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Diskurs der Werte

07.02.2021

Wir erleben einen Diskurs der Werte, wie er in diesem Maß und in dieser Schärfe schon lange nicht mehr geführt worden ist. Warum das Narrativ der Bundesregierung Löcher aufweist und warum es im Lockdown keine echten Gewinner gibt.

Als Unternehmer schart man bekanntlich dann motivierte und loyale Mitarbeiter um sich, wenn eine anschlussfähige unternehmerische Ethik vorhanden ist. Wie ist das nun mit jenen ethischen Maßstäben, die vonseiten der Regierung ausgegeben werden? Kann die Regierung das Volk um sich scharen? Was „uns“ in Corona-Zeiten sehr wichtig ist, sind die Alten und Schwachen. Das ist das Narrativ der Regierung. Es gilt, diese Gruppe ganz besonders zu schützen. Stellvertretend dafür sagt ein 87-jähriger Mann in einem Werbespot, in dem zur Impfung animiert wird, dass er nicht an diesem blöden Coronavirus sterben möchte. Das ist durchaus verständlich. Am selben Tag kommt ein Radiobeitrag über Leute, die nahe daran sind, an Corona zu zerbrechen – etwa eine 50-jährige Unternehmerin, alleinerziehende Mutter eines pubertierenden Sohnes, deren Business den Bach hinuntergeht. Meine Tochter arbeitet als Praktikantin in einer psychosozialen Ambulanz, wo Leute hinkommen, die unter Isolation leiden. Nur dürfen sie derzeit nicht kommen, weil ihnen Isolation verordnet ist. Wie viele Suizide und Suizidversuche mögen wohl aufgrund der Lockdown-Maßnahmen durchgeführt worden sein

Kann man das Existenzrecht eines 87-jährigen Mannes dem Existenzrecht einer 50-jährigen Unternehmerin oder demjenigen depressiver Menschen gegenüberstellen? Wer würde diese Gleichung wagen? Die Bundesregierung wagt es, weil sie muss. Sie kann diese Entscheidungen nicht nicht treffen. Das ist ihre Tragik. Wir haben dank Corona alle gelernt, was „Triage“ bedeutet. Es ist jener unselige Zustand, wo im Spital aufgrund mangelnder Behandlungskapazitäten entschieden werden muss, wer leben darf und wer sterben wird. Diese Triage gibt es bereits. Sie wird jetzt gerade in den alltäglichen politischen Entscheidungen getroffen.

Der Kabarettist Roland Düringer hat in einer Diskussionsrunde angemerkt, dass das ethische Weltbild, das er in seiner Jugend durch Heldengeschichten und Abenteuerfilme mitbekommen hat, auf den Kopf gestellt ist. Dort hieß es: "Frauen und Kinder zuerst". Heute aber heißt es: "Schwache und Moribunde zuerst". Dafür werden Frauen und Kinder geopfert. Die Belastung von Familien und alleinerziehenden Müttern durch Homeoffice samt Homeschooling ist atemberaubend. Dazu tauchen die bekannten Fragen auf: Warum dürfen sich Menschen in Gondeln zusammendrängen, während Seminare von zehn Personen, wo der Mindestabstand eingehalten werden kann, mit Anzeige abgestraft werden. Warum wird industrielle Produktion fortgesetzt, während KMUs dichtgemacht werden? Warum wird Pflegepersonal immer noch so miserabel bezahlt, obwohl es beim ersten Lockdown vor einem Jahr als systemrelevant erkannt worden ist? Solche Fragen durchlöchern das Narrativ. Es erweist sich als inkonsistent. Hinzu kommt, dass der Schutz der Alten und Schwachen gar nicht gewährleistet ist. Durch den Lockdown erfahren alte Menschen in den Senioren- und Pflegeheimen nämlich bloß mehr derselben Isolation, zu der sie ihre körperlichen Versehrtheiten ohnehin die ganze Zeit schon zwingen. Ist der Virus einmal in ein Altersheim eingedrungen, verbreitet er sich dort aufgrund der Immobilität der Menschen rasend schnell. Wenn also der Schutz der Alten und Schwachen das große Narrativ ist, so wird es hier ad absurdum geführt. Das führt zu der Frage, ob diese Erzählung nicht auch eine große Anmaßung beinhaltet, weil die Debatte über den angeblichen Schutz der Alten ohne Beteiligung der Betroffenen geführt worden ist? Das nennt man eigentlich „Entmündigung“ und nicht „Schutz“. Die Menschen generell, auch die Alten, bevorzugen üblicherweise Lebensqualität und nicht einfach nur Überleben. Die derzeitigen Maßnahmen sozialer Absonderung dienen aber ausschließlich dem Überleben. Es geht darum, den Tod zu vermeiden, egal um welchen Preis. Nur dürfte die Rechnung nicht aufgehen, weder statistisch noch ethisch. Die stattfindende Rebellion in der Gesellschaft dürfte daher auch einer unglaubwürdigen ethischen Erzählung geschuldet sein.

Das Schielen auf Oberfächlichkeiten wie Wählergruppen, Lobbys (Politik) oder Gewinnerwartung (Ökonomie) genügt in Krisenzeiten nicht. Wenn es ums Eingemachte geht, kommt das ans Licht, wozu wir Menschen da sind: Verantwortung, Glaubwürdigkeit, Ethik – Sinn.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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