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Die Regierung ist nicht ehrlich

12.10.2017

Zuerst werden durch die Digitale Transformation Jobs verloren gehen, erst dann werden neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze entstehen, meint Fraunhofer-Austria-Research-Chef Wilfried Sihn. Doch damit es überhaupt so weit kommt, müssen Politik und Unternehmer ihr Mindset ändern. Und zwar rasch.

Interview: Stephan Strzyzowski

Wie schnell die Wirtschaft digitalisiert, wird darüber entscheiden, wie erfolgreich ein Land ist. Wo steht Österreich aktuell aus Ihrer Sicht?
Vor einem Jahr haben sich noch viele Unternehmer die Frage gestellt, was Industrie 4.0 überhaupt ist und ob das für sie relevant ist. Mittlerweile hat wohl jeder begriffen, dass die Digitalisierung nicht mehr wegzudiskutieren ist. Viele haben sich auch schon aktiv mit dem Thema befasst. Der Zug hat den Bahnhof verlassen, jetzt muss er nur noch Fahrt aufnehmen.

Wie schnell kommt Österreichs Digitalisierung im Vergleich zu anderen Ländern vom Fleck?
Im Vergleich zu Deutschland und den USA hinkt Österreich leider hinterher. In Deutschland zieht die Industrie weg. Aber auch die deutsche Politik setzt entsprechende Aktionen. Die USA sind vor allem im Bereich der Software Vorreiter.

Unternehmer aus Österreich bekritteln, dass oft schon die Basis – also schneller Internetzugang – fehlt. Wie beurteilen Sie die heimische Infrastruktur?
Die ist sicher aktuell ein Schwachpunkt. Ein flächendeckendes Glasfasernetz wäre ganz wichtig, um bei der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren. Aber nicht einmal die Großstädte sind mit der Basis-Technologie ausgestattet. Den Politikern muss jetzt klar werden, dass in Zukunft nicht mehr Schlag- sondern Datenlöcher darüber entscheiden werden, wie es um unsere Wirtschaft steht. Für den Ausbau des Glasfasernetzes muss die Politik darum auch ausreichend Mittel zur Verfügung stellen.

Es gibt ja die Breitbandmilliarde, die hier Fortschritte bringen soll. Reicht das?
Mit einer Milliarde kann man schon etwas machen, wenn sie richtig eingesetzt wird. Tatsache ist, dass die Unternehmen, die bereits viel Geld mit der Digitalisierung verdienen, nicht in Österreich sitzen. Schlicht und einfach, weil sie schon vor Jahren angefangen haben und bereits entsprechende Datenmengen anhäufen konnten. Man muss es immer wieder sagen: Daten sind das neue Gold. Wir reden hier aber immer mehr über Hürden als über Chancen.

Sie haben ja den Begriff Industrie 4.0 in Österreich geprägt und seit Jahren versucht, das Thema vor allem bei den produzierenden Unternehmen zu positionieren. War es bei ihnen leichter, damit durchzudringen?
Es ist richtig, dass Industrie 4.0 mein Thema ist. Ich habe es als Erster angesprochen, aber ich halte den Terminus mittlerweile für unglücklich gewählt.

Warum?
Wenn man mit Unternehmern spricht, die nicht in der Industrie tätig sind, sagen sie, dass es sie nichts angeht, und sie liegen damit natürlich völlig falsch. Deswegen spreche ich mittlerweile lieber generell von Digitaler Transformation. Da ist klar: Sie wird uns alle betreffen!

Wir haben also noch immer ein Awareness-Thema?
Ja, ich geben Ihnen ein Beispiel: Eine Studie der WKO hat kürzlich eine sehr große Anzahl von Unternehmen nach ihrer Selbsteinschätzung gefragt. Der Tenor war: Wir sind alle schon sehr aktiv. Aber wenn man dann nachfragt, was sie wirklich tun, zeigt sich, dass sie mit Digitalisierung eine Homepage und das Einsetzen von E-Mail meinen.

Woran liegt diese Diskrepanz?
Daran, dass die Digitalisierung ein sehr breites Feld ist, dass von einzelnen Maßnahmen bis hin zum gesamten Geschäftsgegenstand reicht. Wer sich damit nur oberflächlich auseinandersetzt, entwickelt schnell ein falsches Verständnis. Meiner Erfahrung nach kann man die KMU darüber hinaus auch in zwei Lager teilen. In jene, die der Entwicklung positiv gegenüberstehen und jene, die sie sehr negativ sehen. Das negative Lager ist überzeugt, dass sie sich bereits damit befasst haben, es aber nicht geht, weil! Diese Unternehmen kann man nur über die Risiken, die sich durch ihre Ablehnung eingehen, überzeugen.

Viele Unternehmer sind ja mit ihrem Alltagsbusiness extrem gut ausgelastet und alles andere als IT- oder Digitalisierungsexperten. Dass sich die Lust, sich mit dem Thema zu befassen, bei vielen KMU in Grenzen hält, ist also wenig verwunderlich.
Keine Frage. Vor allem, weil jetzt Themen auf sie zukommen, die bislang gar nicht existent waren. Da geht es um Robotik, um Sensoren, um das Internet der Dinge. Um sich diesen Herausforderungen zu stellen, fehlen auch meistens schlichtweg die Mitarbeiter.

Würde es die Mitarbeiter mit den entsprechenden Qualifikationen überhaupt am Arbeitsmarkt geben?
Das ist ein sehr komplexes Thema. Da die Digitalisierung ein sehr weites Feld ist, gibt es auch hunderte Technologien, die man nutzen kann. Was wir sicher benötigen, sind viel flexiblere Ausbildungsmöglichkeiten. Es muss leichter werden, individuelle Studien zu beantragen. Auch Unternehmen müssen die Möglichkeit erhalten, Kurse zu sponsern. In Stanford geht es ja auch. Wir müssen aber auch in der Lehrlingsausbildung ansetzen und dafür sorgen, dass Digitalkompetenzen erworben werden.

„Wir steuern auf ein enormes Sozialproblem zu.“

Wenn man bedenkt, dass niedrig qualifizierte Jobs in Gefahr sind und weiß, dass in den letzten drei Jahren zwölf Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen haben, wird einem klar, dass sie alle Kunden des AMS werden. Das Sozialsystem auf diese Weise zu belasten ist wesentlich teurer, als in die Ausbildung zu investieren.

Haben Sie den Eindruck, dass dieser Umstand bei der Politik nicht bekannt ist, oder einfach ignoriert wird?
Die Regierung ist hier nicht ehrlich. Wir steuern auf ein enormes Sozialproblem zu. Hier muss man den Tatsachen ins Auge sehen und handeln. Es ist schließlich nicht der erste Technologiewandel. Zuerst gibt es immer Verlierer und erst dann Gewinner. Denn es braucht eine gewisse Zeit, bis neue Geschäftsmodelle, Dienstleistungen usw. entstehen.

Welche Berufsgruppen sind besonders gefährdet?
Es geht um Jobs wie den der Kassiererin im Supermarkt. Man wird schon bald durch eine Schleuse gehen und der Betrag wird einem einfach abgebucht. Aber es geht natürlich viel weiter. Journalisten, Rechtsanwälte und Ärzte sind genauso gefährdet.

Aufgrund der Digitalen Transformation erwächst jetzt vielen Unternehmen Konkurrenz aus dem Ausland, die sie bis vor kurzem nicht fürchten musste. Denken Sie, dass die digitale Globalisierung der heimischen Wirtschaft eher schaden oder nutzen wird?
Sie ist eine Chance! Aber um sie nützen zu können, müssen sich auch KMU mit der Globalisierung befassen. Sie werden sich die Frage stellen, wo sie für welchen Markt produzieren müssen, und sie müssen im Auge behalten, wer es besser machen könnte als sie.

Damit tun sich ja schon die großen Konzerne richtig schwer, die entsprechende Ressourcen mobilisieren können.
Deswegen wird es auch viele von ihnen in zehn Jahren nicht mehr geben. Denken Sie an Unternehmen wie Kodak. Aber auch wenn man sich die Autobranche ansieht: Das Geld wird aktuell mit Auslaufmodellen verdient. Elektrofahrzeuge brauchen sie im Sortiment, weil sie gesetzlich zu gewissen Emissionswerten über alle Modelle gezwungen sind. Verdient wird damit aber nichts. Vielmehr müssen sie rund 5.000 Euro pro Auto bezahlen. Die Leute sind einfach noch nicht vom Mindset dort. Deswegen gründen auch viele Konzerne kleine Firmen, weil es intern noch nicht geht.

Welches Mindset brauchen Unternehmen, um sich dem Thema zu stellen?
Das Thema muss Chefsache sein. Führungskräfte müssen einsehen, dass sie etwas tun müssen und bereit sein, darüber nachzudenken, was sinnvoll ist. Unternehmen müssen darauf fokussieren, wie sie einen Mehrwert für ihre Kunden schaffen können, nur daraus kommt das Geld.

Die technische Grundlage für die Digitale Transformation liegt in intelligenten und digital vernetzten Systemen. Was kommt da durch Quantencomputer und neuronale Netze noch alles auf uns zu?
Fest steht, dass Intelligenz und Arbeitsgeschwindigkeit immer stärker zunehmen. Man kann jetzt aber nicht einmal mehr vorhersagen, wie die Welt in drei Jahren aussehen wird. Fest steht nur, dass sie sich irre verändern wird.

Welche Entwicklungen stehen denn bei Fraunhofer vor der Marktreife?
Wir werden zum Beispiel schon bald einstellbare Materialen herausbringen. Mit ihnen können Autos auf Knopfdruck ihre Farbe wechseln. Ein zweiter großer Trend lautet Biologisierung. Hier geht es darum, wie man mit Digitalisierung mehr Wissen von der Natur in unsere Prozesse übertragen kann. Hier wird aber auch an der Produktion von Organen aus dem 3D-Drucker gearbeitet. Ein dritter wichtiger Bereich umfasst das Thema Energieeffizienz. Im Bereich der Produktion wird es schon bald möglich sein, über Energieoptimierung zu Ressourcenneutralität zu gelangen. Das wird vieles verändern.

Wie weit wird die Digitalisierung durch das Internet der Dinge ins Wohnzimmer reichen?
Wird es überhaupt noch Grenzen geben? Nein, Alexa lässt grüßen. Was jetzt noch eine Spielerei ist, wird wirklich relevant, wenn der Funktionsumfang wächst. Das kann sehr schnell gehen, denn die Preise gehen runter und die Affinität wächst. Der Schüssel dazu werden die Digital Natives sein. Die gehen damit ganz anders um. Sie wollen ihr Haus digitalisieren und mit dem Smartphone steuern.

Spiegelt sich diese Entwicklung auch im B2B-Bereich wider?
Auf alle Fälle. Es gibt immer mehr Firmen, die schon jetzt mit dem Service ein Drittel verdienen. Sie benötigen in Zukunft ihre physischen Produkte nur mehr, um den Service verkaufen zu können. Wenn Sie einem Kunden eine Maschine für eine Million verkaufen, gibt es dann ein Tablet dazu mit einem vorprogrammierten Programm, das ihn direkt mit dem Spezialisten verbindet. Das fühlt sich gut an. Auf solche Aspekte müssen Unternehmen Rücksicht nehmen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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