Direkt zum Inhalt

Die Macht der Liebe

26.02.2019

Wenn wir vom ewigen Wachstum nicht ablassen können, dann brauchen wir eben eine ­Ressource, die unendlich verfügbar ist. Und tatsächlich: Solche Quellen wären verfügbar.

Die letzte Kolumne mit dem Titel „Die Macht des Geldes“ habe ich mit der Frage beendet, ob eine radikale Abkehr vom Glauben an Geld möglich ist. Dieser Glaube ist derart mächtig, dass wir die Verdammnis ewigen Wachstums über uns verhängt haben. Wir müssen wachsen und zwar so schnell, dass wir unter dem Tempo zusammenbrechen. Trotz all der Krisis und Erkenntnis ist keine Rede davon, dieses Dogma aufzuheben. Wie auch? Glaubenssysteme kann man nicht einfach abschalten wie eine Tischlampe. Im mittelalterlichen Europa ist eine radikale Abkehr vom Gottesstaat völlig undenkbar gewesen. Nicht einmal der Gedanke, dass man abkehren könnte, war denkbar. 
Und doch ist sie heute Realität. Wir haben heute in Europa keinen Gottesstaat mehr. Wir haben Wirtschaftswachstumsstaaten und können uns heute die Abkehr von diesem Zustand nicht vorstellen. Also, wer weiß. Schauen wir einmal, wohin die Reise gehen kann. Der Historiker Yuval Harari legt in seinem Buch „Homo Deus“ einen interessanten Gedanken nahe. Wenn wir so versessen auf ewiges Wachstum sind und das bedauerliche Problem haben, begrenzte Ressourcen auszubeuten, könnten wir uns doch – anstatt den Wachstumsfetischismus aufzugeben – auf die Suche nach unbegrenzten Ressourcen begeben. Mit unbegrenzten Ressourcen kann man unbegrenzt wachsen und beutet diese Ressourcen auch nicht aus, denn Unendliches ist unendlich verfügbar. 
„Die traditionelle Sicht der Welt als Kuchen mit fester Größe geht davon aus, dass es auf Erden nur zwei Arten von Ressourcen gibt: Rohstoffe und Energie“, schreibt Harari, „in Wirklichkeit aber gibt es dreierlei Arten: Rohstoffe, Energie und Wissen.“ Und Wissen ist eine wachsende Ressource. Man hat immer mehr davon, je mehr man sie nutzt. 
Diesen Gedanken Hararis finde ich faszinierend und dann ein wenig enttäuschend. Er fasziniert, weil er die Logik des Wachstumsproblems umkehrt und nicht zu Sparsamkeit aufruft, sondern zur Suche nach einer unendlichen Ressource, die man so richtig hemmungslos nutzen kann, ohne dass sie weniger wird. Und die uns weiter und weiterbringt, in lichtvolle menschliche Höhen. Das scheint mir eine gute Spur. 
Dass es aber das „Wissen“ sein soll, finde ich letztlich enttäuschend. Denn Wissen beherrscht uns bereits, wir leben ja angeblich in einer Wissensgesellschaft und finden wahres Wissen in der Fülle von Daten nicht. Das Wissen ist es ja, das uns dorthin gebracht hat, wo wir sind. Es mündet im Glauben, dass man heute ruhig letale Entscheidungen treffen kann, weil dem Menschen morgen schon etwas Geniales einfallen wird, um doch noch ein Überleben zu sichern. Harari selbst schreibt: „Reichte es früher aus, einmal im Jahrhundert etwas Geniales zu erfinden, so brauchen wir heute alle zwei Jahre ein Wunder.“
Ja, das Wissen ist gewiss unerschöpflich, aber es kommt aus der rein geistig-rationalen Ecke. Es ist seelenlos. Es ist unendlich wichtig und doch armselig. 
Aber wir sollten auf Hararis Spur bleiben und einfach dorthin sehen, wo derzeit kein Licht hinfällt. Auf die Liebe. Die Liebesfähigkeit des Menschen ist unermesslich, wir begehren nichts so sehr wie die Liebe, setzen sie aber kaum ein – außer nach Dienstschluss im Eigenheim. Was für eine Welt hätten wir, wenn wir die Liebe für unser aller Leben in allen Bereichen nutzten? Das wäre eine unendliche Ressource, die es lohnt zu beachten. Auch sie wächst, je mehr man sie nutzt, fügt aber all der Vergeistigung, in der wir uns befinden, die notwendige seelische Komponente hinzu. Das Einwirken von Liebe in Politik und Ökonomie könnte die ultimative Revolution des Jahrtausends sein und nachhaltig das Leben der Menschheit sichern. Die Liebe würde uns weit vernünftigere Entscheidungen treffen lassen, als es derzeit durch die reine Vernunft möglich ist. Sie würde uns und unsere Kinder und Kindeskinder umfassen, den Planeten, auf dem wir leben, und alle seine Bewohner. Und sie würde uns schlagartig mit Sinn erfüllen. Die Macht der Liebe ist größer als die Macht des Geldes.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

Werbung

Weiterführende Themen

Stories
13.11.2018

Die Epoche des starken Wirtschaftswachstums sei vorbei, stellt Prof. André Reichel in einem neuen Buch fest. Das sei aber kein Beinbruch. Vor allem KMU können von einem Next Growth profitieren. ...

08.10.2018

Die beiden US-Markoökonomen William Nordhaus und Paul Romer bekommen in diesem Jahr den "Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel" für Wirtschaft ...

Stories
26.07.2018

Es muss nicht immer Wachstum sein. Es gibt auch andere Konzepte, die Unternehmen zu mehr Stärke und Nachhaltigkeit verhelfen. Ein Plädoyer für ­Redimensionierung als bewusste Reduktion.

Meinungen
26.07.2018

Sommer ist die Zeit des Reifens. Was können wir vom Sommer für das Unternehmen lernen? Dass es Zeiten gibt, wo nichts Neues mehr kommt und wo noch nicht geerntet wird.

Stories
23.11.2017

Die Weltwirtschaft erholt sich, und Österreich zieht mit. Dafür, dass der Aufschwung nachhaltig sein wird, gibt es keine Garantie. Doch es sieht gut aus.

Werbung