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Doktor Roboter

09.10.2019

Das Grazer Unternehmen Tyromotion hat den Weg vom Uni-Projekt zum Weltmarktführer geschafft. Die Therapieroboter werden bereits in 45 Ländern eingesetzt. Warum der Bedarf sicher steigen wird und wie die Geräte zu ihren Namen kommen. Ein Porträt

David Ram und Alexander Kollreider setzen bei der Therapie auf Gamification.

Alle 20 Minuten erleidet ein Mensch in Österreich einen Schlaganfall. Jährlich sind davon rund 25.000 Österreicher betroffen. Trotz guter Akutversorgung sind Schlaganfälle die dritthäufigste Todesursache – jedes Jahr verlieren bis zu 7.000 Menschen nach einem Schlaganfall ihre Selbstständigkeit. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Anzahl der Schlaganfallpatienten weiter steigen – und das weltweit. Gleichzeitig gibt es zu wenige Therapeuten, die den Patienten beim Schritt zurück in ein selbstständiges Leben unterstützen.

RAUS AUS DEM ROLLSTUHL

Ein Weltmarktführer aus Graz schließt diese Lücke mit seiner Technologie. Das Unternehmen Tyromotion hat roboter- und computerunterstützte Therapiegeräte entwickelt. Und diese unterstützen die Patienten nicht nur nach einem Schlaganfall, sondern auch bei zahlreichen anderen Krankheitsbildern wie multipler Sklerose oder Rückenmarksverletzungen. Bis heute wurden 3.000 Geräte in 45 Länder weltweit verkauft. Derzeit ist ein Gerät in Entwicklung, das einen von sieben Patienten wieder aus dem Rollstuhl auf die eigenen Beine bringen soll. Wer steckt hinter dieser Erfolgsgeschichte?

Mittlerweile ist das Unternehmen in seinem 14. Jahr angekommen. Der Startschuss fand aber bereits zwei Jahre vor der Gründung des Start-ups im Jahr 2007 statt. Alexander Kollreider hat als Assistent an der TU Graz eine Diplomarbeit über den Prototyp eines Finger-Hand-Therapiegeräts betreut. Autor dieser Arbeit war David Ram, mit dem sich Kollreider dann entschlossen hat, diesen Prototyp auch weiterzuentwickeln. Das Ergebnis daraus heißt Amadeo. Ein Roboter, der bei der Rehabilitation der oberen Extremitäten – also Finger und Hände – nach Schlaganfällen und Schädigungen im zentralen Nervensystem helfend mitwirken kann.

Dass sich das Unternehmen international orientieren muss – die Exportquote liegt derzeit bei 90 Prozent –, war Kollreider von Anfang an klar. „In Österreich gibt es nur 25 bis 30 Rehabilitationszentren, das ist ein zu kleiner Markt“, sagt der Unternehmer. So wurde das erste Gerät auch gleich nach Mexiko verkauft. Parallel zu den internationalen Aktivitäten hat ein eigener Mitarbeiter den Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgebaut. Dass Kollreider den Vertrieb als eine der größten Hürden beim Unternehmensaufbau bezeichnet, überrascht angesichts der folgenden Tatsachen nicht. „Einerseits ist der Vertrieb sehr teuer, da wir immer mit dem Gerät zu den Kunden kommen müssen. Andererseits dauert unser Sales-Zyklus, also der Zeitraum vom ersten Kontakt bis zum Verkauf, eineinhalb bis zwei Jahre“, sagt der studierte Maschinenbautechniker. Dass daher neben Förderungen und dem eigenen Umsatz eine weitere Finanzierungsschiene notwendig ist, scheint klar. So ist 2016 die deutsche Beteiligungsgesellschaft SHS als Investor eingestiegen, um Forschung und Vermarktung voranzutreiben.

NUR EIN MITBEWERBER WELTWEIT

Apropos Forschung: Im Schnitt hat das Unternehmen mit seinen mehr als 80 Mitarbeitern jedes Jahr 30 Prozent seines Umsatzes in die Entwicklung gesteckt und insgesamt sieben Produkte zur Marktreife gebracht. Die technische Forschung findet dabei zu 90 Prozent im eigenen Haus statt. Der neurologisch-wissenschaftliche Bereich ist hingegen zu 75 Prozent ausgelagert und wird nur zu einem geringen Teil von den eigenen Mitarbeitern übernommen. „Die Technologien für die oberen Extremitäten haben wir komplett entwickelt. Nun konzentrieren wir uns auf die Gangrehabilitation“, erklärt Kollreider. Weltweit existiert laut dem Gründer nur ein Mitbewerber, der ebenfalls dieses volle Portfolio für obere und untere Extremitäten anbieten kann.

Was Tyromotion noch von anderen Therapieroboter-Herstellern unterscheidet, ist die Software Tyrosolution, die die Geräte steuert und miteinander verbindet. Sie dokumentiert den Rehabilitationsvorgang und ermöglicht es, auf sämtliche Daten und bisherige Erfolge zuzugreifen. „Die Geräte sollen künftig noch mehr Intelligenz bekommen“, sagt Kollreider. Diese künstliche Intelligenz soll von allen bekannten Daten des Patienten die jeweils passende Therapie ableiten können.

Schon jetzt belegt eine Studie der italienischen Klinikkette Don Gnocchi, wie effizient die Therapiegeräte sind. Werden vier Patienten von nur einem Therapeuten mit Geräteunterstützung betreut, so sind die Behandlungsfortschritte gleich gut wie bei der klassischen Therapie ohne Geräte, wo jeder Patient einzeln von einem eigenen Therapeuten betreut wird.

MOTIVATION DURCH GAMIFICATION

Um die Motivation der Patienten während ihrer Therapie zu steigern, setzt Tyromotion auf Gamification. „Motorisches Lernen funktioniert immer dann gut, wenn es mit bestimmten Aufgaben verbunden ist. Die Patienten sehen zum Beispiel am Bildschirm, wie Äpfel von einem Baum fallen und müssen diese mittels Fingerbewegungen mit einem Korb auffangen. Bei den Bewegungen werden sie vom Roboter unterstützt“, erklärt Kollreider

Nahezu spielerisch findet das Unternehmen auch die Namen für seine Produkte. Als Beispiel nennt der Geschäftsführer sein erstes Produkt, nämlich Amadeo: „Bei einem Roboter, der die Finger bewegen kann, denkt man unweigerlich an das Klavierspielen. Der wohl größte österreichische Klavierspieler war Mozart, und da der Name Amadeus im medizinischen Bereich schon vergeben war, entschieden wir uns für Amadeo.“ Die Endung auf „o“ wurde beibehalten. So heißt Pablo, der die Handbewegungen unterstützt, nach dem Maler Pablo Picasso. Diego, der beim Heben der Arme hilft, erinnert an das berühmte Handtor des Fußballers Diego Maradona. „Wir haben eine eigene Challenge in unserem Team. Jeder unserer Mitarbeiter kann einen Namensvorschlag für unsere neuen Produkte einbringen, alle machen begeistert mit“, sagt Kollreider.

 

Autor/in

MARKUS MITTERMÜLLER

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