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Die Sonne anzapfen

10.10.2018

Immer mehr Unternehmen setzen aus Überzeugung, aber auch aus Kostengründen auf erneuerbare Energien. Unterstützung erhalten sie dabei von Energie versorgern. Wie das in der Praxis funktioniert, zeigen einige Beispiele.

Johannes Zauner, Biohort
ÖKOSTROMBERICHT 2018

Im Jahr 2017 kam es erneut zu einem Anstieg des geförderten Ökostroms, gleichzeitig konnte auch dessen Anteil (gemessen an der Abgabe an Endverbraucher) gesteigert werden. Der Anteil des geförderten Ökostroms stieg von 16,8 Prozent auf 17,9 Prozent. Die Erzeugung aus gefördertem Ökostrom konnte dabei im Jahr 2017 um acht Prozent erhöht werden.

 

Prozentual bedeutet das für die einzelnen Technologien von 2016 auf 2017:

Windkraft +17 %
Photovoltaik +15 %
Kleinwasserkraft –8 %
Biomasse fest +1 %
Biogas +/–0 %

Grids, Smart Meter, Prosumer oder Sustainable Citys – der Klimawandel hat auch dazu geführt, dass ein neues Schlagwort in der Energiebranche das andere jagt. Dass diese Begriffe keine abstrakten Wunschvorstellungen beschreiben, sondern schon konkret umgesetzt werden, zeigt die schwedische Stadt Malmö in ihrem Stadtteil Hyllie vor. Das Viertel soll nämlich komplett mit erneuerbarer oder zumindest recycelter Ener gie versorgt werden. Das ist auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär – den vollständigen Umstieg auf grüne Energie haben sich schon einige Städte zum Ziel gesetzt. Außergewöhnlich ist aber der Zeitplan, den Malmö dafür ausgegeben hat. Bereits im Jahr 2020 soll Hyllie mit 2.000 Wohnungen und 3.000 Arbeitsplätzen „grün“ sein und zu einer Smart City werden, in der Strom- und Wärmeversorgung, Breitband und Elektromobilität verknüpft und nachhaltig aufgebaut sind. Für Malmö ist Hyllie dabei nur der Anfang. Bis 2030 soll die komplette Stadt auf diese Weise umgestellt sein.

Was bedeuten diese nachhaltigen Entwicklungen für die Energiebranche und die Energieversorger? Und wie gehen die KMU damit um, dass die Kunden immer mehr Wert auf grüne Unternehmen legen?

AUTARKIE KOMMT – MIT ODER OHNE UNS

„Man muss offen mit dem Thema umgehen“, erklärt Urs Harnik-Lauris, Leiter der Konzernkommunikation der Energie Steiermark AG. Denn er weiß: Immer mehr Kunden wollen sich schrittweise autark machen. „Für uns stellt sich daher nur die Frage, ob diese Entwicklung mit uns oder ohne uns passiert“, so Harnik-Lauris, der sein Unternehmen daher nicht mehr als reinen Versorger, sondern als Dienstleister und die Kunden als Erzeugungspartner definiert. Die Energie Steiermark setzt seit rund drei Jahren bereits ausschließlich auf Strom aus erneuerbaren Energien. „Sowohl für Privat- als auch Geschäftskunden ist die Herkunft des Stroms ein entscheidendes Kriterium“, sagt der Unternehmenssprecher.

Einen Aufwind verzeichnen in diesem Zusammenhang besonders die Photovoltaikanlagen (PV). Die Steiermark erzeugt 22 Prozent der gesamten österreichischen PV-Leistung und ist damit Spitzenreiter. Auch aufgrund der Klimaund Energiestrategie rechnet die Energie Steiermark hier künftig noch mit einem weiteren Boom. Die E1 – eine Tochter des steirischen Energieunternehmens – errichtet jährlich rund 350 PV-Anlagen. Dies entspricht einer Stromerzeugung von 2.750.000 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr oder dem Stromverbrauch von 800 Haushalten. Davon werden rund 50 Anlagen bei Unternehmen installiert.

Nur „grün“ zu sein reicht nicht, es muss auch kaufmännisch sinnvoll sein. Johannes Zauner, Biohort

„GRÜN“ AUS ÜBERZEUGUNG

Viele davon sehen sich als Idealisten. Wie auch Ewald Holler, Geschäftsführer der Holler Tore GmbH, die seit 1992 im Werk Leitring im Bezirk Leibnitz Tore und Zäune aus Aluminium fertigt. „Wir machen es aus Überzeugung und wollen mit Blick in die Zukunft die vorhandenen Ressourcen gut nutzen und möglichst wenig fossile Energien verwenden“, erklärt der Unternehmer seine Beweggründe. Schon vor sieben Jahren hat Holler, übrigens als Erster in Europa, die abwasserfreie Vorbehandlung von Werkstücken in der Pulverbeschichtung umgesetzt. Um einen Teil seiner Produktionshallen zu heizen, nutzt der Steirer die überschüssige Prozesswärme vom Einbrennofen. Die Energie der Sonne mittels einer PV-Anlage zu nutzen war für ihn daher nur der logische nächste Schritt. Im Vorjahr wurde eine solche installiert, sie deckt derzeit 25 Prozent des Strombedarfs des Unternehmens ab.

ÜBERSCHÜSSIGER STROM WANDERT INS NETZ

Während der Produktionszeiten nutzt der Torehersteller hundert Prozent der selbsterzeugten Energie, am Wochenende wird der überschüssige Strom in das Netz der Energie Steiermark eingespeist. „Bis Anfang des Jahres 2020 wollen wir die Hälfte unseres Energiebedarfs selbst abdecken“, erklärt Holler eines seiner Ziele. 2017 errichtete das Unternehmen ein neues Forschungs- und Entwicklungszentrum sowie eine Produktions- und Verpackungshalle im Ausmaß von 1.420 Quadratmetern. Auch hier setzte Holler auf Nachhaltigkeit. Die Heizung der neuen Räumlichkeiten erfolgt durch Abwärme aus der eigenen Beschichtungsanlage, die Stromversorgung erfolgt teilweise durch eine 52-kW-Photovoltaikanlage auf dem Dach. „Wir haben einen grünen Daumen, wir nutzen vorhandene Ressourcen, das ist langfristig zielführend, aber auch wirtschaftlich, und es kommt bei unseren Kunden gut an“, so Holler.

Martin Glavassevich hat 2012 zum ersten Mal eine PVAnlage auf seinem Haus installiert. Er ist damit zu 90 Prozent energieautark. Aufgrund dieser positiven Erfahrungen hat sich der Wintergartenbauer aus Graz dieses Jahr dazu entschlossen, auch sein Gewerbeobjekt mit Sonnenkollektoren auszustatten. „Eine komplette Autarkie zu erreichen ist schwierig“, sagt der Unternehmer. Da seine Produktionshalle bereits 20 Jahre alt ist, kann er nur die Hälfte seines Strombedarfs selbst abdecken. Glavassevich sieht vor allem die kleinen Gewerbetreibenden mit PV-Kraftwerken als Vorreiter in puncto Klimaschutz: „Man kann auch als Einzelner seinen Beitrag zum Wohle des Planeten leisten.“

KAUFMÄNNISCHER ASPEKT

Ein wenig anders sieht dies Johannes Zauner, Werksleiter bei Biohort, dem europäischen Marktführer von Gerätehäusern und Stauraumlösungen aus Metall. Er bringt vor allem auch den ökonomischen Aspekt ins Spiel: „Nur ‚grün‘ zu sein reicht nicht, das Vorhaben muss auch kaufmännisch sinnvoll sein.“

Ermöglicht wird das wirtschaftliche Betreiben der beiden PV-Anlagen, die auf den Dächern der Biohort-Standorte in Neufelden und Herzogsdorf errichtet wurden, speziell durch ein Contracting-Modell der oberösterreichischen Energie AG. Die Errichtung einer PV-Anlage erfolgt für heimische Unternehmen ohne eigene Investition und ohne Risiko. Biohort sichert sich damit einen niedrigen, fixen Strompreis für die nächsten 20 Jahre. Danach geht die Anlage zur Gänze in das Eigentum der Firma Biohort über. „In unserem Stammwerk in Neufelden sind wir an unsere Kapazitätsgrenzen in Bezug auf die Energieversorgung gekommen. Die Transformatoren wurden zu klein, und wir mussten immer wieder gegen Ausfälle kämpfen. Die Frage war, wie wir die Lastspitzen auffangen können. Mit der PV-Anlage können wir nun Versorgungssicherheit garantiert“, erzählt Zauner.

Laut Energie AG ist das Contracting-Modell vor allem für Unternehmen interessant, deren jährlicher Stromverbrauch von 200.000 kWh bis weit über einer Million kWh liegt und die den Sonnenstrom auch selbst verbrauchen.

PROSUMER BELASTEN NETZE

Rund 18.000 Anlagen befinden sich derzeit im oberösterreichischen Netz. „Um das zu bewältigen, brauchen wir auch starke Netze. Da nun auch Unternehmen und private Haushalte als Prosumer Strom ins Netz einspeisen, fließt der Strom innerhalb des Netzes in unterschiedliche Richtungen“, sagt Michael Frostel, Pressesprecher der Energie AG. Daher investiert der Energieversorger pro Jahr zwischen 150 und 200 Millionen Euro. Rund 40 Prozent davon gehen in die Ertüchtigung und in den Ausbau des Netzes. In Services wie Smart Meter und in den Ausbau des Glasfasernetzes geht ein Drittel der Investitionen.

Einen ähnlichen Anreiz wie das oberösterreichische Contracting-Modell bietet auch Wien Energie mit „Solar Kraft Einfach Nutzen“. Wien Energie plant, finanziert, baut und betreibt eine PV-Anlage auf dem Dach oder Grundstück eines Unternehmens. Sobald diese Anlage in Betrieb geht, nutzt das Unternehmen den Ökostrom und ist für die nächsten 25 Jahre mit sauberem Strom versorgt. Wien Energie kümmert sich um den Betrieb, die Wartung und die Instandhaltung der Anlage. Das Unternehmen pachtet die Photovoltaikanlage und hat damit für 25 Jahre klar berechenbare Kosten. Wesentliche Vorteile für das Unternehmen: kein finanzielles Risiko und kein Aufwand für die Wartung oder die Instandhaltung. Dieses Angebot gibt es seit Ende 2012 im Produktportfolio von Wien Energie. Rund 80 Anlagen wurden damit bereits realisiert.

SONNENSTROMPRODUKTION VERFÜNFFACHT

Auch Niederösterreich setzt auf saubere Energien. Der Energiedienstleister EVN investiert jährlich 300 Millionen Euro in den Ausbau von erneuerbaren Energien, in sauberes Trinkwasser und in die Versorgungssicherheit. Besonders auffallend ist auch hier der Anstieg an PV-Anlagen. Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Sonnenstromproduktion in Niederösterreich verfünffacht. Insgesamt haben die 33.800 Anlagen heuer in den Monaten Juni, Juli und August 90.000 Megawattstunden erzeugt. Zur Veranschaulichung: Damit können mehr als 52.000 Elektroautos 12.000 Kilometern pro Jahr fahren.

Einen Blick in die nähere Zukunft der Energieversorgung wirft Lisa Sophie Grohs, Pressesprecherin der Wien Energie: „Interessant ist der Ansatz des Smart Buildings, das aktiv am Energiemarkt teilnehmen kann. Gebäude als flexible Prosumer: Sie verbrauchen nicht nur Energie, sondern produzieren und speichern sie auch. Komplexe Systeme ermöglichen die automatisierte, optimal gesteuerte Verteilung, Nutzung, Speicherung und Weiterleitung der Energie. Ein Thema, das auch für Unternehmen interessant werden könnte.“

Autor:
Markus Mittermüller

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