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Einmal Radikalkur, bitte: WK-Wien-Präsidentin Jank über Bildungspolitik.

„Durchaus OK“

26.09.2012

Die Präsidentin der Wirtschaftskammer ortet im Sommergespräch mit dem Wirtschaftsverlag eine positive Grundstimmung bei den Wiener Betrieben. Sie nimmt Stellung zu den Themen Gesamtschule, Sonntagsöffnung, Verkehrspolitik und Infrastruktur. Und sie verrät, wo sie zum Clubbing hingeht.

Interview: Stefan Böck

 

Frau Präsidentin, wie geht es der Wiener Wirtschaft?

Bis zur Jahresmitte waren die Aussichten durchaus OK. Leider haben die Wirtschaftsforscher die Erwartungen für das restliche Jahr zurückgenommen.

 

Wie geht es den Klein- und Mittelständischen Unternehmen?

Die Anpassungsfähigkeit dieser Unternehmen ist enorm hoch. Ich orte dort keine negative Grundstimmung. Wir arbeiten derzeit mit der Stadtregierung an weiteren bürokratischen Vereinfachungen, denn gerade bei kleineren Betrieben bleiben diese Dinge beim Unternehmer selbst hängen. Wir sind auf einem guten Weg.

 

Was möchten Sie heuer noch erreichen?

Rücknahmen und Verbesserungen in der Gebührenfrage. Hier muss es Nachjustierungen geben, denn die derzeitige Gebührenlawine ist ohne jede Diskussion mit der Wirtschaft im Gemeinderat durchgesetzt worden. Jene Gebühren, die noch nicht beschlossen wurden, aber noch ins Haus stehen, müssen fair, verträglich, leistbar und verständlich gestaltet werden. Nachjustierungen dürfen sich im Wesentlichen nur an der Indexanpassung orientieren. Eine Gebühr darf keine getarnte Steuererhöhung sein.

 

Sie haben vor Kurzem in einer Aussendung geschrieben: „Das Schulsystem krankt an allen Ecken und Enden: Jetzt hilft nur noch eine Radikalkur.“ Wie soll die denn aussehen?

Beginnend im Kindergarten und in der Volksschule muss es unser Ziel sein, die jungen Menschen so vorzubereiten, dass sie nach der Pflichtschule die im Lehrplan festgelegten Ziele auch tatsächlich beherrschen. Auf dem Weg dorthin darf uns niemand verloren gehen. Das ist derzeit nicht gegeben.

 

Woran liegt das?

Jeder der es nur irgendwie schafft, bleibt im schulischen System. Immer weniger gehen in eine berufliche Ausbildung, dabei leistet diese enorm viel. Im Gegensatz zur Pisa Studie erzielen wir bei Berufsweltmeisterschaften regelmäßig Spitzenplätze. Die Berufsausbildung funktioniert bei denen, die die Voraussetzungen mitbringen, ausgezeichnet. Sie verlangt den jungen Menschen viel mehr ab als eine AHS-Matura und ist entsprechend anspruchsvoll. Schön und gut, aber die wenigsten Eltern streben für ihre Kinder einen Lehrberuf an. Alle wollen ins Gymnasium. Genau hier liegt das Problem. Wir tappen in die Akademikerfalle. Es heißt immer, Österreich hätte zu wenige Akademiker, es kommt aber darauf an, wie man das zählt. Wenn sie heute in Frankreich eine Baumeisterprüfung haben, können sie über wenige Zusatzkurse einen akademischen Grad erwerben. In Deutschland ist das ähnlich. Warum bewegt sich Österreich nicht in diese Richtung? Dann würden Eltern die Berufsausbildung ganz anders sehen, denn gemessen am vermittelten Wissen und Können sowie an den sich bietenden Chancen ist das Duale System spitze.

 

Konterkariert hier die Bildungspolitik der ÖVP nicht die Bedürfnisse der Wirtschaft?

Das sehe ich nicht so. Die Frage ist, ob man mit der Gesamtschule die Ausbildung nach unten nivelliert. Das ist die Sorge der Eltern. In Wien ist das besonders stark, denn hier haben wir einen sehr großen Unterschied zwischen Hauptschule und Gymnasium. Das, was wir brauchen ist Individualisierung. Junge Menschen müssen nach ihren Talenten ausgebildet und gefördert werden. In welches Gebäude sie hineingehen und welches Schild auf dem Gebäude steht, ist zweitrangig.

 

Ist jungen Menschen der Karrierepfad von der Lehre über den Meister zum selbständigen Unternehmer klar genug?

Ich fürchte es ist ihnen deshalb zu wenig klar, weil es innerhalb der Familien zu wenig Bereitschaft gibt, sich damit auseinanderzusetzen. Wir haben deshalb in den Schulen gemeinsam mit dem Stadtschulrat seit heuer ein neues Werkzeug angeboten, das es jungen Menschen ermöglicht, die eigenen Stärken und Schwächen besser kennen zu lernen. Oftmals wissen die Schüler gar nicht, welche Berufe es überhaupt gibt. Fast immer orientieren sie sich an den aus der Familie bekannten Rollenbildern. Bei den Mädchen ist das besonders schlimm. Da bremsen die Väter durch ein falsches, veraltetes Frauenbild die Entwicklung. Wir hoffen, dass unsere Bemühungen in einigen Jahren zu sichtbaren Veränderungen führen.

 

Manche Vorzeigebetriebe können sich vor Lehrstellenbewerbern kaum retten, andere tun sich schwer, gute junge Leute zu bekommen. Was tun Sie, um diesen Betrieben zu helfen?

Große Betriebe sind oftmals aus den Medien bekannt. Für KMU ist es viel schwieriger sich an interessierte Jugendliche zu wenden. Wir haben begonnen, Unternehmen und Schulen in Form von Schnuppertagen stärker zusammenzuführen. Es ist auch für die Lehrenden enorm wichtig zu sehen, wie ein Unternehmen eigentlich funktioniert. Wer das nie erlebt hat, kann es auch nicht vermitteln. Wir arbeiten mit den Pädagogischen Hochschulen zusammen, um insgesamt mehr Wirtschaftsinformation in die Lehrpläne zu bekommen.

 

Sind die Berufsbilder noch zeitgemäß und werden sie schnell genug an moderne Bedürfnisse angepasst?

Im Bereich der Berufsschulen könnte man da nachjustieren. Da braucht es vielmehr Dynamik um mit der tatsächlichen wirtschaftlichen Entwicklung Schritt zu halten.

 

Warum dauert es so lange, bis ein neuer Beruf definiert ist? Bremsen da die Innungen?

Dort, wo es um die dualen Ausbildungsbereiche geht, wirken Schule und Berufsvertretung zusammen. Es gibt viele Beispiele, wo diese Zusammenarbeit hervorragend klappt. Leider gibt es da und dort manchmal Schwierigkeiten. Den Lehrplan selbst kann die Wirtschaft nicht unmittelbar beeinflussen. Da braucht es auf der politischen Ebene mehr Beweglichkeit und Geschwindigkeit.

 

Ist die derzeitige Zuwanderungspolitik ausreichend, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Mit der Rot-Weiß-Rot-Card wurden mit Sicherheit die richtigen Weichen gestellt um qualifizierte Menschen nach Österreich holen zu können. Es ist aber schade, dass wir pro Jahr 40.000 Zuwanderer bei gleichzeitig 30.000 Abwanderern haben. Während vorwiegend Bestausgebildete abwandern, haben wir noch nicht die hochqualifizierte Zuwanderung, die wir brauchen. Darauf müssen wir unser Augenmerk legen.

 

Wenn Sie in einigen Jahren über die Mariahilferstraße gehen: wie soll sie aussehen?

Sie soll, wie heute bereits, DIE größte Einkaufsstraße Österreichs und weit darüber hinaus sein, und zwar samt ihren Nebenstraßen, wo sich ja ebenfalls viele Betriebe befinden. Wir waren im Diskurs mit der Stadt und den Bezirken schon an einem vernünftigen Punkt angelangt, doch dann wurde zurück an den Start gegangen. So gibt es heute völlig neue Vorschläge, die wir so nicht goutieren werden.

 

Gibt es eine Faustformel für wirtschaftstaugliche Verkehrspolitik in einer Großstadt?

Gute Verkehrspolitik muss sicherstellen, dass die Kunden und Lieferanten zu den Unternehmen kommen können.

 

Mit dem Auto?

Unterschiedlich. Es gibt da keine einseitige Betrachtungsweise. Man muss aber für jene Einkäufe, die man normalerweise mit dem Auto macht, die Möglichkeit haben, das auch zu tun. Das ist wichtig, um unser breites Einkaufsstraßensystem in die Zukunft zu führen. Wir wollen keine weiteren Konzentrationen in Form von Zentren, weil dadurch der Rest ausdünnt. Wien ist ja deshalb so lebenswert, weil wir das breite Grätzel- und Straßensystem haben. Um das zu pflegen, muss man die Erreichbarkeit gewährleisten. Natürlich auch mit dem Auto. Wenn man dreimal im Kreis gefahren ist, und das bestätigen uns Untersuchungen, weicht man entweder in ein Zentrum aus oder kauft nichts. Beides ist nicht wünschenswert.

 

Reagiert die Stadt richtig und schnell genug auf Trends in der Mobilität?

Ich orte bei keiner Bevölkerungsgruppe ein stures Verhalten zum Thema Mobilität, im Gegenteil: Die Leute sind offen für notwendige Veränderungen. Was sie aber nicht wollen ist ein verordneter Tunnelblick auf einen Lösungsansatz. Es wird versucht zu polarisieren, und das ist ungeschickt.

 

Welches sind die wichtigsten Infrastrukturprojekte für Wien?

Der Lobautunnel ist wirklich wichtig und ich wünsche mir hier vielmehr Druck der Stadtregierung auf den Bund. Beim Thema Logistik besteht seitens der Wirtschaft die Bereitschaft im Bahnbereich mehr zu tun. Wien könnte ein Logistikhub werden, wo bestimmte Waren von Asien nach Europa umgeschlagen werden. Wir haben mit dem Wiener Hafen bereits einen guten trimodalen Verteiler. Leider wurden, und das ist ein Fehler der Stadtpolitik, durch Wohnbauten weitere Entwicklungsmöglichkeiten versperrt. Was wir weiters dringend brauchen ist die gute Anbindung des Stadtentwicklungsgebietes Aspern. Die U-Bahn ist bereits dort, gut so. Aber die Anbindung an die Autobahn im Norden fehlt.

 

Die U5 ist in den Sommermonaten wieder einmal in den Medien aufgetaucht…

…das wäre eine ganz wichtige Sache, keine Frage.

 

Sollte die Stadt derartige Projekte angehen, um die Konjunktur anzukurbeln?

Große Infrastrukturprojekte sind immer Konjunkturmotoren. Es kann aber nicht darin münden, dass man die Aufbringung der Mittel der Wirtschaft überwälzt. Da muss es andere Mechanismen geben und Wien hätte enorm viel Potential, um die Finanzierung solcher Konjunkturprojekte sicher zu stellen. Es braucht Ideen und Umsetzungskraft, um die Konjunktur zu stärken.

 

Das klingt ein wenig nach Francois Hollande?

(lacht) Wenn man weiß, dass man Mittel benötigt, um der Konjunktur einen Schub zu verpassen muss man zusehen, wo man diese Mittel durch Einsparungen und Umschichtungen generieren kann. Erhöhung des Steuer- und Abgabenaufkommens ist mit Sicherheit der falsche Weg. Wir haben in Wien jede Menge Einsparungsmöglichkeiten, die allesamt Tabu zu sein scheinen. Durch Privatisierungen etwa ließen sich viele Finanzmittel generieren.

 

In Österreich sind Großprojekte nicht selten ein Fall für den Korruptionsstaatsanwalt. Sind korruptionsfreie Infrastrukturprojekte in Wien möglich?

Das ist absolut möglich. Ich sehe Korruption nicht als ein vordergründiges Problem. Ich erkenne ein anderes Problem: man sieht den Kosten nicht ins Auge und bedenkt nicht, dass diese natürlich steigen, je länger ein Projekt dauert. Kein Unternehmer kann über mehrere Jahre einen Preis unverändert halten. Wichtig wäre auch, die Planungen bis ins Detail durchzuführen und erst dann mit dem Bau zu beginnen. Leider hat sich oft genug gezeigt, dass sich während des Baus Kostensteigerungen durch Umplanungen ergeben. Wir brauchen von Anfang an Kostenwahrheit und die Politik muss der Bevölkerung auch klar sagen, wie viel ein Projekt tatsächlich kosten wird, dann gibt es hinterher keine Aufregung.

 

Sind Sie ausreichend nahversorgt mit Lebensmittelgeschäften?

Wien ist generell ausreichend nahversorgt mit einem breiten Angebot. Wenn, dann mangelt es an Unterschiedlichkeit, weil das Angebot der großen Lebensmittelketten ein letztendlich sehr uniformes ist. Der individuelle Händler ist zurückgedrängt worden und existiert heute in Form von Spezialgeschäften mit ethnischen Produkten. Unterversorgt sind wir mit Sicherheit nicht.

 

Was sagen Sie zum jüngsten Vorstoß von Richard Lugner in Sachen Sonntagsöffnung?

Die Handelsstruktur wie wir sie haben, ist zu schützen. Man muss verstehen, dass ein Betreiber eines Einkaufszentrums andere Interessen hat, als die dortigen Händler. Die Schönheit Wiens ist auch durch die breiten, belebten Geschäftsstraßen geprägt. Die Inhaber kleiner Betriebe haben verständlicherweise kein Interesse daran, sieben Tage die Woche im Geschäft zu stehen. Sie können sich, wenn sie Mitarbeiter haben, auch aufgrund der hohen Lohnkosten eine Sonntagsöffnung oft nicht leisten. Erst wenn die große Mehrheit der Händler sich die Sonntagsöffnung wünscht, werde ich mich dafür einsetzen. Solange das nicht der Fall ist, setze ich mich dafür ein, dass jeder Mensch, auch der Unternehmer, sein Leben so führen kann, wie das auch sonst jedem Mitarbeiter zusteht und zu dem ein freier Tag pro Woche gehört, um durchzuatmen.

 

Funktioniert die Koordination zwischen Wien und Niederösterreich für Großflächen vor den Toren der Stadt ausreichend gut?

Es war eine Zeit lang gar nicht koordiniert. Mittlerweile hat Niederösterreich auch für sich erkannt, dass das Zulassen von großen Zentren auch das Ausdünnen und Aushungern in Niederösterreich selbst bewirkt. Das Zentrum in Gerasdorf wirkt bis ins Waldviertel hinein. Das politische Verständnis ist mittlerweile soweit ausgeprägt, dass man weiß, dass das keine gute Entwicklung ist. Daher gehe ich davon aus, dass weitere großflächige Zentren mit sehr viel Verständnis für die Zukunft betrachtet werden.

 

Was tut die Wirtschaftskammer für die kleinen Geschäfte in den Einkaufsstraßen?

Ende September haben wir in Wien das 20-jährige Jubiläum der Aktion „Wiener Einkaufsstraßen“ gefeiert. Das Projekt wurde von der Wirtschaftskammer aufgesetzt. Seit 20 Jahren arbeiten unsere Mitarbeiter eng mit den einzelnen Betrieben und Einkaufsstraßenvereinen zusammen. Die Stadt Wien hilft mit finanziellen Mitteln für Marketingmaßnahmen. Es gab ein tolles Programm, inklusive Late-Night-Shopping und Clubbing im U4. Unsere Einkaufsstraßen sind ein Schatz, da steckt aber enorm viel Arbeit drinnen. Auch Überzeugungsarbeit, denn die Leute sagen ja: „Jössas, der hat zugsperrt!“ waren aber selbst jahrelang nicht mehr in diesem Laden einkaufen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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