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Die ­Rumweltschützer

28.06.2017

Ein Steirer baut mit Freunden einen alten Kriegskutter zu einem Segelschiff um – und transportiert damit heute nicht nur Fracht emissionsfrei über den Atlantik, sondern auch begeisterte, hart arbeitende Passagiere.

Die Besatzung der Tres Hombres will ein Zeichen setzen gegen die enormen Schäden, die die Frachtschifffahrt heute an­richtet.

Text: Peter Martens

Die „Tres Hombres“ steuert vom offenen Ozean langsam dem Hafen von La Coruña in Spanien näher. Bedrohlich stark rollt das Boot nach links und rechts. Die Spitzen der Masten kragen weit über die Bordkanten. Wenn sich die Segel blähen, schießt die „Tres Hombres“ vorwärts. Gleich danach wieder hängen sie schlaff hinunter, und das Deck verschwindet scheinbar hinter den Wellen. Dann wirkt dieses stolze Segelschiff unendlich zerbrechlich. Im Sommer segelt die „Tres Hombres“ von Amsterdam nach ­Brügge, dann hinauf nach Schottland und von dort zurück in die Niederlande. Eine kleine Spritztour vor der jährlichen Generalüberholung im Trockendock während des Sommers und der großen Fahrt danach, die jedes Jahr im September beginnt. Heuer geht es von Holland aus über die Kanaren in die Dominikanische Republik, von dort weiter in die USA, zurück in die Karibik und über die Azoren wieder nach Europa. 

Das letzte seiner Art

Die „Tres Hombres“ ist einzigartig – weil sie das einzige Frachtsegelschiff ist, das im 21. Jahrhundert neu in Betrieb gegangen ist. Sie ist auch das einzige Segelschiff im Transatlantik-Frachtverkehr. Und eines von ganz wenigen, die ganz ohne Dieselmotor auf hoher See unterwegs sind. An Bord entlang der Küsten Europas kommen Stockerl­fisch aus Norwegen, Ale aus England, Wein aus Frankreich, Portwein und Olivenöl aus Portugal. In Brasilien und der Karibik liefert die Mannschaft Wein und Öl ab und verstaut stattdessen große Säcke mit Kakaobohnen, Gewürzen und schwere Holzfässer mit Rum. Der Rum ist das wichtigste Produkt der „Tres Hombres“, vertrieben unter einem eigenen Label, versehen mit dem Schlagwort „Rumweltschützer“. Überspitzt formuliert könnte man sagen: Eine Aufforderung, für eine bessere Welt mehr Schnaps zu trinken. Denn hinter dem Konzept der „Tres Hombres“ steht tatsächlich eine politische Dimension. Die gesamte Ware wird biologisch erzeugt, emissionsfrei transportiert und entweder gleich in den Häfen an die Abnehmer verkauft, etwa an Restaurants und Feinkostgeschäfte, oder im eigenen Vertrieb. Marketing und Verkauf steuern von Graz aus Gerald Spitzer und Christian Knon­bauer. Graz als Sitz des Vertriebs ist kein Zufall, wie Spitzer erklärt: „Die Hälfte des Umsatzes im Warenverkauf machen wir in Österreich.“

Drei Männer, eine Vision

Auch das ist kein Zufall. Denn auch einer der Kapitäne der „Tres Hombres“ und Mitgründer der dahinter stehenden Firma ist Österreicher: ­Andreas ­Lackner kommt aus Stainz bei Straden in der Steiermark. Lackner, ein passionierter Segler, war Aktivist bei Greenpeace. 

Im Jahr 2000 lernt er auf dem Ausbildungssegler „Europa“ die beiden Holländer Jorne Langenlaan und Arjen van der Veen kennen. Alle drei fasziniert die uralte, komplexe Technik des Segelns auf einem großen Segelschiff. Eines Tages draußen auf dem Meer überholt die „Europa“ einen mit voller Kraft fahrenden Containerriesen – und die Männer bekommen plötzlich eine Vorahnung davon, dass man den stählernen Monstern auch heute noch allein mit Wind die Stirn bieten könnte. 

Sieben Jahre später, da hat Lackner schon eine eigene Segelfirma in Kroatien, tun sich die drei tatsächlich zusammen. Sie kaufen um 3000 Euro das Wrack eines ausrangierten Kriegsfischkutters, Baujahr 1943 im Deutschen Reich, zweimal gesunken. „Es brauchte schon sehr viel Phantasie, um hier ein hochseetaugliches Boot zu erkennen“, sagt Andreas Lackner, wenn er Fotos des Wracks zeigt. „Wir mussten zuerst aus dem Kriegskutter einen Friedenskutter machen, der Fracht transportieren kann. Auch unser wichtigstes Ziel sehen wir politisch. Es geht uns nicht nur um die eigene Firma, sondern vor allem darum, unter Segel ein Zeichen zu setzen gegen die enormen Schäden, die die Frachtschifffahrt heute anrichtet.“ 

Mit Schweröl um die Welt

Genau das ist den wenigsten bewusst, weil in der Öffentlichkeit vor allem Bilder von Umweltschäden an Land präsent sind. Tatsächlich transportieren heute knapp 50.000 riesige Containerfrachter rund 90 Prozent des weltweiten Warenhandels. Dabei braucht ein mittelgroßer Frachter in 24 Stunden über 300 Tonnen Treibstoff. Die meisten verbrennen zähflüssiges Schweröl, das giftigste Antriebsmittel schlechthin. „Die 16 größten Frachtschiffe stoßen so viel Treibhausgase aus wie alle Autos dieser Welt“, sagt Andreas Lackner. Und immer wieder verweist er darauf, wie erschreckend viel von der über die Weltmeere transportierten Ware innerhalb kürzester Zeit wieder im Müll landet. Bis der Kriegskutter als Last tragender Segler in See stechen konnte, war es ein weiter Weg. Lackner und seine Kompagnons verkauften Anteilsscheine ihrer neuen Firma, sammelten 350.000 Euro ein und trommelten Freiwillige aus der ganzen Welt zusammen.Sie rissen den Dieselmotor heraus, beplankten neu, dichteten ab, strichen, setzten zwei Masten und die Takelage auf. Das dauert zwei Jahre. Teilweise mussten die Gründer Spezialisten für Handwerke auftreiben, die es gar nicht mehr gibt. 2009 schließlich war die „Tres Hombres“ fertig: Eine Brigantine mit einer Masthöhe von 21 Metern und Platz für 35 Tonnen Fracht – sowie für fünf Mann Besatzung und zehn zahlende Gäste an Bord. Mitfahren kann jeder, ohne besondere Vorkenntnisse. Allerdings sollte man bereit sein, hart anzupacken: Es wartet eine Wache von sechs Stunden am Tag und vier Stunden in der Nacht. Täglich. Hoch in den Wanten sind Segel zu setzen und zu bergen, unten das Deck zu schrubben, der Lack zu erneuern, Brot zu backen. Weil bei komplexen Wendemanövern die gesamte Mannschaft an Deck sein muss, dauert eine Wache auch einmal 14 Stunden. 

Zum Ausgleich gibt es weder Balkone noch Außenkabinen, sondern Schlafkojen mit zwei bis acht schmalen Holzbetten unter Deck. Ein professioneller Koch tischt täglich frisch auf. „Wenn das Wetter schlecht ist, hat man zwei, drei Wochen kein trockenes Gewand an“, erzählt Gerald Spitzer. Oder man verbringt einfach Wochen auf offenem Meer, weil Windstille ist. Zum Duschen bekommt jeder einmal pro Woche einen Kübel Süßwasser. Und ansonsten kübelweise Meereswasser 2600 Euro kostet der Trip von den Kanaren bis zur Dominikanischen Republik. Für die Tour von Holland bis zu den USA und zurück werden 9100 Euro fällig. Doch in den Berichten der Fahrgäste ist die Begeisterung mit Händen zu greifen: Auf der „Tres Hombres“ bekommen sie ein Erlebnis, das kein Kreuzfahrtschiff dieser Welt bieten kann. Und ganz nebenbei werden sie echte Segelexperten. 

Und damit wird hinter dem so archaischen Geschäft der „Tres Hombres“ ein dreidimensionales Konzept sichtbar: Erstens transportiert die Mannschaft völlig emissionsfrei fair gehandelte Ware. Das Interesse der Unternehmen daran ist groß, weil sie mit dem Label des Schiffes ein perfektes Marketinginstrument bekommen. Zweitens fahren begeisterte, arbeitende und zahlende Fahrgäste mit. Und drittens treibt die Crew ihr wichtigstes Ziel voran: Die Botschaft zu kommunizieren, dass die konventionelle Schifffahrt und die globalen Warenströme enorme Schäden verursachen. Dass man die Zerstörung des Planeten niemals verringern kann, wenn man die Warentransporte nicht gravierend ändert. Und, dass Fracht unter Segeln möglich ist.

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