Digitalisierung: Von Gejagten zu Jägern | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Digitalisierung: Von Gejagten zu Jägern

08.09.2017

Auch KMU investieren inzwischen viel Geld und Mühe in die Digitalisierung ihrer Abläufe – oftmals bleibt aber eine gewisse Skepsis. Dabei genügen für den Anfang häufig kleine Schritte statt des einen großen Sprungs.

Die Firma Wagenleitner im oberösterreichischen Senftenbach ist ein kleiner Familienbetrieb wie aus dem Bilderbuch: Ein auf Tischlerei und Innenarchitektur spezialisierter Betrieb mit 13 Mitarbeitern. Geschäftsführer Karl Strasser und alle Beschäftigen kennen sich gut, gegenüber den Kunden herrscht Handschlagqualität, das Geschäft ist bodenständig: Gestaltung privater Räume und Möbel, Lichtkonzepte und die Einrichtung ganzer Stockwerke. Regelmässig präsentiert die Firma ihre Arbeiten auf Messen in Österreich und Süddeutschland.

Obwohl solides Handwerk weiterhin im Mittelpunkt steht, vollzog die Mannschaft von Karl Strasser jüngst einen großen Digitalisierungsschritt. Entscheidende Hilfe kam dabei aus direkter Nachbarschaft von der Innviertler Firma Technologieengel. Ihr Inhaber Christian Reich ist auf Digitalsierung und IT für kleine und mittlere Unternehmen spezialisiert.

Nun läuft bei der Tischlerei die Büroarbeit auf maßgeschneiderter Software. Neue Räume werden in 3D und in Fotoqualität geplant. Ein neues System im Hintergrund sorgt dafür, dass Entwürfe und Visualisierungen jederzeit über verschiedene Endgeräte abrufbar sind. Bei unterschiedlichen Dateiversionen erscheint immer automatisch der neueste Stand. Und auf Messen präsentiert Firmenchef Strasser die Entwürfe jetzt dreidimensional als „Virtual Reality“ (VR). Möglich wird das mithilfe von Brillen mit eingebauten Bildschirmen, die dem Messebesucher den Eindruck vermitteln, als gehe er direkt im betreffenden Raum umher – oder auf einem ganzen, noch zu bauenden Stockwerk.

VORTEILE FÜR GROSS UND KLEIN

Digitalisierung ist ein Megatrend unserer Zeit – der jedoch bis heute eher der großen Industrie zugeordnet wird als kleineren und mittleren Unternehmen. Der Eindruck täuscht: Gerade in Österreich werde das Thema auch für Handwerker und kleinere Gewerbebetriebe immer bestimmender, so das Fazit des „Zukunftstags der steirischen Wirtschaft“ heuer im Juni in Graz.

Nur einige Beispiele für die Bereiche, die gerade immer weiter digitalisiert werden: Auftragserteilung, Visualisierungen von Kundenwünschen, Lagerhaltung oder Wartung von Maschinen über Sensoren. Oder auch die sogenannte additive Fertigung, besser bekannt als 3D-Druck. Für traditionsreiche Handwerksbetriebe klingt das tatsächlich zunächst seltsam – doch Redner der Konferenz verweisen auf einen Schuster, der maßgefertigte Schuhe produziert und die Leisten dafür inzwischen maßgeschneidert mit seinem 3DDrucker „druckt“.

„Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“, sagt Georg-Dieter Fischer, Obmann von Propak, dem Fachverband der heimischen Papierverarbeiter. Wie sehr viele Experten zurzeit ruft auch er den Skeptikern im heimischen Mittelstand zu: „Wir müssen die Digitalisierung als Riesenchance sehen.“ Eine gewisse Skepsis hält sich tatsächlich hartnäckig – obwohl heimische Unternehmen gleichzeitig immer höheren Aufwand bei der Digitalisierung ihrer Abläufe betreiben. So spielen digitale Technologien bei 56 Prozent der Unternehmen in Österreich eine mittelgroße bis große Rolle, so eine im Frühjahr erschienene Studie von Ernst & Young. Jeder zweite Betrieb ändert gerade sein Geschäftsmodell. Als wichtigste Vorteile sehen die 900 befragten kleinen und mittleren Betriebe den direkten Zugang zum Kunden und eine einfachere Markterschließung. Doch zugleich erwartet fast jeder zweite Firmenchef im Zuge der Digitalisierung neue, branchenfremde Mitbewerber – und völlig neue Bedrohungen.

Christian Reich, IT-Berater
Meist geht es nicht darum, die gesamte Software des Kunden umzukrempeln, sondern bestehende Infrastruktur auf eine neue Plattform zu heben.

STEP BY STEP DIGITALISIEREN

Gerade für den Mittelstand ist es ungleich schwerer als für einen Industrietanker, Abläufe radikal zu ändern und neue Produkte zu implementieren– weil jeder Mitarbeiter gebraucht wird und die Finanzdecke viel dünner ist. Der auf kleine und mittlere Betriebe spezialisierte IT-Berater Christian Reich von der Innviertler Firma Technologieengel macht den Betrieben mit einem wichtigen Hinweis mehr Mut: „Meist geht es gar nicht darum, die gesamte Software des Kunden umzukrempeln, sondern darum, bestehende Infrastruktur auf eine neue Plattform zu heben.“ Zunächst also Step by Step anstatt des einengroßen Sprungs. Im Idealfall für KMU passiert das über Aufträge, bei denen die Digitalisierung quasi „im Vorbeigehen“ Einzug hält. Zum Beispiel bei Gernot Neuböck, der als Einmann- Betrieb von Graz aus maßgeschneiderte Maschinen, Hochleistungsventilatoren oder Impeller für kleine Hersteller konstruiert und optimiert.

„Man konstruiert die Maschinen mit einer CAD-Software, losgelöst von allen Gefühlen für Größe, Proportion und Ästhetik. Neuböck ließ sich von Christian Reich ein System aufsetzen, das jetzt dreidimensional als Virtual Reality darstellbar ist – sowohl im Konstruktionsprozess, bei Absprachen des jeweiligen Arbeitsschrittes mit dem Kunden und bei der Präsentation des Endergebnisses.

„Die Möglichkeit, frühzeitig das Gefühl für die Maschine zu entwickeln, ist für mich von unschätzbarem Wert“, sagt der Grazer Ingenieur. Die Einsparungen im gesamten Produktionsprozess beziffert er mit etwa 20 Prozent: „Man erreicht schon in der Konstruktionsphase eine so hohe Qualität, dass man sich viel in der Phase erspart, in der es ins Detail geht, wo jeder Fehler sehr teuer wird. Weil man den Entwurf schon vorher deutlich verbessern kann.“

Autor:
Peter Martens

Werbung

Weiterführende Themen

(v. l.) Stephan Strzyzowski, Christian Rupp, Gerhard Pelikan, Alfred Harl.
Stories
08.09.2017

Wie schnell Unternehmer digitalisieren, entscheidet heute maßgeblich über ihren Erfolg. Doch dafür benötigen sie die entsprechende Infrastruktur. Woran es in Österreich hapert, und warum wir einen ...

Stories
08.09.2017

Um in den Krieg zu ziehen, reicht heute ein Computer. Im Zeitalter globaler Vernetzung attackieren Feinde die Computersysteme kritischer Infrastrukturen ihrer Gegner. Dabei geraten immer öfter ...

Anbindung eines heterogenen Maschinenparks an vorhandene IT-Strukturen über die neue Plattform "toii".
Aktuelles
07.09.2017

Die selbst entwickelte Plattform „toii“ lässt Maschinen verschiedenster Hersteller und Generationen miteinander kommunizieren.

Die WKO präsentierte die Studie zur Digitalen Transformation. Am Podium (v.l.nr.) Alexander Keßler, WU Wien; Sophia Pipke Arthur D. Little; Alfred Harl, UBIT; Sonja Zwazl WKNÖ; Walter Ruck, WKW; Jan Trionow, 3
Branche
05.09.2017

Eine Studie von Arthur D. Little im Auftrag des UBIT zeigt: Die österreichischen KMUs wissen um die Notwendigkeit der Digitalisierung, haben aber Schwierigkeiten bei der Umsetzung,

Der Start-Up-Experte Daniel Cronin (erste Reihe, 2.v.r.) und die Jury-Mitglieder des Prepitch für die Start-up-Kampagne „Digital Building Solutions“ (DBS) freuen sich auf die große Final-Veranstaltung am 12. September.
Aus der Branche
05.09.2017

Im Rahmen des Gründerprogramms „Digital Building Solutions“ stellen sich nun 15 Start-ups einer Experten-Jury.

Werbung