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Digitalisierungs-Baustellen trotz Boost

02.05.2021

Wir leben bereits in einer digitalen Welt, doch IT-Experten orten noch viel Aufholbedarf an der Basis. Wo sich offene Flanken zeigen und wie man gegensteuern könnte – eine Analyse.

Hannes Kirchbaumer, Online-Marketing-Experte
„Wir brauchen die Einführung von IT ab dem Kindergarten,“ sagt Alfred Harl, Ubit-Obmann.

Angesichts der Tatsache, wie viel 2020 vom „Digitalisierungsschub“ die Rede war, ist es fast verwunderlich, dass der Ausdruck nicht zum Wort des Jahres gewählt wurde. Na gut, es ist auch weniger putzig als das österreichische Gewinnerwort „Babyelefant“ – und gegen das deutsche Wort des Jahres „Corona- Pandemie“ ist logischerweise auch nicht anzukommen. Dennoch freut sich Alfred Harl, Obmann des Fachverbands Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT (UBIT) der Wirtschaftskammer Österreich, über die Entwicklung bei der Digitalisierung als positive Nebenwirkung der Pandemie: „Corona hat uns schlagartig ins Digitalzeitalter hineingebeamt. Die Situation brachte nicht nur eine Verbesserung, sondern einen Digitalisierungs-Boost.“ So waren viele Unternehmen die es noch nicht getan hatten, gezwungen, analoge Prozesse zu digitalisieren. Videokonferenz-Software hat sich weit verbreitet, Maschinen und Anlagen wurden auf Fernwartung umgestellt und Unternehmen haben angefangen, Managementsoftware zu nutzen, mit der Mitarbeiter Kennzahlen auch aus dem Homeoffice abrufen können. Und obwohl sich so viel getan hat, ist laut Alfred Harl noch immer viel zu tun: Auf einer Skala von eins bis zehn, auf der eins für katastrophal und zehn für ausgezeichnet steht, würde Österreich nach seiner Einschätzung in Sachen Digitalisierung bei fünf liegen.

CHINA HOLT AUF

Weltweit gesehen ist Österreich derzeit noch gut unterwegs: Im globalen Digitalisierungsindex Enabling Digitalization Index (EDI) der Acredia-Versicherung besetzt es Platz 13 von insgesamt 115 Ländern, wenngleich es zuletzt einen Platz einbüßen und Korea den Vortritt lassen musste. Das Ranking bewertet den Status Quo und Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Regulierung, Wissen, Konnektivität und Infrastruktur der Staaten. Klarer Anführer sind übrigens die USA, gefolgt von Dänemark und Deutschland.

„Wir brauchen die Einführung von IT ab dem Kindergarten.“ Alfred Harl, Ubit-Obmann

Um ganze fünf Plätze hat sich China verbessert und ist so bereits jetzt direkt hinter Deutschland. Im Digitalisierungsindex DESI (Digital Economy and Society Index) der Europäischen Kommission liegt Österreich allerdings nur im Mittelfeld und etwas über dem EU-Schnitt, konkret auf Platz 13 von 28 Staaten (Großbritannien inklusive).

Den größten Handlungsbedarf sieht Alfred Harl bei Fachkräften und der Infrastruktur für schnelles Internet. Der im Februar 2020 erschienenen Studie „IT-Qualifikationen für die österreichische Wirtschaft“ des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI) zufolge fehlen zwischen 22.200 und 24.300 IT-Fachkräfte. Alfred Harl sieht die Lösung vor allem im Bildungsbereich. Zwar freut er sich über 750 IT-Lehrlinge wie zum Beispiel in den jungen Lehrberufen IT-Betriebstechnik, IT-Systemtechnik, Applikations- Entwicklung – Coding. Aber in Schulen, Universitäten und sogar im Kindergarten wünscht er sich große Veränderungen: „Wir brauchen die Einführung von IT ab dem Kindergarten, nicht erst beim Studium. Es muss selbstverständlich sein, dass Kinder eine kleine IT-Sprache lernen. Da geht es nicht darum, dass sie Programmierer werden, aber sie müssen die Zukunft verstehen, sonst werden sie sich später schwertun.“ Im Schulsektor brauche es eine Reform des Informatik-Unterrichts: „Den ECDL-Führerschein als IT zu bezeichnen ist schlimm und eine Themenverfehlung.“ Man müsse zunächst sicherstellen, „dass die Lehrerinnen und Lehrer topgeschult sind“. Selten stünden für den IT-Unterricht zudem die besten Unterrichtsmittel zur Verfügung. Und auf universitärer Ebene wünscht sich Harl ein „klares Leitsystem“, das die richtigen Studierenden anspricht und ihnen das Studium schmackhaft macht. Bezogen auf die hohe Drop-out-Quote von ca. 50 Prozent der IT-Studierenden an Unis und Fachhochschulen sagt Harl: „Wir müssen alles tun, um die Studenten auch im Studium zu halten.“

„Es braucht die Vermittlung digitaler Medienkompetenz.“ Hannes Kirchbaumer, Online-Marketing-Experte

SCHEITERN AN DEN BASICS

Ein wichtiger Teil der Digitalisierung sind auch – nicht nur in Lockdown-Zeiten – Online- Shops bzw. Online-Angebote. In der UBIT-Akademie incite etwa haben seit Beginn der Pandemie laut Alfred Harl viermal so viele E-Commerce-Lehrgänge stattgefunden wie zuvor. Für Hannes Kirchbaumer, Unternehmensberater mit Schwerpunkt auf Online-Marketing und digitale Transformation, ist der Begriff Digitalisierung überholt: „Wir müssen nicht mehr von Digitalisierung sprechen, denn wir leben bereits in einer digitalen Welt.“ Er mache folglich Strategieberatung in einer digitalen Welt – nicht digitale Strategieberatung. Er hat beobachtet, dass in der Pandemie viele Unternehmen ihre Workflows optimiert und auf digitale Kommunikation umgestellt haben, aber digitale Themen noch nicht als Möglichkeit neuer Geschäftsmodelle sehen: „Die Ideen der Führung gehen oft weiter als die Möglichkeiten im Unternehmen, wo man häufig an Basics scheitert, wie zum Beispiel am digitalen Abbilden der Unternehmensprozesse.“ Am meisten Handlungsbedarf sieht Kirchbaumer bei der Datenverwaltung: „Es gibt schon viele Unternehmen, die Daten sammeln, aber oft wissen sie nicht, wie sie diese nutzen können.“ Beispielsweise hätten viele zwar die Daten ihrer Kunden gesammelt, wüssten aber nicht, wie sie diese segmentieren sollen. Oder sie setzen auf Automated-Marketing-Tools und verschicken dann einen Newsletter an 100.000 Leute, mit dem sie aber nicht die erreichen, die wirklich am Thema interessiert sind. Kirchbaumer: „Das Wichtigste wäre, Client-Data-Management zu einer wichtigen Funktion im Unternehmen zu machen.“

Auch Kirchbaumer bereitet der Bildungsbereich Sorgen: „Realität und Lehrpläne passen nicht zusammen. Wir haben zwar Tablets und machen Homeschooling, aber mir fehlt das digitale und das Geschäftsmodell-Denken.“ So wüssten viele junge Menschen etwa nicht, welche Geschäftsmodelle hinter Influencern auf TikTok und Instagram stecken: „Es braucht die Vermittlung digitaler Medienkompetenz – auch um zwischen echten Fakten und Fake News unterscheiden zu können.“ Dieses Thema schließt nahtlos an eine andere digitale Großbaustelle an: die IT-Security. Während der Pandemie ist die Cyberkriminalität extrem angestiegen. Bildung wäre auch hier nötig: „IT-Security hat mit digitaler Kompetenz zu tun. Die fehlt.“ Aber auch Regulierungen seien wichtig: Während die Zwei-Faktor-Authentifizierung schon relativ weit verbreitet ist oder beispielsweise Banking-Apps mit Video- Verifizierung arbeiten, ist der Bestellbetrug durch die Möglichkeit der Zahlung auf Rechnung noch immer ganz einfach. Kirchbaumer: „Die Digitalisierung schreitet weltweit voran, aber die Regulierungen – von der Gewerbeordnung bis zur regionalen Verwaltung – können nicht mehr Schritt halten.“

Autor/in:
Alexandra Rotter
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