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Die Verwerter

23.11.2017

Ob Kran, Flugzeug, Pinzgauer oder Spezialmaschine: Beim Auktionshaus Karner & Dechow kommen vor allem Produkte unter den Hammer, die für Unternehmer interessant sind. Ein Porträt.

TEXT: STEPHAN STRZYZOWSKI, FOTOS: RICHARD TANZER

Der Himmel ist über den Industriebauten ein Stückchen außerhalb von St. Pölten ein wenig verhangen. Die Felder rund um die Fertigungshallen sind abgeerntet und auch in dem modernen, grauen Gebäude, in dem bis vor kurzem noch Schaltschränke gefertigt wurden, herrscht Stille. Das Unternehmen ist in die Insolvenz gerutscht. Was übrig ist, soll nun professionell verwertet werden.

Ein Fall für Karner & Dechow Auktionen. Der Geschäftsführer Peter Singer und der Firmengründer Herbert Karner sind auf die Verwertung von Industrieanlagen, Betriebsausstattungen, Konsum- und Investitionsgütern spezialisiert. Sie bewerten, listen auf, fotografieren und versteigern bis zur letzten Schraube, was an Vermögen vorhanden ist, wenn ein Unternehmen am Ende ist. Zu ihren Auftraggebern zählen entsprechend viele Insolvenzverwalter. In Österreich vor allem jene rund 300, die sich um die Abwicklung der bedeutenderen Insolvenzen kümmern. Aber auch Finanzierungsgesellschaften, Banken sowie klassische Unternehmen zählen zur Klientel der Profiverwerter.

DAS MAXIMUM RAUSHOLEN

Auch im Falle der Firma EAZ hat sich ein Insolvenzverwalter an Karner & Dechow gewandt. Das Ziel: Alle 1.600 Einzelposten möglichst gewinnbringend verwerten und vielleicht sogar einen Käufer für das Objekt samt aller Maschinen finden, der die Produktion fortführen möchte. Denn es geht auch um eine Menge Arbeitsplätze. Ein letzter verbliebener Mitarbeiter des insolventen Unternehmens schließt den beiden Herren die Tür zu den Produktionshallen auf und zieht sich wieder zurück in das Büro. In den Hallen ist alles aufgeräumt und sauber. Potenzielle Interessenten sollen sich rasch einen Überblick verschaffen können. Jede einzelne Maschine wurde erfasst und ist online auf der Seite des Auktionshauses zu besichtigen.

Schon nach wenigen Metern ist das Prunkstück der Auktion erreicht. Eine riesige Maschine zur Blechbearbeitung – mehrere hunderttausend Euro wert, wie Peter Singer erklärt. Sie ragt hoch auf und wirkt brandneu mit ihren rot lackierten Stahlelementen. Kein Schnäppchen, aber umso begehrter. Denn häufig müssen sich Unternehmen bei Spezialmaschinen mit sehr langen Lieferzeiten abfinden. Die Fertigung gewisser Produkte würde sich auch mit einer Maschine, die zum Neupreis angeschafft werden müsste, in vielen Fällen gar nicht rechnen. Wer bei solchen Losen also zuschlägt? Kurz gesagt: Käufer aus der ganzen Welt, wie Peter Singer erklärt.

Kein Wunder also, dass die Ausrichtung vor allem bei Industriegütern sehr international ist. Bereits in 150 Länder haben Karner & Dechow Lose aus Auktionen verkauft. Was durchaus mit einem kleinen Risiko für die Käufer verbunden ist. Von der Katze im Sack möchte Peter Singer zwar nicht sprechen, aber Gewährleistung oder Garantie gibt es nicht – selbst bei Beträgen von mehreren hunderttausend Euro. Dafür versuchen die Auktionatoren, jene Angestellten aus dem Betrieb zu involvieren, die für die Wartung der Maschinen zuständig gewesen sind. Darüber hinaus gibt es vor allem bei moderneren Geräten ausführliche Protokolle und Informationen der Hersteller. Und zeigt sich einmal doch, dass es Reparaturbedarf gibt, steht das im Katalog. Viele Kunden kämen schließlich immer wieder, erklärt Herbert Karner, da darf es keine bösen Überraschungen geben.

Auch wenn manches Los in Unternehmen rund um den Globus landet; der überwiegende Teil geht nach wie vor nach Österreich und seine Nachbarländer. Allen voran Deutschland, gefolgt von Polen. Manche Maschinentypen, die in speziellen Branchen zur Anwendung kommen, seien allerdings mittlerweile nur mehr schwer zu verwerten, erklären die Experten. Produktionsmaschinen für Bäckereien oder das Fleischereigewerbe werden nur wenig nachgefragt. Der Grund liegt darin, dass immer mehr Mittelständler wegbrechen. Ein anderes Beispiel sind Maschinen zur Eisherstellung. Es gebe überhaupt nur mehr fünf wesentliche Hersteller, meint Karner. In manchen Nischen könne man also nur noch wenig retten. Auch wenn es in manchen Bereichen enger wird: An Aufträgen mangelt es den Verwertern nicht. Rund 250 Auktionen pro Jahr wickeln sie im Schnitt ab. Auf der Käuferseite findet sich eine große Bandbreite – vom Industrieunternehmen bis zur Hausfrau, die sich eine Swatchuhr kauft.

HEISSBEGEHRTE RARITÄTEN

Innerhalb der Käufer, die auf Schnäppchen bei den Auktionen hoffen, finden sich je nach Angebot natürlich auch spezialisierte Sammler und Liebhaber. Etwa erst kürzlich, als bei Karner & Dechow ein ganzer Schwung an ausgemusterten Militärfahrzeugen des Österreichischen Bundesheeres unter den Hammer kam. „Bei den Bundesheer-Fahrzeugen gibt es natürlich viele Liebhaber und Sammler, die sie restaurieren“, erklärt Peter Singer. Auch Jäger seien scharf auf die robusten Wagen. Einiges ging auch an Forstunternehmen nach Rumänien.

„Bei den Bundesheer-Fahrzeugen gibt es natürlich viele Liebhaber und Sammler, die sie restaurieren.“

Ob man bei so einer Nachfrage nicht den Aufwand der Auktion umgehen könnte und direkt anbieten? „Keine Option“, schließt Herbert Karner diese Möglichkeit kategorisch aus. Die Insolvenzverwalter bestünden mit gutem Recht drauf, dass alles unter den Hammer komme. Schließlich gilt es, einen möglichst hohen Preis zu erringen. Und dieser werde meistens in den letzten paar Minuten erreicht. Dabei werden die Online-Auktionen stets so angesetzt, dass sie zwischen und 9 und 17 Uhr auslaufen – unter der Woche versteht sich. Dank der digitalen Möglichkeiten ist das auch bei hunderten Einzellosen perfekt machbar. Das lief nicht immer so reibungslos. Als Karner & Dechow 2004 mit Onlineauktionen angefangen haben, wurde das nicht sofort von den Käufern goutiert. „Es hat Jahre gebraucht, bis ein totaler Schwitch gelungen ist“, erinnert sich Singer. Erst seit 2013 gibt es keine Live-Auktionen mehr.

Nun laufen die Auktionen zwischen vier und fünf Wochen, je nachdem, worum es sich handelt. Damit die Produkte überall auf der Welt gefunden werden können, befasst sich ständig ein Team mit der Positionierung über Google. Und was, wenn trotzdem keiner bietet? Oft komme nach dem Ablauf noch ein Gebot unter dem Rufpreis rein, erzählt Herbert Karner. Das werde dann geprüft und angenommen oder das Produkt kommt in einer Nachauktion mit geringerem Rufpreis noch einmal unter den Hammer. Und rund ein Prozent aller Produkte geht einfach den Weg alles Irdischen.

„Wenn man nur drei Leute fragt, muss man sich mit weniger begnügen.“

Auch wenn es mittlerweile kaum etwas gibt, das man auf Seiten wie Willhaben oder Ebay nicht findet – eine Konkurrenz stellen solche Portale nicht für die Profiverwerter dar. „Das Geschäftsmodell ist ein völlig anderes“, erklärt Singer. Dort müssten die Verkäufer ja selbst ihre Produkte inserieren und verkaufen. Sie dagegen verkaufen im Namen ihrer Kunden, und im Industriesektor spiele sich auf den B2C-Portalen sowieso nichts ab. Ein Angebot, das Anklang findet, wie die Zahlen beweisen, die Singer stolz präsentiert. Jährlich verkauft das Unternehmen über eine Million Einzelpositionen an Personen aus über 100 Ländern. Ihre Online-Versteigerungsplattformen haben über 1,2 Millionen registrierte Usern.

TOP ODER FLOP?

Ob es bei dieser breiten Zielgruppe auch echte Ladenhüter gibt, die sich nur unter Schmerzen verwerten lassen? Herbert Karner kann ein Lied davon singen. Gäbe es doch zum Beispiel immer wieder Teppichhändler, die versuchen würden mit freiwilliger Liquidation ihren Warenbestand an den Mann zu bringen. Für Perserteppiche interessiere sich aber keiner mehr. Und oft seien die Teppiche auch nicht so hochwertig, dass sie besondere Kunden ansprechen würden. Hier müsse man dann passen.

Besonders begehrt sind dagegen immer Produkte für den Baubereich. Ob für Profis oder Pfuscher: Kleingeräte und Handwerkzeuge gingen immer gut. Doch es kommen auch spektakulärere Objekte unter den Hammer. „Ein besonderes Highlight war zum Beispiel eine Maschine zur Herstellung von Überraschungseiern“, erzählt Peter Singer. „Sie hat einen guten Preis erzielt.“ In Deutschland verwertet das Unternehmen auch immer wieder Immobilien – darunter vor Jahren das Schloss Gymnich. Als ein Anruf vom Sekretär von Herrn Schuhmacher kam, der das Schloss besichtigen wollte, war die Freude natürlich groß. Allerdings war es nicht der Rennfahrer, sondern ein gleichnamiger Schotterwerkbesitzer, der eine unter dem Schloss befindliche Mine reaktivieren wollte. Am Ende habe dann die Kelly Family das Schloss gekauft, erzählt Karner.

Über die Jahre kamen den Unternehmern die unterschiedlichsten Objekte in die Hände: darunter auch Flugzeuge, riesige Kräne, aber auch die komplette Fernseherfertigung von Grundig, die in die Türkei verkauft wurde. Allerdings war es die Röhrenfertigung – so knapp vor der Einführung der Flachbildschirme, dass sie niemals aktiviert wurde.

VERKAUFEN FÜR DIE GLÄUBIGERQUOTE

Egal, worum es sich auch handelt – das Ziel ist immer das Gleiche: Alle Massen möglichst gut verwerten, um die Gläubiger besser zu befriedigen. Dafür erhalten die Auktionatoren 15 Prozent des Erlöses vom Verkäufer. Nicht mehr. Für Werbung und Organisation müssen sie selbst aufkommen.

Wachstumspotenzial sehen sie vor allem im Bereich der klassischen KMU. Denn viele hätten Maschinen, die sie nicht mehr verwenden und häufig viel zu günstig losschlagen, anstatt sie professionell zu verwerten. Dabei ließe sich im Schnitt bis zu 30 Prozent mehr herausholen. In manchen Fällen auch um 100 Prozent. Woran das liegt? „Die Unternehmen kennen ja den internationalen Markt für die Maschine nicht“, erklärt Karner. Wenn man aber den Kunden in Finnland findet, der die Maschinen braucht, ist dieser auch entsprechend bereit zu bezahlen. „Wenn man dagegen nur drei Leute fragt, muss man sich mit weniger begnügen“, sagt der Verwerter am Ende der Besichtigungsrunde durch die verwaisten Hallen. Ob und wann wieder Leben in den Standort kommt, das bleibt abzuwarten. Fix sei dagegen das bestmögliche Ergebnis für die Gläubiger – und damit auch für die Verwerter.

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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