Channel-Konzepten müssen Waren vielfach zusätzliche Wege zurücklegen, so Froschmayer, und die Prozessanforderungen an allen Stationen entlang der Supply-Chain steigen, sowohl beim Handel als auch beim Logistikdienstleister. Im Lager müssen Prozesse ebenso schneller und sicherer ablaufen, wie Markus Schmermund, Vice President Intralogistics von Linde Material Handling, bestätigt, denn sowohl die Artikelvielfalt als auch die Lagerbestände steigen.

Der E-Shopping-Kunde erwartet seine Ware noch am selben Tag der Bestellung, spätestens aber in 24 Stunden. Für das Marketing der Online-Handelsunternehmen scheinen die schnelle Lieferung und höchste Flexibilität eine große Rolle zu spielen. Das Credo lautet: „Der Langsamere verliert.“

Für Intralogistik-Spezialisten wie Linde ist das eigentlich ein sehr gutes Geschäft, wie Schmermund bestätigt. Lagerkapazitäten werden maximiert, Durchlaufzeiten minimiert, vielfach mit jeder Menge neuer Technologie, IT und Automatisierung. „Das geht nur mit einem modernen Bestandsmanagement und einer durchgängigen Vernetzung sowohl intern als auch extern zur lückenlosen Verfolgbarkeit der Waren“, so Schmermund, der damit die Schwierigkeit auf den Punkt bringt. Ähnlich sieht das auch Christina Hainbuchner, Head of Corporate Communications & Marketing vom Logistikdienstleister cargo partner: „Das Informationsmanagement wird immer wichtiger, der Logistiker übernimmt die Verantwortung für den Informationsfluss zwischen allen an der Wertschöpfungskette beteiligten Akteuren.“

Eine weitere Herausforderung stellt sich für Paketdienste, deren Transportvolumina starken saisonalen Schwankungen unterliegen. Laut Rainer Schwarz, Geschäftsführer von DPD Österreich, treibt das E-Business diesen Effekt allerdings noch weiter an. Von DPD werden rund um Weihnachten zwölfmal so viele Pakete ausgeliefert als sonst.

Frank Appel, Deutsche Post DHL „Besser man mischt selbst im Plattformbusiness mit, als man sieht zu.

Für Frank Appel, den Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Post DHL, sind „E-Commerce-Logistik“ und das Thema „On- Demand-Lieferung“ (Lieferung auf Abruf) Chancen und Herausforderungen zugleich. Um als Konzern das hohe Entwicklungstempo kleiner agiler Start-ups mitzugehen, hat der weltgrößte Logistikdienstleister Saloodo gegründet, eine jener digitalen Frachtplattformen, die derzeit einige Logistikdienstleister gehörig unter Druck setzen, auch DHL selbst. Laut Appel kann man sich bestimmter, disruptiver Entwicklungen aber nicht erwehren – besser, man mischt also selbst mit und lernt daraus, als man sieht zu. Diese Botschaft kam bei seinem Eröffnungsvortrag zum diesjährigen Deutschen Logistik Kongress in Berlin zutage. Nach der Gründung von Saloodo im Januar 2017 haben sich sofort mehrere tausend Transportunternehmen darauf registriert. DHL mischt somit im Plattform- Business selbst mit, erhält außerdem eine Benchmark zur Branche und wird indirekt auch zum Auftraggeber seiner Mitbewerber. Und es ist vor allem Tempo gefragt. Saloodo richtet sich an B2BUnternehmen mit kurzfristigem Versandbedarf sowie KMU, die für Komplettladungen, Teilladungen und Stückguttransporte attraktive Angebote finden wollen. Die auf Saloodo registrierten Fracht- und Speditionsunternehmen können manche Leer- oder Halbleerfahrt vermeiden, indem sie noch das eine oder andere Gut mitnehmen, natürlich nur, sofern der Preis stimmt. Mit der Plattform findet also die „Geiz-ist-Geil-Philosophie“, die ihren Ursprung bei einer deutschen Elektro-Handelskette im Endkundensegment fand, ihre logische Fortsetzung im Logistikbusiness.

IT- UND ANDERE NEUE SERVICES UMGESETZT

Die durchgängige Vernetzung vom Hersteller zum Handel bis zum Endkunden und eine lückenlose Verfolgbarkeit der Waren – das ist es, was manchen Logistikern Kopfzerbrechen bereitet. Andere haben sich rechtzeitig darauf vorbereitet, wie etwa cargo partner. Ihre Kommunikationsplattform nennt sich „SPOT Visibility & Collaboration“. Alle Teilnehmer der Lieferkette – von den Lieferanten über die Frachtführer bis hin zum Kunden – sind eingebunden. Laut Hainbuchner erleichtere dies gravierend die Kommunikation und Hilfe, um beispielsweise Zollprozesse zu vereinfachen. „Darüber hinaus unterstützen wir die wachsende E-Commerce-Branche mit flexiblen E-Warehouse- und Webshop-Lösungen von der Lagerhaltung über den Versand bis hin zu Online-Zahlungsmethoden. Mit SPOT haben Kunden in Echtzeit Zugriff auf ihre Bestände und Warenbewegungen. Sie können jederzeit Bestellungen auslösen und Reports ziehen, um zu sehen, welche Artikel stark gefragt sind oder was nachbestellt werden muss. So kann die Kapitalbindung im Lager minimiert werden.“

Österreichs größter Sanitärgroßhändler SHT/ÖAG hat aufgrund seiner Größe eine eigene Logistiktochter gegründet, die Fraunthal Service. Die Strategie erklärt Wolfgang Knezek, Vorstand der Frauenthal Service: „Mit E-Business tritt noch einmal eine Beschleunigung auf, die aber auch gute Chancen am Markt bietet, wenn man das Spiel beherrscht“. Er beherrscht das Spiel: Mithilfe der eigenen Zustell-App „2U“ konnten laut Knezek bereits viele Kunden von der Leistungsfähigkeit des Unternehmens, das in erster Linie im B2B-Segment tätig ist, überzeugt werden.

Dass sich der Trend auch bei den wesentlichen Branchenplayern aus der Logistik niederschlägt, ist wenig verwunderlich. So nimmt man etwa bei Kühne+Nagel (K+N) für sich in Anspruch, einer der ersten Logistikdienstleister mit eigener ECommerce- Plattform gewesen zu sein. Sendungen können mit „KN Freightnet“ online quotiert, gebucht, verfolgt und verrechnet werden. „Dies funktioniert fast ident, wie man das von der Buchung von Flügen kennt“, so Franz Braunsberger. Stolz sei man bei K+N darauf, dass mit dieser Lösung auch der weltweit größte Online- Marktplatz der Welt „alibaba.com“ seine Transporte organisiert. Natürlich nützen dies aber auch viele Kunden in Österreich. Bei K+N fließen auch Positionsdaten der Schiffe und Daten über Wetterverhältnisse in die Logistiksteuerung ein. Ein weiteres Beispiel für die Anpassung an die neuen Bedürfnisse bietet Gebrüder Weiss. Das Unternehmen hat seine Services zum Thema E-Commerce unter dem Produktnamen „GW pro.line home“ gebündelt. Produkte ihrer Kunden werden damit nicht nur von ein bis zwei Mann angeliefert, sondern auch installiert. Aber „GW pro.line home“ steht auch für Services rund um Beratung zu E-Commerce-Lösungen, Webshops, Zahlungsmanagement, Lagerung, Analysen und Reportings.

Und auch für den Kurier Express Paket-Dienst DPD hat die laufende Erweiterung unterschiedlicher Online-Anbindungen höchste Priorität. Eine „Empfängerplattform“, in der alle Services und Infos rund um das Paket zusammenfließen – die Paketshop-Suche, ein Echtzeit-Tracking und neue Services wie eine „Umverfügung“ – befindet sich aktuell in Entwicklung.

WOHIN MIT DEN DATEN?

Nun kommen mit der Fülle an Daten wiederum sowohl für den Handel als auch für deren Servicepartner neue Herausforderungen zu. Mit der neu gewonnen Menge an Kunden- und Logistik-Daten muss entsprechend vorsichtig umgegangen werden. Das hauseigene Rechenzentrum ist darauf in vielen Fällen kapazitativ nicht ausgelegt, häufig fehlt auch eine entsprechende Software. Cloud- Lösungen – wie sie übrigens auch von Amazon angeboten werden – bringen nur zum Teil Abhilfe, denn das Vertrauen dazu hält sich noch in Grenzen. Doch eine neue, mehr sicherheitsversprechende Technologie steht bereits am Start: Blockchain. Jedoch scheint es so, als hielten sich nicht wenige Datenwolken- Anbieter noch weitestgehend mit der Vermarktung von Blockchain zurück, denn diese könnte das Geschäft mit der Cloud großteils kannibalisieren. Aber das Business rund um die Daten ist nicht mehr aufzuhalten. Und besser man ist dabei und lernt, als man sieht nur zu.

Autor
Johannes Tomsich

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