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Oliver Wichtl, Geschäftsführender Gesellschafter der Pure Management Group.

Digitalisierung, so what?

06.06.2019

Oliver Wichtl ist Geschäftsführender Gesellschafter der Pure Management Group. Warum wir vor von neuen Technologien nicht erstarren dürfen und welche Irrglauben wir ablegen müssen, erklärt der Organisationsberater im Kurzinterview.

INTERVIEW STEPHAN STRZYZOWSKI

Die Digitalisierung erhöht in vielen Bereichen die Komplexität. Wie wirkt sich das auf Unternehmen aus? Aufgrund von künstlicher Intelligenz und Algorithmen brechen wir gerade mehr und mehr mit der alten Logik „Mensch gibt vor, Maschine führt das ihr Beigebrachte aus“. Die Leistungsfähigkeit und die Autonomie der Systeme haben enorme Ausmaße angenommen. Daran erkennt man, wie rasant sich die Technologien gerade weiterentwickeln. Und klar ist: Sie werden die Welt verändern. Allerdings ist noch nicht klar, was das für viele Unternehmen bedeutet. Die Menschen sehen, dass sie etwas tun müssen, sie wissen nur nicht, was. Eine der menschlichsten Reaktionen auf Unsicherheit ist Vorsicht und Zurückhaltung. Das ist aber Gift in einer Situation, in der Veränderung schnell wirksam sein soll. Anstatt zu reagieren, warten jetzt also viele einmal ab.

Führt die Notwendigkeit, zu handeln, jetzt vielleicht dazu, überfällige Maßnahmen zu setzen? Zunächst empfinden Unternehmen aufgrund der Veränderungen einmal nur Druck. Das ist nicht angenehm. Doch der positive Effekt von Druck ist, dass, wenn etwas passieren muss, meistens auch etwas passieren kann. Die Digitalisierung kann also durchaus alte Blockaden lösen.

Die Diskussion rund um das Thema ist gespickt von diversen Buzzwords. Was muss man ernst nehmen, wo lauert Aktionismus? Das mit Abstand meistgebrauchte und -missbrauchte Buzzword des Jahres ist sicher Agilität. Vor einigen Jahren war alles „strategisch“. Jetzt muss sehr vieles das Prädikat „agil“ bekommen. Die Fülle an Schlagwörtern, mit denen sich Unternehmer jetzt konfrontiert sehen, resultiert daraus, dass Digitalisierung ein sehr breiter Begriff ist. Wenn Sie zehn Führungskräfte aus demselben Unternehmen dazu befragen, was sie unter Digitalisierung verstehen, dann bekommen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit fünf bis zehn verschiedene Antworten. Anstatt sich an Schlagwörtern zu orientieren, sollten Unternehmen analysieren, wo Potenziale liegen und wo wirklich Handlungsbedarf besteht.

Die Gefahr, ein so breites Thema wie Digitalisierung falsch anzugehen, ist relativ hoch. Gibt es einen Irrglauben, dem Sie besonders häufig begegnen? Einer der größten Irrglauben ist, dass Digitalisierung nur mit IT, Software oder Algorithmen zu tun hat. Kernerfolgsfaktor sind aber die Menschen und deren analoge Beziehungen! Kommunikation, die Möglichkeit zum Diskutieren und gemeinsamen Entwickeln sowie der Austausch von Ideen sind die wichtigsten und wesentlichen Methoden für erfolgreiche Digitalisierung. Zweiter großer Irrglaube ist, dass die neuartigen Herausforderungen aus der Digitalisierung – Komplexität, Geschwindigkeit, neues Wissen – sich mit den bisherigen Vorgehensweisen lösen lassen.

Wie können sich Unternehmen auf diese geänderten Rahmenbedingungen einstellen? Sie müssen auf kürzere Planungszyklen mit realistischen Schritt-für-Schritt-Zielen auch abseits der notwendigen, großen Zielbilder setzen. Hilfreich ist auch Transparenz entlang der Umsetzung. Wenn sich die Bedingungen rasch ändern, empfehlen sich auch immer wieder Stop-and-go-Anpassungsmeilensteine. Wichtig sind auch klare Verantwortlichkeiten inklusive der notwendigen Entscheidungskompetenzen und der Möglichkeit durchzugreifen.

Wie verändert sich in diesem Spannungsfeld die Rolle der Führungskräfte? Von den Mitarbeitern und Kollegen, aber auch von den Shareholdern wird heutzutage massiv Orientierung eingefordert. Führungskräfte sind damit in Summe mehr statt weniger gefordert, die Organisation durch die Unsicherheit und Volatilität zu steuern. Aus dieser Sicht ist der Job als Führungskraft in den letzten Jahren definitiv anspruchsvoller geworden.

Werden sie zu Verwaltern des unaufhörlichen Wandels? Ich würde sagen, Ja. Um diese Herausforderung zu bestehen, ist eine Kultur, die Wandel, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität sowie konstruktives Denken fördert, definitiv von Vorteil.

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