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„Die Zeit ist uns sehr knapp geworden”

30.08.2012

Hunderte E-Mails im Postfach, ein Termin jagt den anderen, und der Tag hat grundsätzlich zu wenige Stunden. Zeit ist für Top-Manager ein ­extrem knappes Gut. Der Zeitforscher Franz J. Schweifer hat hinterfragt, wie sie damit umgehen und seine Forschungsergebnisse in einem  Buch ­zusammengeführt. Weil auch wir keine Zeit hatten, um es zu lesen, trafen wir ihn zum kürzesten Interview aller Zeiten. Elf Fragen in fünf Minuten. Und los!

„O weh, o weh! Ich werde zu spät kommen!“ / Das weiße Kaninchen

Interview: Stephan Strzyzowski

Leider hatte ich keine Zeit, um Ihr Buch über Zeitmangel zu lesen. Sorry! Aber in aller Kürze: Was ist denn das Wichtigste, das drin steht?

Das Buch konzentriert sich darauf, wie Top-Manager Zeit erleben im Kontext von Macht und Ohnmacht. Und es geht darum, welche Erfolgsstrategien es gibt.

 

Die wichtigste Erkenntnis?

Dass auch diese mächtigen Menschen sogar sehr heftig mit der Zeit ringen. Das Bild des allmächtigen Machers trifft in vielen Bereichen zu, aber sicher nicht im Zusammenhang mit
Zeit.

 

Mangelt es den Managern wirklich an der Zeit? Oder ist das nur ihre gefühlte Wahrnehmung?

Ihre Zeit ist tatsächlich hochgradigst ausgefüllt. Nur der interessante Punkt ist: Wie empfinden sie das? Der überwiegende Teil grundsätzlich als beglückend.

 

Dass sie so viel zu tun haben, gefällt ihnen also?

Ja! Das würde ich schon sagen. Das liegt etwa daran, dass sie etwas machen, was sie wirklich gerne tun. Zum Beispiel der Chocolatier Josef Zotter. Er sagt, dass es ihn förmlich zerreißt vor Aktion. Aber gleichzeitig ringt er auch mit der Zeit. Manager und Unternehmer haben einen enormen Entscheidungsrahmen und weitreichende Befugnis. Sie sind aber immer noch höheren Zeithierarchien ausgesetzt – egal, wo sie stehen.

 

Woran liegt das? Wo geht am meisten Zeit verloren?

Bei Repräsentationen. Aber auch da gibt es widersprüchliche Aussagen. Die einen genießen das. Manche haben das aber auch unterschätzt und mussten erst erkennen, was das für ein Zeitkiller ist. Und auch, dass sie nicht auskönnen – trotz ihrer Position. Manche mögen das, viele leiden aber auch
darunter.

 

Liegt der Zeitmangel daran, zeitgleich einfach zu viel tun zu wollen?

Absolut!

 

Welche Ursachen für Zeitmangel und Eile haben Sie sonst noch festgestellt? Will es die Gesellschaft so, oder ist vielleicht die Technik schuld?

Beides! Das, was wir als Beschleunigung erleben, hat persönliche, kulturelle und ökonomische Hintergründe. Kulturell, weil unsere Gesellschaft auf Leistung abgestellt ist. Das beeinflusst unser Verhalten. Auch, dass wir Gott durch Geld ersetzt haben. Dadurch ist die Endlichkeit viel präsenter. Und dadurch, dass ja dem Tod nichts mehr folgt, will man in der zur Verfügung stehenden Zeit viel mehr unterbringen.

Die Zeit ist uns sehr knapp geworden. Die Technisierung und die Globalisierung verstärken das noch zusätzlich. Und auf persönlicher Ebene haben wir Geschwindigkeit und Tempo so internalisiert, dass wir zum Beispiel Warten gar nicht mehr aushalten.

 

Welche Gefahren ergeben sich daraus?

Dass man am Wesentlichen vorbeigeht. Und erst dann aufwacht, wenn kritische Momente im Leben passieren wie Krankheit, Tod, Beziehungskrisen, in denen das System aufbricht und man sich fragt, ob man in der richtigen Richtung unterwegs
ist.

War das früher besser? Und glauben Sie, dass es noch schlimmer wird?

Jein, vordergründig muss man annehmen, dass es sicher noch schlimmer wird. Die Beschleunigung ist unaufhaltsam. Andererseits hat es in der Geschichte immer wieder unerwartete Brüche gegeben. Und wirklich besser war es früher nicht, nur anders. Die Ursachen für die Zeitnot waren andere. Etwa Armut, die Menschen lange Arbeitstage aufgezwungen hat. Heute liegt es eher an den vielen Handlungsoptionen. Die Verdichtung, die Taktung und Vergleichzeitigung sind vehementer geworden.

 

Welchen Rat geben Sie Managern?

Es scheint vielleicht trivial, ist aber fundamental wichtig: Sie sollen sich Zeit nehmen, um in sich zu gehen. Um zu schauen, ob da jemand zu Hause ist. Es ist sinnvoll, das als Ritual zu pflegen, um sich selbst auf die Spur zu kommen, im Kopf klar zu werden und um möglichst klare Entscheidungen treffen zu können. Das ist wichtig, weil man im stressigen Arbeitsrhythmus keine Möglichkeit hat, lang nachzudenken. Martin Essl hat mir erzählt, dass er jeden Tag so ein Ritual pflegt: Er steht früh auf, zieht sich eine halbe Stunde zurück und kontempliert. Das ist die Chance, klar zu werden. Denn ab dem Moment, wo man die Türschnalle drückt und rausgeht, weiß man ja nicht wirklich, was passieren wird. Weil dann die Zeit knapp wird, muss man sie sich schon vorher nehmen.

 

Was hätte ich noch herausfinden können, wenn wir uns mehr als fünf Minuten für das Gespräch genommen hätten?

Wenn wir uns wirklich Zeit für einen gemeinsamen Dialog nehmen, können wir auf überraschende Dinge draufkommen. Dann entstehen neue Ideen und Eindrücke, die einem in der normalen Taktung nicht einfallen können.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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