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Die Zukunft ist jetzt

08.09.2017

Martin Wezowski ist Innovator und Chief-Designer beim Softwareriesen SAP. Im Interview erklärt er, warum uns Maschinen menschlicher machen werden, wieso das nächste große Ding kein Ding mehr sein wird und warum Unternehmen Sinn stiften müssen.

Sie sind Chief-Designer von SAP und halten gleichzeitig als Zukunftsforscher Vorträge. Wie passt das zusammen?
Mein Job besteht aus zwei Teilen. Der erste umfasst meine Arbeit für die Strategie-Abteilung von SAP. Die Zielsetzung ist, dabei über den Tellerrand zu schauen und Trends vorauszusehen. Wir müssen verstehen, wie die Zukunft aussehen und funktionieren wird. Es geht darum, die Mechanismen der Veränderung zu durchschauen und die Arbeitswelt in 10 oder 15 Jahren vorherzusehen. Wir haben nämlich die Möglichkeit, diese Zukunft aktiv mitzugestalten.

Und der zweite Teil?
In dem diskutiere ich mit den unterschiedlichsten Menschen, um neue Ideen zu finden. Ich habe dazu auch einige neue Denkansätze, über die ich mich mit der Community austausche. Denn ich glaube, dass Innovation nur durch eine sehr offene Herangehensweise funktionieren wird. Die Komplexität wird immer umfassender. Ich verbringe also viel Zeit mit Netzwerken, zu diskutieren, zu beobachten und den Status quo in Frage zu stellen – das ist Teil meines Jobs. Ich möchte mögliche Zukunftsszenarien darstellen und aufzeigen, welche Empfehlungen sich daraus für die Gegenwart ableiten.

Vordenker ist ja keine Studienrichtung auf der Universität, wie hat sich das ergeben?
Nun, das Leben geht oft verrückte Wege. Mein Weg hat mich in Schweden zu Sony Ericsson geführt. Danach bin ich zu Huawei nach China gegangen und habe mitgeholfen, das Unternehmen von der Nummer 8 zur Nummer 3 zu machen. Dabei ist mir klar geworden, dass wir uns in einer immer rascheren Veränderung befinden. Einer neuen Revolution. Der vierten industriellen Revolution. Es geht nämlich heute nicht mehr um einzelne Gadgets oder Produkte, sondern darum, Ökosysteme zu erschaffen. Als mich dann SAP zu meiner Überraschung angerufen hat, dachte ich mir, das ist die Firma, die das System, wie wir arbeiten und was Arbeit überhaupt in der Zukunft ist, verändert. Darin liegt eine der größten Herausforderungen der Gegenwart. Das wollte ich machen.

Vermutlich wird die Art, wie wir arbeiten und leben von Entwicklungen wie Blockchain, künstliche Intelligenz und Machine Learning stark beeinflusst werden. Warum kommen genau jetzt so viele neue große Technologien heraus, die das Zeug dazu haben, unser Leben völlig umzukrempeln?
Das liegt sicher daran, dass die Veränderung selbst exponentiell und damit immer schneller und schneller abläuft. Dahinter steckt das Mooresche Gesetz, das besagt, dass sich die Komplexität integrierter Schaltkreise mit minimalen Komponentenkosten regelmäßig verdoppelt. Aber es kommt noch ein weiterer wesentlicher Aspekt dazu: Die Veränderungen gehen jetzt nicht mehr nur von Experten und Forschungsabteilungen aus, es sind Tüftler, die immer mehr fantastische Anwendungen entwickeln, die unmöglich vorherzusagen waren. Früher gab es einen Guttenberg in einer Epoche und jetzt gibt es zehn in einem Jahr. Die Veränderung läuft also exponentiell und immer rascher ab. Damit verändert sich auch die Natur der Veränderung selbst.

Der große Game Changer liegt also darin, dass die Technik immer günstiger wird und damit mehr Menschen Zugang finden?
Genau. Auch die Entwicklung von Hard- und Software ist nicht mehr nur ein paar Profis vorbehalten. Dadurch entsteht eine spannende Dynamik. Das regt die Kreativität vieler Menschen an. Und der wichtigste Treiber für Innovation ist die menschliche Vorstellungskraft. Wenn wir uns etwas vorstellen können, können wir es auch artikulieren und in Angriff nehmen. Wir sind hungrige und neugierige Kreaturen. Heute ist das Umfeld dafür besonders gut. Wir stehen jetzt an dem Punkt, wo aus Science Fiction Science Fact wird. Was dazwischen liegt, ist verdammt harte Arbeit. Es geht um blood, sweat and tears, aber auch um jede Menge Spaß.

Wenn die Zukunft endgültig bei uns ankommt: Welche Anwendungen werden unser Leben am meisten verändern?
Ich denke, dass die nächste große Sache gar keine Sache mehr sein wird. Es geht vielmehr um die Beziehungen von Dingen. Die Beziehungen von uns zu allen anderen Menschen, von uns zu unseren Maschinen. Diese Beziehungen können designt werden. Und wenn man diese Beziehungen gestalten kann, wird der Rest, also das Produkt und seine Anwendungen, ganz einfach.

Welche Rolle spielt die Technologie bei der Gestaltung von Beziehungen?
Eine ganz zentrale, denn Maschinen können Zusammenhänge aufzeigen, die wir nicht entdecken. Das hilft uns natürlich dabei, diese und damit uns selbst zu optimieren. Ich denke manchmal, dass wir eigentlich bislang nicht wirklich vollständig menschlich waren. Dass wir aber schon bald einen völlig anderen Kontext in unserem Leben erkennen können, der uns menschlicher als jemals zuvor machen wird. Wir könnten dank neuer Technologien immer bessere Versionen von uns selbst werden.

Man hat oft eher den Eindruck, dass uns die Technik abstumpft. Wie soll uns der Einsatz von noch mehr Technik menschlicher machen?
Wenn wir zum Beispiel Informationen so gestalten und verfügbar machen, dass sie von jedermann als Wissen konsumiert werden können, schafft das eine ungeheure Neugier. Das liegt in unserer Natur. Wir sind neugierig und kreativ. Aber welche Designs und Programme haben wir heute, die das wirklich fördern? Wir sollten jeden neugierig machen. Wir designen die Welt heute allerdings noch so, dass niemand neugierig sein muss. Das müssen wir ändern.

Wie?
Die Systeme werden Wissen genau dann zur Verfügung stellen, wenn wir es brauchen. Dafür müssen wir verstehen, warum wir nach Informationen suchen, und wieso wir alles Mögliche notieren. Wenn wir uns erst von den automatisierbaren, langweiligen Arbeiten befreien, ist Zeit da, um neugierig und kreativ zu sein. Also um das zu sein, was uns Menschen ausmacht! Und wenn wir aufgrund von Computern Zusammenhänge sehen, die uns jetzt noch verschlossen sind, wird das viele neue Ideen auslösen. Ein Beispiel: Denken wir an eine Firma mit tausenden Mitarbeitern. Ein Computer erkennt Muster in dem Verhalten von all diesen Personen und kann dem CEO Ratschläge geben. Er sagt: „Hi, mir ist aufgefallen, dass ihr 20 Prozent mehr Umsatz machen könnt, wenn ihr 30 Prozent mehr eurer Zeit für persönliche Meetings aufwendet.“ Das ist für einen Computer nicht besonders schwer herauszufinden. Das smarteste System ist also immer jenes, das den Menschen smarter macht.

Computer, die uns Ratschläge erteilen und unser Leben organisieren, sind sicher für viele Menschen eine erschreckende Vorstellung. Wie muss man solche Systeme gestalten, damit sie angenommen werden?
Es gibt dazu einen Spruch, der mir gut gefällt: „Menschen respektieren nur Systeme, die auch sie selbst respektieren.“ Wir brauchen also ein menschenzentriertes Design. Das System muss verstehen, wer der User ist, was er will, wie er tickt, was er präferiert. Nur dadurch wird das System relevant. Relevanz ist mit Sicherheit der Schlüssel zur Usability. Wenn selbstlernende Systeme erst in der Lage sind, unsere ganz individuellen Bedürfnisse zu kennen und darauf zu reagieren, wird es richtig spannend.

Wird das eine Veränderung zum Guten für alle sein oder nur für wenige, die sich solche Hilfssysteme leisten können?
Ich bin überzeugt, dass diese Entwicklung gut für uns alle sein wird. Dafür müssen die Systeme aber auch entsprechend aufgesetzt werden.

Ob dabei wirklich nur altruistische Ziele verfolgt werden, wage ich zu bezweifeln. Unternehmen müssen ja in der Regel Geld verdienen und nicht die Welt verbessern.
Das sehe ich anders. Immer mehr Unternehmen agieren heute stark sinngetrieben. Es geht darum, Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen und die Welt besser zu machen. Man kann natürlich auch zu SAP sagen: „Hey, ihr seid eine Softwarefirma“. Aber ich sage: Wir wollen die Zeit, die Menschen bei der Arbeit verbringen, verbessern. Wir wollen das Leben der Menschen verbessern. Das ist kein Trend, sondern ein grundlegendes menschliches Prinzip. Wir wünschen uns Sinn bei der Arbeit. Warum sollte das nicht selbstverständlich für alle Unternehmen werden? Und besonders die Jungen wollen nur in solchen Firmen arbeiten. Das ist ein gutes Zeichen.

In Japan werden schon heute in der Altenpflege Roboter eingesetzt. Ist das sinnvoll?
Schon, ja klar. Die Frage ist lediglich: Wenn Menschen neue Beziehungen zu Maschinen haben – wie mache ich diese wirklich gut? Wenn die Maschine bei manchen Aufgaben helfen kann, bleibt vielleicht mehr Zeit über, um den alten Menschen zuzuhören.

Es gibt zahllose arbeitslose Menschen, und wir lassen Roboter auf die Alten los. Das wirkt doch irgendwie widersinnig und erschreckend. Finden Sie nicht?
Ja, schon ein bisschen. Und ich verstehe auch die Kritik. Ich würde es auch erschreckend finden, wenn es schon das Ende der Geschichte wäre. Es ist aber genau das Gegenteil, es ist erst der Start. Wir haben die unglaubliche Brainpower, die in den Menschen steckt, und wir haben schon bald Maschinen, die uns von stupiden Arbeiten erlösen. Das wird alles verändern, denn wir sind viel smarter als das, womit wir jetzt unsere Zeit verbringen. Ich glaube: Wir werden mehr Arbeit für die Menschen haben, und die Arbeit wird viel spannender sein als jetzt.

Wir müssen jetzt die Zukunft gestalten, in der wir leben wollen.

Welche Branchen müssen sich besonders rasch auf diese bevorstehenden Veränderungen vorbereiten?
Einfach alle! Denn alles wird digital. Egal in welchem Business man ist, es wird digital. Es gibt zum Beispiel diverse Studien, die sagen, dass Energie schon bald fast gratis verfügbar sein wird. Häuser können bald gedruckt und von Robotern zusammengebaut werden. Wenn man also im Immobilien- oder Energiegeschäft tätig ist, dann muss man überlegen, welchen Mehrwert man den Menschen bieten kann. Genauso wenn man eine Versicherung ist. Ich würde lieber dafür bezahlen, um nie einen Unfall zu haben, als im Falle eines Unfalls das Geld zu bekommen. Mit dem Wissen darüber, wie wir leben, könnten sie uns dabei helfen, gesünder und sicherer zu sein. Für diesen Service werden Menschen bezahlen. Wir müssen also viele Geschäftsmodelle völlig neu denken.

Welchen Mindset braucht es, um von dieser Entwicklung profitieren zu können?
Die Veränderung geht immer schneller voran, und das setzt viele Menschen unter Druck. Hollywood schürt ebenso Ängste. Die machen dystopische Filme über Roboter, die unsere Jobs stehlen. Ich bin aber auf der positiven, auf der utopischen Seite. Wir fliegen zum Mond und kommen zurück. Das ist Utopie. Wir hatten keine Idee, wie das klappen sollte, aber es wurde geschafft. So funktioniert das Gehirn. Wenn wir uns fantastische Dinge ausdenken, werden auch die Zukunft und die Welt fantastisch. Wenn wir die Zukunft schwarzmalen, wird die Zukunft auch düster sein. Zwischen Dystopia und Utopia liegt „Dotopia“. Es geht um harte Arbeit. Sie wird die Umsätze bringen. Wir müssen uns überlegen, welche der möglichen Zukunftsvarianten, die erstrebenswerten sind. Auf welche kann ich als Mensch und mit meiner Firma positiv einwirken? Daraus muss man eine Strategie ableiten, und die führt einen zu großartigen Beziehungen. Und großartige Beziehungen zahlen sich immer aus. Dieses Investment muss man machen. Sonst schafft vielleicht jemand anderer eine Zukunft, die wir nicht mögen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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