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Diversity: Strategie statt Mitleid

12.10.2017

Viele Unternehmen wollen behinderte Menschen anstellen, wissen aber nicht wie. Das Beratungsunternehmen myAbility zeigt auf, wie es geht und welche Vorteile sich bieten.

Gregor Demblin hat mit Wolfgang Kowatsch myAbility, eine Unternehmensberatung für den Umgang mit dem Thema Behinderung, gegründet.

Text: Harald Koisser

„Als ich die Rehab hinter mir hatte, wollte ich weiterleben wie bisher und merkte: Ups, alles ist komplett anders.“ Gregor Demblin hat sich 1995 bei einem Badeunfall eine Querschnittlähmung zugezogen. Er saß im Rollstuhl und wurde plötzlich nicht mehr als vollwertiger Mensch wahrgenommen. „Man traute mir auf einmal keine Leistung mehr zu.“ Mehr noch – Demblin merkte, dass Behinderte eine große Gruppe der Bevölkerung darstellen, die eine große Relevanz hat, aber niemandem sei das aufgefallen, weder Politik noch Wirtschaft. „Da war klar: Ich entwickle Modelle, wo alle einen Vorteil haben.“

Er gründete gemeinsam mit dem Personalmanager Wolfgang Kowatsch Career Moves, eine Jobbörse für Menschen mit Behinderung. Dafür gab es den PR-Staatspreis und den Trigos, aber die beiden Herren waren noch nicht ganz zufrieden. „Wir merkten, dass eine Karriereplattform nicht tief genug greift“, erinnert sich Kowatsch, „denn die großen Fragen kommen erst später: Wie gehe ich mit Menschen mit Behinderung im Betrieb und als Kunden richtig um?“

WIRTSCHAFTLICHE VORTEILE AUFZEIGEN

Also gründeten Demblin und Kowatsch myAbility, eine Unternehmensberatung für den Umgang mit dem Thema Behinderung. Politisch korrekt formuliert: „Wir wollen Unternehmen disability confident machen“, und Kowatsch macht kein Hehl daraus, dass der zunehmende Erfolg dieser Beratungsleistung sich aus Viele Unternehmen wollen behinderte Menschen anstellen, wissen aber nicht wie. Das Beratungsunternehmen myAbility zeigt auf, wie es geht und welche Vorteile sich bieten. Gregor Demblin hat mit Wolfgang Kowatsch myAbility, eine Unternehmensberatung für den Umgang mit dem Thema Behinderung, gegründet. Strategie statt Mitleid ganz handfesten wirtschaftlichen Vorteilen für die Unternehmen speist. „Viele Entscheider können mit einer Kennzahl sehr viel anfangen“, sagt Kowatsch, „sie ist zwar nicht die wichtigste, aber die am leichtesten verständliche: das ist die Ausgleichstaxe.“ Je 25 Mitarbeiter sollte ein Mitarbeiter mit Behinderung eingestellt sein, sonst zahlt man die jährlich vom Sozialministerium vorgeschriebene Ausgleichstaxe. Das kann bei großen Unternehmen teuer werden.

DER MENSCH IM MITTELPUNKT

Etwas komplizierter, aber nachhaltiger zeigt sich die ökonomische Relevanz bei der Produktivität. Gibt es in einem Unternehmen eine offene Kultur für Behinderung, so verringert sich nachweislich die Zahl der Abwesenheiten und Krankenstände. Die Menschen fühlen sich als solche ernst genommen und nicht als Hochleistungsroboter missbraucht. In solch einem Klima wagt man auch zu sagen, wenn man mit einem Job überfordert ist, und das Unternehmen kann sofort reagieren. Die Menschen powern sich nicht aus, die Produktivität bleibt erhalten. „So eine Kultur kann man nicht mit einem Jobinserat erzeugen oder ändern“, betont Kowatsch und zeigt, dass viele Behinderungen einfach nicht sichtbar sind, aber auch unsichtbare Behinderungen ein Unternehmen massiv betreffen können.

In Mitteleuropa ist myAbility längst Know-how-Führer und entwickelt jetzt auch Programme für KMU. Da geht es um Fragen wie: Welche Behinderungen sind in meinem Berufsfeld problemlos einsetzbar? Wie sieht das mit den Krankenständen und dem Kündigungsschutz aus? Wie funktioniert ein barrierefreier Recruiting-Prozess?

„Die Leute werden oft wegen Schwächen aussortiert, die im Job irrelevant sind“, beobachtet Demblin, „da hat ein Handelsunternehmen Legastheniker abgelehnt, obwohl es nur um das Einschlichten von Regalen ging.“ Unternehmen wollen oft diverse Teams – also Teams mit behinderten Menschen – ändern, aber ihre starren Recruiting-Anforderungen nicht. Sie wollen niemanden diskriminieren, wissen aber nicht, wie.

Bei solchen Herausforderungen hilft myAbility. Sich dem Thema zu widmen lohnt sich auch für KMU, denn ein gelassener Umgang mit Beeinträchtigung hat auch erfreuliche Auswirkungen auf das Konsumverhalten, wie mittlerweile durch Studien gezeigt werden konnte. Fünfzehn Prozent der Menschen haben eine Behinderung, und sie kaufen natürlich lieber in Unternehmen ein, von denen sie als vollwertige Menschen betrachtet werden. Weitere fünfzehn Prozent der Bevölkerung zählen zum engsten sozialen Umfeld „Wenn man sich um die 15 Prozent mit Behinderung bemüht, bekommt man die anderen 15 Prozent gratis dazu“, rechnet Kowatsch vor. Angesichts dieser Erkenntnisse wird klar, dass es hier nicht um Mitleidsaktionen geht, sondern um handfeste Unternehmensstrategie. Wenn das Team von myAbility die disAbility Confidence prüft und regelmäßige disAblity Checks macht, zahlen daher auch die Unternehmen aus ureigenem Interesse für diese Beratungsleistung.

MyAbility ist nicht auf Spenden oder Förderungen angewiesen und finanziert sich privatwirtschaftlich. „Seit wir beschlossen haben, nicht mehr von Förderungen abhängen zu wollen, haben wir mehr Erfolg“, freut sich Kowatsch, „wir können agieren, wie es uns richtig erscheint.“ So kommt das junge Unternehmen rascher seiner Vision näher, das Leben von 15 Millionen Menschen mit Behinderung im deutschen Sprachraum zu verbessern.

Autor/in:
Harald Koisser
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