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Digitalisierung: Es wird auch Juristen treffen

12.10.2017

Wie viel Emotion brauchen Maschinen? Wen werden sie ersetzen, und wer treibt die Entwicklung voran? Ein Gespräch mit Prof. Trappl, dem österreichischen Doyen der künstlichen Intelligenz.

ZUR PERSON

Prof. Robert Trappl. Im Jahr 1984 wurde das Österreichische Forschungsinstitut für Artificial Intelligence (OFAI) gegründet. Diesem steht Trappl seit der Gründung als Leiter vor, am Institut forschen rund 25 Wissenschafter auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz. 2012 wurde er zum Präsidenten der International Academy for Systems and Cybernetic Sciences gewählt. Als Berater war er für Organisationen wie die EU, OECD, UNIDO und WHO tätig.

Interview: Stephan Strzyzowski

Selbstfahrende Autos, Cobotics und lernende Systeme: Künstliche Intelligenz wird gerade vom Schlagwort zur Realität. Sie arbeiten bereits seit Jahrzehnten an dem Thema. Überrascht es Sie als Pionier, dass die Entwicklung so lange gedauert hat?
In den 50er- und 60er-Jahren war die Begeisterung in der Forschungsszene rund um das Thema sehr groß. Alle haben damals angenommen, dass es rasch spektakuläre Ergebnisse geben würde. Die sind allerdings ausgeblieben. Man ist damals fälschlich davon ausgegangen, dass zum Beispiel die US-Regierung das Thema finanziell massiv fördern würde.

Ähnlich wie den Flug zum Mond?
Genau, das war aber nicht der Fall. In kleinen Instituten haben Wissenschafter aber daran weitergearbeitet und schöne Ergebnisse erzielt – aber sehr lange keinen Durchbruch. Erst der Sieg eines Computerprogramms gegen den Schachweltmeister Gari Kasparow 1997 hat das Thema wieder stärker in die Öffentlichkeit gebracht und Interesse geweckt. Das hat die Kenner allerdings nicht besonders verblüfft. Man wusste, dass es von der Rechengeschwindigkeit bald so weit sein würde. Der Sieg des IBM-Computers Watson in der Gameshow Jeopardy war dagegen überraschend, weil man dort die Frage zu einer Antwort finden muss. Das benötigt eine hohe Abstraktionsfähigkeit, Allgemeinwissen und Sprachverstehen. Das ist nichts, was rein logisch abzuarbeiten ist. Noch mehr überrascht hat der Sieg eines Programms beim Spiel Go im Jahr 2016. Hier hat das Programm sogar Züge gesetzt, die als kreativ bezeichnet werden können.

Was hat dazu geführt, dass in den letzten Jahren so viel mehr Bewegung in das Thema gekommen ist?
Die Rechengeschwindigkeit steigt ständig, während die Preise sinken. Aber auch die Möglichkeiten von Big Data und die Weiterentwicklung von Algorithmen im Bereich Deep Learning haben diese Fortschritte gebracht.

Wenn die Entwicklung so weitergeht: Welche Folgen hat das für die Menschheit?
Wir sehen einer massiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstellung entgegen. Viele der Tätigkeiten, die heute noch von Menschen ausgeführt werden, werden schon bald von Robotern übernommen. Es wird Arbeiter, aber auch Akademiker treffen. Die Analyse eines Radiologen kann ein Programm demnächst genauso vornehmen. Es wird auch Juristen treffen. Viele Kanzleien in den USA setzen bereits heute Watson von IBM ein.

Es ist also niemand sicher?
Ich denke, dass zum Beispiel ein Installateur, den man ruft, wenn ein Rohr verstopft ist, noch länger unersetzlich ist. Bis ein Roboter ein Problem so gut analysieren und lösen kann, wird es noch dauern. Die Schätzungen, wie viele Arbeitsplätze wegfallen werden, sind aber ganz verschieden. Das IHS hat eine Berechnung für das Sozialministerium gemacht, die auf ca. 10 % in den kommenden Jahren kommt. McKinsey kommt auf 50 %, allerdings bis 2050 +/- 20 Jahre. Ich glaube trotzdem, dass die positiven Ergebnisse von Artificial Intelligence (AI) überwiegen werden.

Wie definiert sich Intelligenz in Bezug auf Maschinen?
Eine Definition der Psychologie lautet: Intelligenz ist der Leistungsgrad der psychischen Funktionen beim Bewältigen neuer Situationen unter normalen emotionalen Bedingungen.

Maschinen haben aber keine emotionalen Zustände.
An genau diesem Punkt steht die Weiterentwicklung der AI jetzt. Denn in dem Moment, wo wir mit solchen Systemen am Arbeitsplatz oder bei der Betreuung behinderter Menschen interagieren, werden Roboter Emotionen erkennen müssen. Die Frage ist, ob sie auch welche äußern sollen.

Was spricht dagegen?
Gegner lehnen es als Täuschung ab, weil Roboter keine Emotionen haben. Es könnte zu Bindungen führen, die nicht gesund wären. Andere finden es gut. Die Leute streicheln ja auch ihr Auto. In der zwischenmenschlichen Kommunikation spielen Emotionen eine große Rolle. Wir erkennen Emotionen auf einen Blick. Warum soll das ein Roboter nicht auch können und darauf eingehen? Es ist aber eine ideologische Frage. Wie die Angst davor, dass Roboter die Weltherrschaft übernehmen könnten.

„Erst wenn Maschinen Triebe entwickeln würden, sollten wir uns Sorgen machen.“ 

Halten Sie das für möglich?
Nein, aber wenn man sich davor fürchtet, sollte man Schönbrunn spenden.

Warum?
Damit man einmal ein schönes Häuschen im Zoo bekommt, wo uns dann die Roboter besuchen kommen. Aber im Ernst: Was oft außer Acht gelassen wird, ist, dass Intelligenz eine Zielsetzung braucht. Maschinen haben im Allgemeinen keine Zielsetzung, die haben wir Menschen aufgrund unserer Motive und Triebe. Auch eine Superintelligenz ist nicht ehrgeizig. Sie will niemanden beherrschen, das ist ihr kein Anliegen. Trotzdem müssen Emotionen eine größere Rolle spielen. Wir müssen Persönlichkeitsmodelle entwickeln, damit die Systeme nicht nur emotional und gescheit sind, sondern auch Ziele verfolgen können.

Aber steckt da nicht genau die Gefahr drin?
Nein, weil Emotionen unabhängig von Trieben sein können. Erst wenn Maschinen Triebe entwickeln würden, sollten wir uns Sorgen machen.

Warum brauchen aber die Systeme Emotionen?
Zum Beispiel, um in einem Speicher rascher relevante Informationen für eine Entscheidung zu finden. Man erinnert sich schneller an Informationen, die mit Emotionen verknüpft sind. Wir Menschen verwenden Emotionen für viele Funktionen.

Was kann man aus der Funktionsweise der menschlichen Intelligenz auf AI übertragen?
Logische Schlussfolgerungen, Formalisierungen und Planungsstrategien kann man recht gut übertragen. Es gibt aber auch Aspekte, die man vom Menschen übernommen hat, aber nicht weiß, ob es wirklich im Menschen so abläuft. Das ist zum Beispiel Deep Learning.

Haben Sie ein Beispiel dafür?
Man legt einem System mit Kamera eine Auswahl von Bildern vor, und es soll daraus diejenigen mit Katzen heraussuchen. Früher hätte man die Katze anhand gewisser Merkmale definiert, aber wenn etwas gefehlt hat, wurde sie nicht erkannt. Jetzt zeigt man dem System Bilder mit und ohne Katzen, das Programm vergleicht und kann nachher Katzen erkennen. Man weiß aber nicht, aufgrund welcher Parameter das Programm auswählt. Ein anderes Beispiel sind selbstfahrende Autos. Sie sollen akustisch erkennen, ob ein Einsatzfahrzeug kommt. Auch das geht mit Deep Learning. Man spielt Aufnahmen mit tausenden Beispielen vor und irgendwann erkennt das System eine Sirene zweifelsfrei auch im Verkehrslärm. Wir wissen nicht so genau, wie, aber es geht.

Ist es intelligent von uns, künstliche Intelligenz zu schaffen?
Wissenschafter machen oft Dinge aus Neugier, die schlecht im Ergebnis sind. Ich glaube aber, dass es uns weiterbringen kann. Der Fortschritt hat ja auch dazu geführt, dass wir nicht mehr 80 Stunden arbeiten müssen. Auch die Anzahl der hungernden Menschen ist zurückgegangen. Klar, manche Dinge könnten natürlich noch besser funktionieren, aber die AI könnte noch einmal eine deutliche Entlastung bringen.

Wer treibt diese Entwicklung aktuell am stärksten an?
Ein wesentlicher Player ist in den letzten Jahren China geworden. Sie haben ein großes AI-Programm am Laufen und werden bald mehr AI-Forscher als die Amerikaner haben – und zwar sehr gute. In den USA sind es natürlich Firmen wie Google, Apple, Amazon, aber auch das Militär, die sich damit intensiv befassen. Auf EU-Ebene wüsste ich nicht, dass hier etwas passiert. Bei uns diskutiert man leider lieber über die ethischen Fragen, die sich dazu auftun. Wir bräuchten aus meiner Sicht aber dringend ein europäisches Zentrum für AI-Forschung oder ein internationales wie das CERN. Denn zum Beispiel mit einer EU-Förderung für Baumwollanbau von einer Viertelmilliarde Euro reißt man in Zukunft sicher kein Leiberl mehr.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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